Wie viel Vielfalt braucht die Natur?
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Wie viel Vielfalt braucht die Natur?
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„Vom Aussterben bedroht!" steht am Gehege des sibirischen Tigers im Tierpark in Schönbrunn. Was für den Tiger gilt, gilt für unzählige Tier- und Pflanzenarten. Na und? Mag so mancher vielleicht fragen. Auf den ersten Blick spielen die Auerhähne in den Wäldern und der Enzian auf den Wiesen keine Rolle für unser Alltagsdasein. Trotzdem hat die Artenvielfalt eine Bedeutung für den Menschen, welche weit über ethische und ästhetische Aspekte hinausgeht. |
Südtirol ist durch seine heterogenen naturräumlichen Voraussetzungen – von Gletschern über Weinbaugebiete bis zu steppenähnlichen Vegetationsinseln – und die vielfältige menschliche Nutzung ein Kleinod der natürlichen Vielfalt. Laut Naturmuseum gibt es ca. 2600 Gefäßpflanzenarten- und unterarten in Südtirol. Das ist über die Hälfte aller im Alpenraum bekannten Arten. Was die Tiere betrifft, liegt die Zahl wesentlich höher: man schätzt den Artenbestand auf ca. 28-30.000. Dies sind beachtliche Zahlen. Doch die Artenzahl schwindet. Die Hauptschuld trägt, ob es uns gefällt oder nicht, der Mensch. Dass Arten aussterben oder Neue entstehen, ist zwar im Grunde natürlich, und deshalb keineswegs besorgniserregend. Was der Wissenschaft jedoch Sorge bereitet ist die Tatsache, dass die Aussterberate durch den Menschen sehr stark beschleunigt wird. Sie ist daher weitaus größer als es die natürliche Rate unter den heutigen Bedingungen wäre. 41 % der bekannten Tierarten und rund 30 % der Pflanzenarten Südtirols sind gefährdet bzw. vom Aussterben bedroht.
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Wie wirkt sich dieser der Verlust der Artenvielfalt aus, bzw. welchen Wert hat natürliche Vielfalt? Dieser reicht von der Reinigung der Gewässer, über das Gleichgewicht von Ökosystemen, die Stabilität von Böden oder die Produktivität unserer Kulturflächen bis hin zu unserem eigenen, ganz persönlichen Wohlbefinden. | Das spiegelt sich auch in den Ergebnissen der Freilandforschung zur Gewässerfauna, Pflanzenvielfalt und Landschaftsvielfalt der EURAC wieder.
Mit der Ratifizierung des Abkommens zum Erhalt der natürlichen Vielfalt, der so genannten Biodiversitäts- Konvention, hat sich Italien und somit auch Südtirol verpflichtet, seine biologische Vielfalt zu erhalten. Voraussetzung dafür ist es, Stand und Entwicklung dieser Vielfalt zu kennen bzw. messen zu können. Es ist ein jedoch ein unmögliches Unterfangen alle Lebewesen einfach zu zählen. Dennoch benötigt die Politik Richtlinien und Zahlen, an welchen sie sich orientieren und den Erfolg von Schutzmaßnahmen messen kann. Mit dieser Thematik beschäftigt sich unter anderem die Biodiversitätsforschung des Instituts für Alpine Umwelt. Im Rahmen eines Überwachungssystems für nachhaltige Entwicklung, wurden Maßzahlen, sog. Indikatoren zu Messung der Biodiversität entwickelt. Indikatoren haben den Vorteil, dass sie auf einen Zustand oder eine Entwicklung hinweisen, ohne dass flächendeckende Erhebungen dafür benötigt werden; dies spart Zeit und Kosten. So kann z.B. das Vorkommen einer bestimmten Fischart ein Indikator für die Wasserqualität sein. Ziel ist es, die Biodiversität jeder Gemeinde Südtirols zu messen. Dafür wurden verschiedene Ansätze gewählt, welche drei Ebenen abdecken sollen: Lebensraumvielfalt, Artenvielfalt und genetische Vielfalt. Letztere ist verantwortlich für die individuellen Ausprägungen eines Organismus wie z.B. die Augenfarbe. Dabei hat sich gezeigt, dass gerade der Lebensraumvielfalt eine große Bedeutung zukommt: in einer vielfältigen Landschaft finden mehr Lebewesen Raum als in einer eintönigen. Der Verlust von geeigneten Lebensräumen ist deshalb der Hauptgrund für das Aussterben vieler Arten. Im Tal, wo der menschliche Einfluss sehr groß ist, wird die Artenvielfalt sehr stark vom Menschen beeinflusst: vermindert einerseits, durch Monokulturen in der Landwirtschaft, künstlich erhöht andererseits, durch das Einführen neuer Kultur- und Zierarten auf Äckern, Parks oder Promenaden. Doch auch in der alpinen Region hat es z.B. durch das Auflassen von Almflächen starke Veränderungen geben.
Welches langfristige Ziel soll also durch Schutzmaßnahmen angestrebt werden? Ist es die ständige Zunahme der Vielfalt? Auch wenn diese durch das künstliche Entstehen neuer Lebensräume oder die Einfuhr fremder Arten geschieht? Soll der aktuelle Zustand erhalten werden? Klar ist, dass die ursprüngliche Situation vor den massiven menschlichen Eingriffen nicht wieder hergestellt werden kann. Doch kann es ein klares Ziel sein, den menschlichen Einfluss auf einem für die Natur erträglichen Niveau zu halten. Der sog. Hemerobieindikator, welcher eigens dazu ins Nachhaltigkeitsindikatorenset integriert wurde, misst den Einfluss des Menschen auf Lebensräume. Bewertet man die Vielfalt auch unter diesem Blickwinkel, so kommt man der Antwort bereits näher, denn die Bewertung des menschlichen Einflusses ist eindeutig: je größer umso schlechter.
25.07.05
Elisabeth Sternbach
Weitere Informationen zum Thema Biodiversität finden Sie unter: • The Convention on Biological Diversity • Biodiversität in Österreich • Biodiversitätsmonitoring Schweiz • Rote Liste gefährdeter Tierarten Südtirols
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