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Gut gehen soll es uns. Heute. Und möglichst auch noch morgen. Die Zeiten vorschneller Entscheidungen, die die Wirtschaft kurzzeitig florieren, zugleich aber die Umwelt langfristig schädigen, sind vorbei. Heute wird geplant. Und das möglichst gemeinsam. Doch einfach ist das nicht. Axel Borsdorf, Professor für Geographie an der Universität Innsbruck erklärt, wie die Alpenstaaten versuchen, ihren Regionen die gleichen Entwicklungschancen zu garantieren, um gemeinsam konkurrenzfähig zu sein. |
Herr Borsdorf, wieso ist es so schwierig ein Konzept zur nachhaltigen Regionalentwicklung zu für den Alpenraum erstellen?
Das Problem liegt im Begriff der Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit ist an und für sich ja gar keine Zielkategorie. Es ist vielmehr eine Bewertungskategorie. Man sieht eben erst hinterher, ob die Entscheidungen, die man für die Planung eines Raumes getroffen hat, erfolgreich waren oder nicht.
Will man nun ein Konzept zur nachhaltigen Entwicklung erstellen, muss man sich überlegen, dass die Maßnahmen, die man ergreift, den späteren Bewertungskriterien der Nachhaltigkeit entsprechen.
Wie findet man solche Messkriterien für Nachhaltigkeit heraus?
Das ist eben gerade die Schwierigkeit. Das Projekt DIAMONT hat sich gerade das zum Ziel gesetzt.
Wie gehen Sie im Projekt vor?
Zunächst ist es einmal wichtig über die nötigen Daten zu verfügen. So muss ich mir zunächst überlegen, welche Daten ich brauche, um Nachhaltigkeit zu messen.
Welche sind das?
Das sind Daten ganz unterschiedlicher Art, zu Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft. Beispielsweise können das Angaben zur Artenvielfalt sein. Oder auch Luftverschmutzungswerte. Wichtig ist jedoch vor allem, dass diese Daten dynamisch sind. Denn wir haben ja eine Entwicklung im Auge.
Um künftige Entwicklungen prognostizieren zu können, müssen wir zunächst einmal wissen, wie die Vergangenheit ausgesehen hat, wie sich bestimmte Aspekte, beispielsweise die Artenvielfalt, in den letzten Jahrzehnten in einem Raum verändert haben.
Liegen diese Daten aus der Vergangenheit immer vor?
Nein leider nicht. In der Tat tritt das Problem immer wieder auf. Auf der einen Seite haben wir natürlich amtliche Daten zur Verfügung, durchaus auch in Zeitreihen. Allerdings sind diese vielfach nicht miteinander vergleichbar, weil sich die Definition oder die Bezugsgröße geändert hat. So kann, z. B. eine Gemeinde zusammengelegt worden sein. Schon stimmen die Bevölkerungszahlen nicht mehr überein. Für uns ist es nun eine erste Herausforderung diese Daten zu harmonisieren, so dass wir die alten Daten mit den heutigen vergleichen können, um so eine Entwicklung feststellen zu können.
Schwierig ist es sicher auch, die Daten aus den einzelnen Alpenstaaten miteinander zu vergleichen.
Ja. Das ist eines der größten Probleme. Daran ist auch das „Alpine Beobachtungs- und Informationssystem SOIA" gescheitert. Hier hat man 11 Jahre lang versucht, so etwas auf die Beine zu stellen und ist gerade an den Schwierigkeiten der Harmonierung der Daten im Alpenraum mit den 7 Staaten gescheitert. Das Projekt DIAMONT steht in unmittelbarer Beziehung dazu. Es soll helfen, dieses Informationssystem neu zu konzipieren. Durchaus nicht nur auf der Basis der quantitativen Daten, über die wir jetzt gesprochen haben, sondern durchaus auch unter Einbeziehung neuer qualitativer Daten.
Welche sind das?
Das sind eher kulturellere Faktoren, wie Wert- und Normvorstellungen, unterschiedliche Traditionen, die auch in der Raumgestaltung eine Rolle spielen, auch unterschiedliche Wertsetzungen. Wird eine Struktur als angenehm empfunden oder nicht. So etwas ist sehr stark kulturabhängig und somit in den einzelnen Alpenregionen unter Umständen verschieden. Wir haben nun den Auftrag, gerade diesen kulturellen Faktoren nachzuspüren.
Wie tun sie das?
Dies geschieht zunächst einmal durch Experteninterviews.
Wer wird da interviewt?
Das sind ganz unterschiedliche Menschen im gesamten Alpengebiet: Entscheidungsträger, Leute, die in NGO's arbeiten, oder auch ganz einfache Bürger. Wir gehen dabei nach einem mehrfach gestuften System vor. Die Experten werden zunächst einzeln befragt. Anschließend konfrontieren wir sie dann nochmals mit den Einschätzungen der anderen interviewten Personen. Mit dieser Methode versuchen wir, den Zukunftsfragen, den künftigen Herausforderungen im Alpenraum näher zu kommen.
An welchem Punkt sind sie gerade im Projekt?
Wir befinden uns gerade in dieser „Kulturwolke", am Ende der ersten Phase der Expertenumfrage. Derzeit fassen wir die Antworten so zusammen, so dass wir sie wieder aussenden können, um die befragten Personen mit den Antworten der anderen zu konfrontieren. Langfristiges Ziel ist natürlich die Ausarbeitung eines Konzeptes für eine nachhaltige Regionalentwicklung und zwar über alle Grenzen und Kulturen hinweg. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg.
12.08.05
Das Interview führte Julia Reichert.