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Risikomanagement im Alpenraum – haben wir die Natur im Griff? 
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Schlamm und Geröll bedecken den Boden der Museumsbibliothek in Grimma. Hier und da sind halb aufgeweichte Buchfetzen zu entdecken. Von den 9000 alten Bänden haben 1000 die  Hochwasserkatastrophe im Sommer 2002 heil überstanden. Die Bilanz des kleinen Museums in Ostdeutschland gleicht unzähligen anderen. Nicht immer gelingt es uns die Natur zu zügeln.

Auch wenn wir mit Forschung und Technik versuchen, die Natur in den Griff zu bekommen, schlagen immer wieder Naturkatastrophen zu. Aller Technologisierung, Mechanisierung und Innovation zum Trotz.

Der Siedlungsdruck und sozio-ökonomische Wandel unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten führte zu großen Veränderungen der Landschaft und damit zu einer Zunahme der Gefahr. Natürlich gab es auch früher Felsstürze, Lawinen, Muren und Hochwasser. Nur waren damals kaum Siedlungsräume betroffen. Mit der Errichtung von Lawinenverbauungen, Steinschlagschutzwerken, Dämmen oder der Begradigung und Eindämmung von Flüssen hat man in Gegenden, die früher als Risikozonen galten, neue Siedlungen, Erholungszonen und Verkehrswege geschaffen. Wenn wir beim Thema „Hochwasser" bleiben, so ist ein künstliches Flussbett nicht in der Lage, bei Extremereignissen die Abflussspitzen aufzunehmen, der Fluss tritt über die Ufer. Das Fehlen von natürlichen Überflutungsräumen lässt das Wasser direkt in die Häuser fließen.
Aber auch der anhaltende Trend der Brachlegung von Feldern insbesondere im Bereich unserer Almen birgt Gefahren. Es kommt zu Veränderungen in der Vegetation, im Abflussverhalten bei Niederschlägen, und die ungemähten Bestände sind ideale Gleitflächen für Nassschneelawinen.
Wie groß ist die Gefahr durch Bewirtschaftungsänderungen wirklich?
Das Institut für Alpine Umwelt forscht seit Jahren auf dem Gebiet des Risikomanagements und beschäftigt sich dabei insbesondere mit den Auswirkungen der stattfindenden Landschaftsveränderungen auf Naturgefahren. Die Ergebnisse unserer Untersuchungen zeigen, dass wir die Vorgänge in der Natur weiter genauestens beobachten und analysieren müssen, um eventuelle negative Auswirkungen hinsichtlich der Gefahr von Naturkatastrophen besser erkennen und verhindern zu können.
Entscheidet sich der Bauer beispielsweise sein Feld nur alle 2 Jahre zu mähen, so kommt es bereits zu einer deutlichen Veränderung der Bodenbedeckung. Die dadurch stattfindende Abnahme der Verzahnung zwischen Schnee und Boden führt zu einer größeren Gefahr von Lawinen. Weiters kommt es zu einer Zunahme des Oberflächenabflusses. Dieser dringt durch Risse in den Boden ein und führt zu einer Unterspülung ganzer Hänge. Damit können bisher ungefährliche Risse zu Startpunkten für Muren werden.

Was können wir tun?
Die Forschung auf diesem Gebiet darf sich nicht nur auf punktuelle Effekte konzentrieren, sondern muss auch die kausalen Zusammenhänge beschreiben können. Die Katastrophe an sich ist das Ergebnis vieler miteinander verketteter Ereignisse. Der Eingriff in ein Glied dieser Kette führt zu Veränderungen am Kettenende. Im Moment ist jedoch noch häufig unklar, was sich am Ende der Kette befindet. Wie wichtig daher eine umfassende Kenntnis über die Funktion jedes dieser Glieder ist, zeigt auch folgendes Beispiel: Durch Aufforstungsmaßnahmen oder technische Hilfsmaßnahmen können wir das Aufkommen eines geschlossenen Waldbestandes fördern, sodass nach Brachlegung einer Fläche die Gefahr von Muren oder Lawinen deutlich minimiert wird. Der Wald kann viel mehr Wasser aufnehmen und daher auch Hochwasser verhindern. Gleichzeitig müssen wir aber auch die Frage stellen, ob dies nicht auch weniger Grundwasser, geringere Speisung der Quellen und eventuell sogar eine Abnahme der Trinkwasserreserven bedeutet.

Was bedeutet Risikomanagement heute?
Ein erfolgreiches Risikomanagement funktioniert nur durch vernetztes Denken, das zeigen unsere bisherigen Ergebnisse. Die Sicherheitsmaßnahmen dürfen nicht ausschließlich auf ein bestimmtes Ereignis ausgerichtet sein. Der Kampf gegen die Naturgefahren muss an vielen Fronten stattfinden. Vor allem müssen in der Raumplanung Risikozonen unbedingt berücksichtigt werden. Weiters gilt es großflächige und sprunghafte Bewirtschaftungsänderungen zu vermeiden. Besonderen Schutz brauchen auch die Einzugsgebiete der Bäche und Flüsse. Die häufig stattfindende Versiegelung von diesen Gebieten durch Skipisten und die dazugehörige Infrastruktur stört das ökologische Gleichgewicht und führt damit zu unvorhersehbaren Konsequenzen im Falle extremer Witterungsbedingungen.

Ganz ohne Technik? – natürlich nicht. Technische Maßnahmen werden weiter notwendig sein, um offensichtliche Gefahrenstellen zu entschärfen. Unser Ziel ist es jedoch, dass die ursächlichen Zusammenhänge für das Entstehen einer Naturkatastrophe stärker in das Bewusstsein des Risikomanagements rücken. Denn wenn wir wissen „Warum?" und „Woher?", können wir das „Wohin?" besser voraussagen: Dann wissen wir, wo sich Eingriffe in die Natur auswirken.

Eines ist im Moment dennoch offensichtlich: Aller Technologisierung und Wissen der Forschung zum Trotz hat der Mensch die Natur nicht wirklich im Griff.
Noch immer gehen wir zu sorglos und zu kurzsichtig mit unserer Umwelt um. Der Mensch ist Teil der Evolution, und Evolution ist die Anpassung an geänderte Umwelteinflüsse. Wir müssen uns unserer Umwelt ständig anpassen, womit die Frage „Wer hat Wen im Griff?“ wohl eindeutig beantwortet ist.

Georg Leitinger

18.07.05


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