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Als die Bauern Südtirols noch 'Selbstversorger' waren, nutzten sie die wenigen günstigen Lagen im Talbereich für den Anbau von Getreide und Ackerfrüchten. Das Heu gewannen sie auf den steilen Talhängen und auf den hochgelegenen Bergmähdern. Heute ist vieles anders. Was genau sich geändert hat, was die Zukunft bringt und welche Folgen daraus erwachsen, ist ein zentraler Forschungsschwerpunkt des Institutes für Alpine Umwelt. |
'Natürlich haben wir dort oben früher gemäht. Nicht jedes Jahr, aber immer dann, wenn es sich rentiert hat. Man nutzte jedes Büschel Heu', erinnert sich ein alter Bauer. Tage- und oft wochenlang setzten die Bauern alle verfügbaren Kräfte für die schwere und auch gefährliche Arbeit auf den Almwiesen ein. Heute ist eine solche Bewirtschaftung kaum mehr vorstellbar und rentabel ist sie schon lange nicht mehr. Es fehlt an Zeit und Personal. Nur die günstig gelegenen Bergmähder werden noch gemäht, alle anderen Flächen liegen brach oder dienen als Almweiden. Ähnliches gilt auch für die Wiesen im Tal. Noch bis in die 70er Jahre wurde in Tallagen Getreide angebaut. Heute betreiben die Bauern in höheren Lagen hauptsächlich Milch- und Viehwirtschaft. Auf den tiefer gelegenen Talböden breiten sich Apfelplantagen und Weingärten aus.
Diese Entwicklungen sind das Ergebnis der wirtschaftlichen Situation der Bauern. Die Selbstversorgerwirtschaft von damals hat sich zu einer spezialisierten Produktion für den globalen Markt gewandelt. Daher muss der Bauer heute entweder zeitsparend und kostengünstig produzieren, indem er hauptsächlich mit Maschinen arbeitet, mehr düngt und steile oder abseits gelegene Flächen brach legt, oder er spezialisiert sich auf qualitativ hoch stehende Produkte. Viele Bauern gehen zudem einem Nebenerwerb nach. All das wirkt sich entscheidend auf die Landschaft und ihre Funktionen aus. Es verändert sich nicht nur das Landschaftsbild, sondern es kommt zu gravierenden Auswirkungen auf die natürliche Vielfalt - die so genannte Biodiversität, den Wasserhaushalt oder das Risikopotential der Landschaft.
Um solche Entwicklungen aufzeigen und deren Folgen nachzeichnen zu können, bedarf es einem Blick in die Vergangenheit. Das Institut für Alpine Umwelt hat sich daher in den letzten Jahren mit der Erhebung von so genannten Landschaftsentwicklungsreihen im gesamten Alpenraum beschäftigt. Dabei erstellen wir für mehrere Zeitpunkte auf der Basis von alten Karten (z.B. Franzisceische Landesaufnahme, 1806-69) und Flugaufnahmen, sowie Befragungen von Bauern vor Ort und historischen Daten (z.B. Landwirtschaftszählungen) flächendeckende Karten der Landnutzung. Weiters erheben wir auch die Ausstattung der Landschaft mit Hecken und Einzelbäumen sowie die Zusammensetzung aus verschiedenen Lebensräumen wie Flussauen oder Moore.
Die Ergebnisse zeigen ganz eindrücklich, dass sich die Landschaft im Alpenraum auf unterschiedliche Art und Weise stark verändert hat. Beispielsweise dominieren heute bei günstigen wirtschaftlichen und naturräumlichen Bedingungen, wie z.B. in Tirol und Südtirol, Intensivkulturen. Ackerbauflächen, Apfelplantagen und Weingärten bedecken die Talböden und Mähwiesen die Hangflanken. Werden die Bauern hingegen nicht finanziell unterstützt –sei es durch spezielle Produkt-, Struktur- oder Flächenförderungen, rentiert sich der Betrieb kaum mehr. Als Folge davon geben viele Bauern auf und wandern ab. Der Wald erobert die Kulturflächen zurück - so geschehen in weiten Bereichen der italienischen und französischen Alpen. Was jedoch allen Gebieten gemeinsam ist, ist die Tatsache, dass viele Almgebiete nicht mehr bewirtschaftet werden.
Wie schaut nun aber die Zukunft der Landschaft aus? Gibt es immer mehr Wald oder bleibt die Landschaft so vielfältig? Welche ökologischen Folgen hat das? Auch mit diesen Fragen, die gerade für zukünftige Entscheidungen von besonderer Bedeutung sind, beschäftigt sich das Institut für Alpine Umwelt. Dabei hilft uns zum einen das Wissen über die Vergangenheit und zum anderen wenden wir modernste Vorhersagemethoden aus der Sozialwissenschaft und der Landschaftsökologie an. Damit können wir einen Einblick in zukünftige Entwicklungen geben. Beispielsweise nehmen wir an, dass sich in Zukunft die Unterstützung der EU für die Berglandwirtschaft reduziert oder ein größeres Augenmerk auf die ländliche Entwicklung gelegt wird. Die Folge davon – so unsere Ergebnisse – sind massive Veränderungen der Landschaft. Welche genau, ist unter http://www.eurac.edu/Org/AlpineEnvironment/Projects/soil_mountain.htm nachzulesen. Diese Ergebnisse bilden zudem die Basis, um ökologische Folgen solcher Entwicklungen zu beurteilen. Dabei rechnen wir punktuelle Messdaten wie etwa zu Biodiversität, Erosionsgefährdung oder Kohlenstoffspeicherung auf die Fläche hoch. Somit sind wir in der Lage, Aussagen zu den großflächigen Folgen der Landschaftsentwicklung zu formulieren. Bisher konnten wir etwa nachweisen, dass die Intensivierung der Landwirtschaft den Anteil an Kleinstrukturen (z.B. Hecken oder Feldgehölze) und die Biodiversität verringert sowie die Erosionsgefährdung erhöht. Andererseits führt eine Nutzungsaufgabe zu einer Verbesserung des Wasserhaushalts und damit zu einer Verringerung der Wildbachgefahr sowie zu einer erhöhten Aufnahme an Kohlenstoff aus der Atmosphäre, was der Klimaerwärmung entgegenwirkt. Somit liefert das Institut für Alpine Umwelt ganz wesentliche Antworten zu aktuellen Forschungsfragen und bietet damit fundierte Grundlagen für wichtige politische und wirtschaftliche Zukunftsentscheidungen.
Kirsten Schellenberg & Erich Tasser