kontakt | site map | impressum           18.5.2008
Logo EURAC  
  NEWS ARCHIV    
      Veranstaltungen    
      Kurse    
      Forschung    
      Neuerscheinungen    
      Stellenangebote    
SUCHE IN EURAC.EDU  
 

Hat Tradition Zukunft?  
Home  |  Focus  |  Baukultur  |  Hat Tradition Zukunft?  

 

Vor 50 Jahren wurde der berühmte Architekt Clemens Holzmeister zum Ehrenmitglied des Südtiroler Künstlerbundes ernannt. In seiner Dankesrede sagte er, „dass er immer wieder gerne in Südtirol einkehre aber nicht seine Erschütterung über so manche ungewohnte neue Ansicht in der lieben Landschaft und Siedlung verhehlen möchte. Der Stadtverwaltung sei anzulasten, dass sie derartige Bauten zugelassen hat, wie sie allüberall in Bozen störend und zerstörend zu erblicken sind."

 

Seit mehr als 15 Jahren bauen die Südtiroler soviel wie nie zuvor und in einer Weise, die eine Bürgergruppe in St. Ulrich jetzt veranlasste vor den Wahlen an die Kandidaten zu appel-lieren „der horrenden Bauspekulation in St. Ulrich einen Riegel vorzuschieben." „Wir ver-schachern unsere Heimat" schreibt die Gruppe weiter. „Nach der Ära Benedikter wurden die Bestimmungen immer mehr gelockert, was anderswo vielleicht richtig war aber für St. Ulrich und andere Tourismusorte jedoch fatal.."

Tatsache ist, dass die restriktiven Bauvorschriften der Benedikter-Zeit nicht durch eine alter-native Architekturpolitik ersetzt wurde, welche die Notwendigkeit der Erneuerung in einer weit vorausschauenden Raumordnung hätte festlegen können. Eingerissen ist vielerorts eine Art „Gefälligkeitspolitik", welche Baugenehmigungen im Beziehungsgeflecht der Baukommis-sionen an die wirtschaftlich Einflussreichen oder die in Rekursen Hartnäckigen ausgereicht hat ohne eine Ortsentwicklung im Zusammenhang zu berücksichtigen. Dazu kommt die Un-sicherheit der Verantwortlichen in Gestaltungsfragen, welche die wenigen guten Beispiele moderner Architektur in einen Topf mit der Unmenge schlecht gestalteter Bauten werfen und stattdessen nach „alpenländischer Bauweise" rufen. Inzwischen hat sich diese zum Ver-wechseln ähnliche „Lederhosenarchitektur" im gesamten Alpenraum verbreitet und erreicht vor allem bei Hotelbauten karikaturhafte Höhepunkte. Mit der pseudoalpinen Dekoration wird sogar noch der Blick für das Echte der großen Tradition der Baukultur in Südtirol verstellt.

Notwendig ist ein völliges Umdenken. Leitbilder für eine ganzheitliche und nachhaltige Archi-tekturpolitik mit weiter Perspektive in die Zukunft müssen entworfen werden. In einer Region, in der nur 6% der Fläche besiedelbar sind, ist eine restriktive Raumplanung erforderlich. Gestaltungssatzungen müssen neben dem Ensembleschutz eingeführt werden. Ortsverdich-tungen statt landschaftsfressender Ortserweiterungen sind ebenso gefragt wie Umbauten, Umnutzungen und maßstäbliche Erweiterungen statt Neubauten auf der grünen Wiese. Ar-chitekturgestaltung muss auf der Strukturanalyse des Vorhandenen und der ortstypischen Tradition basieren und mit den modernen Mitteln umgesetzt werden. Damit müssen die bes-ten Planer und Architekten möglichst über Wettbewerbe beauftragt werden. Und die Öffent-lichkeit, wir, die betroffenen Bürger müssen lernen uns gegen Renditedenken und Spekulati-on statt Baukultur zur Wehr zu setzen.

Andreas Gottlieb Hempel
27.04.05

 


 
Copyright © EURAC 2008 Seite versenden Seite drucken Seitenanfang