kontakt | site map | impressum           18.5.2008
Logo EURAC  
  NEWS ARCHIV    
      Veranstaltungen    
      Kurse    
      Forschung    
      Neuerscheinungen    
      Stellenangebote    
SUCHE IN EURAC.EDU  
 

Das „Rote-Khmer-Tribunal" 
Home  |  Focus  |  Chean Vannath und Kambodscha  |  Das „Rote-Khmer-Tribunal"  

Vier Jahre, von April 1975 bis Januar 1979, dauerte die Schreckensherrschaft der Roten Khmer in Kambodscha. Unter der Führung von Pol Pot versuchten sie, das ganze Land in eine Art Mittelalterkommunismus zurückzupeitschen.
In seinem Wahn ließ Pol Pot nahezu die gesamte Elite eliminieren, die Hauptstadt Phnom Penh evakuieren und die Stadtbevölkerung zur Zwangsarbeit auf die Felder zu vertreiben. Es genügte, lesen und schreiben zu können, um auf der Stelle erschossen zu werden. Das irrsinnige Experiment im Windschatten des Vietnamkriegs kostete nicht weniger als einem Fünftel der damaligen Bevölkerung Kambodschas das Leben, ein Holocaust in Südostasien, wie es Überlebende in den heutigen Mahnmalen benennen. Im Westen längst vergessen, kam die Schlächterei in den 90er Jahren nochmals über das Kino durch den Film „The Killing Fields" zu Berühmtheit. Vannath Chea, eine aus Phnom Penh stammende Khmer, am 12. Mai 2006 zu Gast in der EURAC, hat diese Zeit miterlebt, doch das Grauen kann sie heute kaum mitteilen. Bis 1993 lebte sie in Kambodscha, wo sie eine Hilfsorganisation für Kriegsopfer aufbaute und leitete, bevor sie in die USA zog. Heute ist die zierliche 70jährige aktiv am „Rote-Khmer-Tribunal" beteiligt.

Es hat 20 Jahre gedauert, erzählt Frau Chea, ehe die internationale Öffentlichkeit überhaupt auf die Idee kam, den Völkermord an den Khmer und anderen Volksgruppen Kambodschas zu ahnden. Zwar hatte kurz nach der Befreiung Kambodschas im Sommer 1979 ein Schauprozess gegen Pol Pot und seine Komplizen stattgefunden. Doch diente dieser eher Propagandazwecken des neuen, von Vietnam unterstützten Regimes von Hun Sen und erfüllte nicht verfahrensrechtliche, geschweige denn völkerrechtliche Normen. Die Juristen, Richter und Beamte waren ja ausgerottet worden und zudem befanden sich die meisten Beschuldigten auf der Flucht im Guerrillakampf gegen Hun Sen.

Jahrelang herrschte ein Konflikt zwischen der UNO und der Regierung Kambodschas über die Frage des Konferenzortes, des anzuwendenden Prozessrechtes und die Inhalte des Tribunals. Vor allem die USA und China blockierten die Verhandlungen bis 2003 die UNO und die Regierung in Phnom Penh ein Abkommen unterzeichneten. Darin wurde vereinbart, das geplante Tribunal von kambodschanischen und internationalen Richtern in Phnom Penh abhalten zu lassen und kambodschanisches Prozessrecht anzuwenden. Obwohl kambodschanische Richter die Mehrheit stellen, muss jede Entscheidung von einem ausländischen Richter mitgetragen werden. 25 Jahre nach dem Sturz der Roten Khmer, am 4. Oktober 2004, beschloss das Parlament Kambodschas das Tribunal. Den Hauptanteil der Kosten trägt übrigens Japan. Das Tribunal soll vor allem der Wahrheitsfindung dienen, erklärt Vannath Chea in der EURAC, und nicht Vergeltung üben. Es wird Urteile sprechen, aber viel wichtiger sei es, die neue Generation mit dem Ungeheuerlichen bekannt zu machen und die Verantwortung und Schuldfrage zu klären. Nur 50-60 der ehemals 2000 Führungskader der Roten Khmer werden überhaupt angeklagt sein. Der Hauptschuldige, Pol Pot, verstarb 1998 im Dschungel. Nur zwei der höchstrangigen Roten Khmer sind in Haft. General Ta Mok und der ehemalige Leiter des Folterzentrums in Phnom Penh, Deuch. Weitere hochrangige ex-Rote Khmer wurden 1996 amnestiert und leben auf freiem Fuß in Kambodscha. Nicht wenige Rote Khmer haben einfach die Seite gewechselt und sind in Hun Sens Regierungspartei eingetreten. Hun Sen selbst war ein „Roter Khmer" gewesen, bevor er zusammen mit Vietnams Kommunisten dem Schreckensregime ein Ende bereitete. „Die heutige Regierung hat kein Interesse daran, die volle Wahrheit auf den Tisch zu bringen", sagt Frau Chea, „sie wollen keine neuen Konflikte mit den verbliebenen Gruppen der Roten Khmer, die in einigen Gebieten noch großen Einfluss haben".


Doch kann man sich „aussöhnen" ohne die Wahrheit zu kennen? Auf die über 1000 Juristen und Richter des Tribunals wartet eine gewaltige Aufgabe, die sie bis 2010, dem Abschlusstermin des Tribunals bewältigen müssen, denn ein ganzes Volk will mit sich und seiner Vergangenheit ins Reine kommen.

17.05.06

Thomas Benedikter


  Mehr über Kambodscha
   


Storia della Cambogia

Cambogia e Nazioni Unite

 

  Chea Vannath
   


Chea Vannath: la storia di una sopravvissuta

 
 
Copyright © EURAC 2008 Seite versenden Seite drucken Seitenanfang