Wie lange kann die EU noch so polyglott vor sich hin b(r)ab(b)eln?
Ein interview mit Gabriel N.Toggenburg
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Die Union hat nun 25 Mitglieder und 20 Amtssprachen. Jedem Töpfchen also sein Deckelchen. In der UNO hingegen sitzen etwa 191 Staaten die sich mit 5 Amtssprachen begnügen. Woher dieser Widerspruch? |
Naja, es ist natürlich klar, dass die UNO sich auf einige Sprachen beschränken muss. Das von Ihnen so genannte „Deckelchen/Töpfelchen" Prinzip würde bei 191 Staaten direkt in den linguistischen Infarkt der Organisation führen. Die Frage ist, ob man in einem Club von nur 15 und jetzt 25 Staaten nicht erwarten kann, dass man sich auf eine „lingua franca" einigt und damit an Kosten spart und an Effizienz gewinnt. Schließlich ist die EU - im Unterschied zur UNO oder etwa dem Europarat - ein einziger einheitlicher Binnenmarkt. Das ist interessant zu erwähnen, weil die Mitgliedstaaten eben gerade weil sie sich wirtschaftlich vereinheitlichten, im Zuge des 18 und 19 Jahrhunderts immer einsprachiger geworden sind. Im Frankreich vor 300 Jahren konnte man sich kaum transregional verständigen. Der Nationalismus, die Industrialisierung und die Schaffung eines französischen Binnenmarktes haben dann das „Französische" als einigenden Faktor entdeckt und genutzt. Das lässt sich bei den anderen Staaten auch zeigen: Binnenmarkt produziert Einsprachigkeit. Nur die EU ist in diesem Zusammenhang erstaunlich anders.
Der Binnenmarkt ist also ein Grund mehr warum es verwundert, dass die EU so viele Amtssprachen hat. Warum besteht man denn auf all diesen Sprachen?
Erstens, fehlt ein „EU-Nationalismus". Die Mitgliedstaaten wollen eben gerade nicht, dass Ihre Kulturen zu einer Eurokultur verschmelzen, sondern sie sind erpicht auf Bewahrung ihrer Identität. Das ist legitim und entspricht auch der Rechtsnatur der EU. Indem jeder Mitgliedstaat seine Amtssprache als Amtssprache der EU durchsetzt, ist die sprachliche Identität der Staaten gesichert.
Solch ein Bestehen auf die eigene Sprache ist, zweitens, in einem System wie der UNO politisch weit weniger wichtig, da dort viel weniger Souveränitätsrechte abgegeben werden. In der EU kompensiert das Bewahren auf Vielsprachigkeit zumindest symbolisch die Souveränitätsverzichte in vielen anderen Bereichen wie etwa der Handelspolitik.
Drittens, aber ist die Vielsprachigkeit juristisch geradezu geboten. Die Tatsache, dass sich der einzelne Bürger - im Unterschied zum klassischen Völkerrecht - direkt auf EU Recht berufen kann, macht es notwendig, dass die 80.000 Seiten des so genannten Aquis Communautaire auch in den Amtssprachen aller Mitgliedstaaten vorliegen.
Wenn die Gleichberechtigung der Sprachen juristisch geboten ist, warum dann überhaupt die Diskussion über die Sprachproblematik?
Ja, eben, hier wird oft einiges verwechselt. Man muss hier mehrere Ebenen unterscheiden. Auf der Bürgerebene muss die Vielsprachigkeit aus obigen Gründen garantiert bleiben. Das heißt alle Rechtsakte werden in allen EU Amtssprachen publiziert und Bürger können im Verkehr mit den EU-Institutionen ihre jeweilige Amtssprache verwenden. Etwas anderes gilt für den EU-interne Sprachgebrauch, also den Zeitraum in dem das EU-Recht sich erst in Ausarbeitung befindet. Hier wird es zu einschneidenden Reformen kommen müssen. Die EU-Politik betreibt hier aber eine Vogelstrauß Taktik .
Auch im Bereich der „Amtssprachen-Ernennung" selbst wäre Vorsicht angebracht. Malta forderte anlässlich der Beitrittsverhandlungen - obwohl in Malta auch Englisch Amtssprache ist - Maltesisch als eigene EU-Amtssprache. Es wird sich zeigen, ob dies in der Praxis mangels kompetenter Übersetzer überhaupt durchführbar ist. Mit der Lösung des Zypern-Problems würde selbst Türkisch zur EU-Amtssprache. Bei diesem Boom an Amtssprachen wird sich bei verschiedenen EU-Institutionen eine Reduktion der im täglöichen Leben verwendeten Sprachen, der so genannten Arbeitssprachen, breit machen. Der Gerichtshof hat im Zusammenhang mit dem Markenamt in Alicante bereits festgestellt, dass es kein Grundprinzip der Gleichberechtigung zwischen den Sprachen gäbe und die Arbeiten zum zukünftigen Europäischen Patent scheitern seit Jahren an der Sprachenfrage. Schlagwortartig gesprochen kann man wohl voraussagen, dass das Mehr an Amtssprachen zu einem (relativen) Weniger an Arbeitssprachen führen wird.
Die Anzahl der offiziellen Amtssprachen der EU ist also am Limit und bei den Arbeitssprachen wird es zu Einschnitten kommen. Bleiben da die Minderheitensprachen nicht auf der Strecke?
Regional- und Minderheitensprachen haben keinerlei offiziellen Status in der EU. Selbst wenn sie so weitverbreitet sind wie das Katalanische, welches im Vergleich zu den meist "kleinen" neuen EU-Amtssprachen eine "Grossprache" ist. Die Union - und mit ihr das EBLUL (www.eblul.org) - bemüht sich allerdings um eine bescheidene Förderung dieser Sprachen. Juristisch bleibt die Stellen der Minderheitensprachen sehr schwach. Auch unsere neue Bozner Erklärung (siehe www.eurac.edu/pecede) macht hierzu Verbesserungsvorschläge. Interessant ist in diesem Zusammenhang aber auch die "Mezzanin" Stellung des Irischen. Irland hatte 1973 darauf bestanden, das die Europäischen Verträge auch in Irisch vorliegen. Als sogennante "Vertragssprache" ist Irisch aufgewertet, ohne dass das gesamte Sekundärrecht in diese Sprache übersetzt werden muß. Dies zeigt, dass es bei der Gestaltung des Sprachregimes Raum für flexible und kreative Lösungen gibt. Der neue spanische Premier hat vor einigen Tagen im Rahmen der Regierungskonferenz vorgeschlagen, dem Baskischen, Katalanischem und dem Galizischem eine Stellung vergleichbar jener des Irischen einzuräumen. Auch sollten Bürger das Recht haben mit den EU-Institutionen in diesen drei Sprachen zu verkehren. Zentral wird hier natürlich sein, ob und inwieweit die entstehenden Mehrkosten auch aus dem Gemeinschaftsbudget beglichen werden sollen.
Es gibt also Handlungsbedarf im Sprachenbereich. Hat das auch finanzielle Gründe?
Ach ja, das wird immer wieder mal vorgeschoben. Aber schauen Sie sich die Zahlen an. Es stimmt, dass der Sprachendienst in Brüssel der über 3000 Dolmetscher beschäftigt, der größte der Welt ist und damit auch kostet. Es handelt sich aber um einen bescheidenen einstelligen Prozentsatz des EU-Budgets. Auf die Bevölkerung heruntergebrochen kostet das EU-Sprachregime jährlich etwa soviel wie eine Tasse Cappuccino pro EU-Bürger. Es geht in meinen Augen vor allem um die Effizienz des Apparates die gewahrt bleiben muss. Bis dato ist die Sprachfrage ein hochsensibles Tabuthema das als ganzes ignoriert wird. Um zu kreativen, aber Vielfalt schützenden Lösungen zu finden muss man aber all diese Dinge offensiv ansprechen. Robert Musil hat einmal geschrieben, dass - mit Ausnahme der österreichischen Monarchie - seit Bestehen der Erde noch kein Wesen an einem Sprachfehler gestorben sei. Das ist wahr. Aber man muss es ja nicht herausfordern, oder ?
Sigrid Hechensteiner
27.07.2004