Mit Sprichwörtern in die Sprachenseele
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Mit Sprichwörtern in die Sprachenseele
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Wieso gleicht man sich im Deutschen eigentlich aufs Haar, im Spanischen aber wie zwei Wassertropfen? Im Bereich der Idiomatik, der Redewendungen und Sprichwörter zeigt sich die Eigentümlichkeit einer Sprache ganz besonders, doch gerade hier gibt es auch Schwierigkeiten beim Übersetzen. |
Der Geist einer Sprache offenbart sich am deutlichsten in ihren unübersetzbaren Worten, schreibt Marie von Ebner Eschenbach. Jede Sprache spiegelt eine besondere Sicht der Welt. Je stärker ein Begriff in einer kulturellen oder historischen Überlieferung verankert ist, umso schwerer ist es, diesen zu übersetzen. Die Inuit, die Bewohner Grönlands, kennen kein eigenes Wort für Krieg, aber gleich mehrere Wörter für den Schnee; den französischen „esprit" kann man nicht einfach mit "Geist" übersetzen; der „common sense" der Engländer ist mehr als unser "gesunder Menschenverstand"; der „deal" der Amerikaner umfasst weit mehr als einen "Handel" und die portugiesische „saudade", jene traurige "Sehnsucht", die zugleich beseligendes Glück bedeutet, belässt man lieber gleich in ihrer Originalsprache. Derlei Beispiele gibt es viele.
Selbst innerhalb einer Sprachgemeinschaft wie der deutschen sind Wörter nicht überall an dieselbe historisch-kulturelle Wirklichkeit gebunden. Die österreichische Gemütlichkeit ist eine andere als die bundesdeutsche und das Schweizer Wort „muff", so Autor Hugo Loetscher, bezeichnet keineswegs „nur" eine schlechte Laune. Jedes Land, jede Region hat die ihr eigenen Phrasen entwickelt, im Deutschen gleicht man sich aufs Haar, im Italienischen und Spanischen wie zwei Wassertropfen; im Deutschen und Englischen wünscht man sich süße Träume, im Italienischen goldene und im Spanischen glückliche.
Die Liste der unübersetzbaren Wörter und Idiome ist so vielfältig wie die der Völker und Sprachen. Hugo Loetscher nennt sie die „Schlüsselwörter, die eine Tür zur Seele der Sprache öffnen und damit zur Seele jener Völker, die sie reden". Die Auseinandersetzung mit einer fremden Sprache eröffnet uns nicht nur neue Horizonte und Kulturen, sondern stärkt unser Sprachbewusstsein insgesamt und führt uns die Besonderheiten unserer eigenen Muttersprache(n) vor Augen, nicht nur im Bereich des Lexikons, also der Wörter. Das Erlernen einer Fremdsprache stellt somit auch eine Bereicherung für die Ausgangssprache(n) dar. In der Begegnung mit anderen Sprachkulturen verfeinern wir unsere eigene.
Bozen, 29.09.05
Monika Obrist
Monika Obrist ist Leiterin der Sprachstelle im Südtiroler Kulturinstitut.
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