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„Aber ihr werdet doch nicht neue Wörter erfinden!" Wer immer sich mit dem Ladinischen befasst oder gar auf Ladinisch schreibt, der sieht sich schnell einmal Vorwürfen ausgesetzt. Bei einer Sprache, die immer noch hauptsächlich mündlich verwendet wird, ist das Schreiben eine heikle Angelegenheit. |
"Zu viele neue Wörter", heißt es da leicht, "zu erfunden", „so spricht man nicht", oder schlicht: „so hat meine Großmutter nicht gesprochen", sagen die Ladiner, die kleinste Südtiroler Sprachgruppe, die jedoch gleichzeitig die älteste ist. Natürlich stimmt der Vorwurf: die Großeltern sprachen damals nicht über die Bauordnung, auch nicht über Gentomaten oder Umlaufbahnen. Man sprach über die alltägliche Arbeit - Landwirtschaft und Handwerk haben über Jahrhunderte die Lebensgrundlage gebildet. Heute sieht der Alltag anders aus: die Dolomitenbewohner verdienen ihr Geld im Hotel, als Verkäuferin, im Büro: die althergebrachten Rechen und Sensen hängen zum Schmuck an der Wand, verziert mit ein paar Trockenblumen, und die Jugend kennt kaum noch die schönen alten ladinischen Wörter für Dreschflegel & Co. Wer weiß denn schon noch, wozu die Geräte überhaupt gut waren?
Die alten Wörter und Pflugscharen haben ausgedient, und stehen im Wortmuseum. Das ist nicht weiter schlimm, und doch traurig. Nicht weiter schlimm, weil ohnehin die meisten eine gut bezahlte Arbeit im Hotel oder im Büro dem kargen Bauerndasein der Vorfahren vorziehen. Und doch traurig für das Ladinische, weil nicht nur traditionellen Tätigkeiten in Hof und Feld Geschichte sind, sondern mit Ihnen ein guter Teil des angestammten ladinischen Wortschatzes.
Für die Bewältigung des komplexen modernen Alltags allerdings fehlen die ladinischen Wörter. Journalisten und Wörterbuchredakteure sind stets kreativ unterwegs, doch wie arbeiten Sie? Rückbesinnung, Neubildung und Einbürgerung sind die gängigsten Methoden.
Ein gerne begangener Weg ist der, alte Wörter einfach trotzdem weiter zu verwenden, mit verschobener Bedeutung. Man verwendet eben "passët", eigentlich "Zollstock", für das Messband, oder "purtoi", eigentlich "Trampelpfad im Schnee", für die Schipiste.
Auch Neubildung ist beliebt: aus bekannten ladinischen Wortteilen wir ein neues Wort gebaut, etwa "brujadoia" für "Müllverbrennungsanlage", gebildet aus brujé "verbrennen" + -oia, einer Endung für Geräte aller Art.
Internationale Ausdrücke bürgern sich nach und nach ein, sind aber beim Publikum nicht besonders gern gesehen: werden sie in einem Text allzu zahlreich, vermisst die Leserschaft das heimelige Flair.
Heißt Sprachpflege auch Normierung?
Die ladinischen Kulturinstitute und andere Sprachpflege-Institutionen normieren die Sprache durch die Art, wie sie sie in ihren Publikationen verwenden. Und indem sie Regeln festsetzen. Da Ladinisch in der Schule lange Zeit nur in geringem Ausmaß unterrichtet wurde, sind die Rechtschreibregeln jedoch nicht allgemein bekannt. So schreibt doch jeder ein bisschen nach eigenen Regeln. Zumal sich die Rechtschreibung in den letzten Jahrzehnten mehrfach verändert hat.
Die Reformen gingen zunächst dahin, die fünf Idiome einander im Schriftbild ähnlicher zu machen. Weitere Änderungen für das Gherdëina und das Badiot folgten dann zwei Prinzipien: zum einen der Verzicht auf einige Akzentzeichen, was den Lehrern hilft, rote Tinte zu sparen. Zum anderen, in Gröden, wieder eine Annäherung an die gesprochene Sprache, mit dem Ziel, den Grödnern das Schreiben zu erleichtern. Das Schriftbild des Grödner Ladinischen hat sich dadurch allerdings wieder von dem der Nachbarn entfernt.
Der Vorschlag, eine gemeinsame Schriftsprache für alle Dolomitenladiner zu schaffen, hat für große Kontroversen gesorgt. Bis heute werden fünf verschiedene Dialekte geschrieben: Badiot, Gherdëina, Fascian, Fodom und Ampezan. Dazu kommt eine überregionale Standardschriftsprache, Ladin Standard. Sie könnte helfen, das Ladinische in möglichst vielen modernen Lebensbereichen zu etablieren. Ihr Gebrauch ist bis dato jedoch spärlich, es fehlt noch am grundsätzlichen Konsens, diese Chance zu Nutzen.
Letztlich greift Normierung kaum, solange eine Sprache nur wenig geschrieben wird. Mit der Schaffung einer Standard-Schriftsprache etabliert man ein Schriftbild, an das sich alle gewöhnen. Die Schwachstelle des Ladinischen ist, dass der schriftliche Gebrauch im Alltag sehr gering ist, weshalb sich beim Normalverbraucher auch kein Schriftbild einprägt. Die parallele oder abwechselnde Verwendung mehrerer Idiome verstärkt das visuelle Chaos. Somit bleibt als Kriterium für die Rechtschreibung doch vor allem das eigene Gehör, und das entscheidet bei jedem ein bisschen anders. Und die Mehrheit der Ladiner entscheidet sich immer noch dafür, dem ganzen Problem einfach aus dem Weg zu gehen, indem sie ihre Muttersprache nicht schreiben.
Bozen, 17.05.2005
Mathias Stuflesser