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Gibt es eine serbokroatische Sprache? Ist Makedonisch ein bulgarischer Dialekt oder eine eigenständige Sprache? Und warum ist Weißrussisch "bedroht"? Drei Beispiele zum neuen Status der slawischen Sprachen.
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Spätestens mit dem Beitritt der ersten mittel- und osteuropäischen Staaten in die EU sind deren Sprachen in den Blickpunkt des Interesses gerückt. Dass es neben Polnisch und Tschechisch weitere slawische Sprachen gibt, dürfte bekannt sein. Wenige wissen jedoch, dass auch diese Sprachen auf eine wechselhafte und z.T. lange Geschichte zurückblicken. Einige hatten bereits im Mittelalter eine verbindliche Grammatik, andere hingegen gibt es als selbständige Sprachen erst seit der Mitte des 20. Jahrhunderts.
Heute haben fast alle Staaten im slawischsprachigen Gebiet eine eigene Standardsprache. Der Weg dahin war jedoch nicht immer einfach und auch heute noch ist der Status einiger dieser Sprachen umstritten. Drei Beispiele:
Serbokroatisch
ist eine Sprache, die es eigentlich nicht mehr gibt und vielleicht auch nie gegeben hat. Im ehemaligen Jugoslawien war das Serbokroatische zwar Standardsprache, hatte aber zwei Varianten - das Serbische und das Kroatische, die man verschieden sprach und schrieb. In der Schule mussten die Schüler abwechselnd eine Woche mit kyrillischen, eine Woche mit lateinischen Buchstaben schreiben, je nachdem, ob die serbische oder die kroatische Variante "dran" war.
Nach dem Zerfall Jugoslawiens gingen daraus drei Standardsprachen hervor: Kroatisch, Serbisch und Bosnisch als Sprache der Bosniaken in Bosnien-Herzegowina. Sie unterscheiden sich neben der Schreibung auch im Wortschatz: Kroatisch: glazba, Serbisch: muzika (Musik); Kroatisch: odrezak – Serbisch: šnicla (Schnitzel). Vergleichbar ist das mit der britischen und der amerikanischen Variante des Englischen – man versteht sich problemlos, auch wenn es Unterschiede gibt. In einer ideologisch und von staatlichen Interessen weniger bestimmten Situation würde man von Varianten, vielleicht Dialekten ein- und derselben Sprache sprechen. Wo sich neue Staaten bilden, spielt jedoch plötzlich auch der Status der (eigenen) Sprache eine besondere Rolle.
Makedonisch
ist die Muttersprache von ca. 1,3 Mio. Makedonen. Makedonien wurde 1944 Teilrepublik von Jugoslawien und erhob Makedonisch zu seiner Amtssprache; seit 1991 ist die Republik unabhängig. Bereits im 19.Jh. wollten Sprachpolitiker und –wissenschaftler das Makedonische in Abgrenzung der eigenen Nationalität zu den Jugoslawen, Griechen, der ehemaligen Besatzungsmacht Türkei und den Bulgaren zu einer eigenständigen Sprache erklären. Bulgarien erkennt es jedoch bis jetzt nicht als eigenständige Sprache an, sondern bezeichnet es als Dialekt des Bulgarischen. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen: Zwischen beiden Sprachen gibt es zwar viele Unterschiede, aber nicht nur im Wortschatz, sondern auch in der Grammatik auch zahlreiche Gemeinsamkeiten: Der Artikel wird an das Wort angehangen (mama – Mutter; mamata - die Mutter) und die Substantive und Adjektive werden nicht gebeugt. Makedonisch hat sich in den vergangenen 60 Jahren erstaunlich schnell in allen gesellschaftlichen Bereichen etabliert und ist ein gutes Beispiel für die erfolgreiche Schaffung einer Standardsprache mit der Entstehung eines Staates.
Weißrussisch
ist zwar die Muttersprache vieler Weißrussen, wird aber weniger "geschätzt" als das Russische. Das kann man mit einem Dialekt vergleichen, für den sich der Sprecher schämt, wenn er ein Interview für das Fernsehen geben soll. Er verwendet dann lieber die angesehene Hochsprache. Anfang des 20. Jh. gab es Weißrussisch bereits als eigenständige slawische Standardsprache. Die Machthaber der Sowjetunion förderten sie zunächst, ab ca. 1930 duldeten sie sie neben dem Russischen aber nur noch und bekämpften sie sogar als Kennzeichen eines "bürgerlichen Nationalismus". Dazu kam, dass die Nationalsozialisten das Weißrussische als alleinige Sprache während ihrer Besetzung des Landes 1941-1944 zuließen und es deshalb nach dem Krieg in den Augen der Sowjets diskreditiert war. Sogar Chrustschow stellte ihren Status als Sprache in Frage. Als Weißrussland 1991 ein unabhängiger Staat wurde, erhielt Weißrussisch den Status als einzige Staatssprache. Bereits 1995 wurde jedoch durch ein vom russophilen Präsidenten Lukaschenko initiiertes Referendum das Russische wieder zur alleinigen Staatssprache. Dabei sind Weißrussisch und Russisch sehr ähnlich, sie unterscheiden sich nur durch den Buchstaben ў, den es nur im Weißrussischen gibt und auch durch aus dem Polnischen entlehnte Wörter, die es wiederum im Russischen nicht gibt.
Bis heute konnte das Weißrussische nicht das für eine Standardsprache nötige Prestige für die Bevölkerung erlangen und erfüllt bei weitem nicht alle gesellschaftlichen Funktionen einer kodifizierten Schriftsprache. Mittlerweile gilt es sogar als in ihrem Bestand gefährdete Sprache.
Wie sich diese, aber auch die "kleinen" slawischen Sprachen wie das Sorbische (in einigen Gebieten Ostdeutschlands) oder das Kaschubische (in Polen in der Gegend um Gdansk) entwickeln und ob sie sich behaupten werden, wird die Zukunft zeigen. Sprachpolitische Maßnahmen wie die Einrichtung eigener Schulen, die Zulassung eigener Radio- und Fernsehsender und Zeitungen und ihre rechtliche Verankerung als Minderheitensprachen können dazu wesentlich beitragen, das setzt jedoch auch einen entsprechenden politischen Willen voraus.
Bozen, 17.05.2005
Claudia Richter