Comics gegen das Vergessen
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Comics gegen das Vergessen
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Wenn sich zwei Comic-Helden auf die geschichtlichen Spuren des kleinen Dörfchens Lusèrn begeben, treffen zwei Welten aufeinander: die moderne, amerikanisierte Comic-Welt und die der 1000 Jahre alten Traditionen und Mythen einer deutschen Sprachinsel im Trentino. |
Noch gibt es sie, die kleinste Schule der Alpen. Ganze drei Schüler zählt sie. Sie liegt in Lusèrn, tief in den Trentiner Bergen. Geht man durch die Straßen des 200-Seelen-Dorfes fühlt man sich nicht nur in eine andere Zeit versetzt, sondern auch in ein anderes Land. „Bar segan-us" (Wir sehen uns) hört man die Leute einander grüßen. Das mutet nicht italienisch, sondern deutsch an. In der Tat ist Lusèrn eine historische deutsche Sprachinsel. Das dort gesprochene Zimbrisch ist eine mittelalterliche Variante des Südbayrischen mit alemannischen Einflüssen. Über 1000 Jahre hat sich diese alte Sprachform nahezu unverändert inmitten eines anderssprachigen Umfelds erhalten.
Das man in den Straßen Lusèrns heute noch zimbrisch sprechen hört, ist eigentlich einem Wunder gleich. Über Jahrhunderte hinweg war die isolierte Lage des Dörfchens in den Venetisch-Tridentiner Alpen das bestimmende Moment für die Bewahrung seiner uralten Kultur. In unserem mobilen Zeitalter reicht die abgelegene Tal-Lage jedoch kaum mehr aus, um alte Traditionen, geschweige denn eine minderheitliche, rein mündlich weitergegebene Sprachform zu bewahren. Das zeigt nicht zuletzt die traurige Geschichte der Luserner Dorfschule. Mit dem nächsten Schuljahr gehen auch die letzten drei Lusèrner Grundschüler in den Nachbarort Lavarone zur Schule.
Unterkriegen lassen sich die Lusèrner jedoch nicht. Im Gegenteil scheinen ihnen gerade die letzten Jahre ein neues Selbstbewusstsein, einen neuen Willen für den Erhalt der zimbrischen Sprache und Kultur gegeben zu haben. Gedacht wird - der Schulschließung zum Trotz - vor allem an die junge Generation. Kinderliteratur steht ganz hoch im Kurs. Kinderbücher und Comics verschriftlichen und konservieren somit die alte Sprachform und machen die Kinder mit der Dorfgeschichte vertraut.
| Tüsele Marüsele ist der Titel eines Kinderbuches, das das Dokumentationszentrum Lusern 2005 herausgegeben hat. Das farbenfroh illustrierte Buch erzählt zweisprachig – zimbrisch und italienisch – die alte, an Hänsel und Gretel erinnernde Geschichte eines Mädchens, das sich ohne Eltern durchschlägt und sich vor den Zugriffen der „liam nona" (liebe Oma), einer eben gar nicht „lieben", sondern bösen alten Frau retten muss. |
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In der Comicreihe Gary und Spike machen sich der Bobtail Gary und sein Begleiter, ein neurotischer Chihuahua, auf die Reise in die zimbrische Vergangenheit Lusèrns, treffen historische Gestalten und erleben die Geschichte des Dorfes gemeinsam mit ihren jungen Lesern.
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Im Mittelpunkt der Geschichten steht eine dieser historische Gestalten: Don Josef Bacher. Der in Feldthurns geborene Geistliche gab bereits 1905 eine wissenschaftliche Publikation zur deutschen Sprachinsel Lusèrn heraus. Bacher überarbeitete ein bereits begonnenes Wörterbuch und sammelte Mengen an Datenmaterial über die Bewohner von Lusèrn, ihren Lebensrhythmus, ihre Ernährung, ihre Gebräuche, Traditionen und vor allem ihre Mythen und Geschichten. | Gary und Spike erleben 12 dieser von Bacher gesammelten Geschichten neu nd stellen damit gleichzeitig eine Brücke zur deutschsprachigen Literatur her. In der ersten Geschichte „Di Sim Tang von Taüvl" geht es um das Faust-Motiv, um den Mann der seine Seele dem Taüvl, dem Teufel verkauft.
„ Nun ist es an uns", schreibt der Präsident des zimbrischen Kulturinstituts Nicolussi Paolaz im Vorwort der Comicreihe, "das große kulturelle Erbe zu erhalten, dessen Zeugen wir sind und das wir unseren Kindern weitergeben müssen." Tüsele Marüsele und Gary und Spike sind kindgerechte Kulturbotschafter, die eine alte Sprache und antike Traditionen neu einkleiden und immer wieder aufs Neue interessant machen.
04.05.06
Julia Reichert
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