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Das Land der Dichter und Sänger  
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Okzitanien – der Name hört sich an, wie der eines Landes. Okzitanien taucht jedoch auf keiner Landkarte auf. Kaum ein Lexikon führt seinen Namen und doch gehört es zu den ganz großen und traditionsreichen Regionen Europas.

Okzitanien besitzt keine politische Einheit und hat auch in der Vergangenheit nie eine besessen. Okzitanien ist das andere Frankreich, das andere Italien und das andere Spanien. Es ist das Gebiet, in dem Okzitanisch gesprochen wird: im südlichen Drittel Frankreichs, in schätzungsweise 16 Tälern der piemontesischen Alpen in Italien und im Val d'Aran in Katalonien (Spanien).
Es ist die Sprache eines Volkes, das nie eines war und das doch ein wichtiges Stück europäischer Kultur erschaffen hat.
Okzitanisch ist die Sprache der Trobadors, die in den Höfen mittelalterlicher Burgen die unerreichbare Dame und die höfische Liebe besangen. Die deutschen Minnesänger fanden in ihnen ihre Vorbilder und Dante Alighieri lässt in seiner Divina Commedia den Minnesänger Arnaud Daniel in Erscheinung treten, der sich in seiner Muttersprache, auf okzitanisch, zu Wort meldet.
                                                                                 
Beinahe wäre es den heutigen Okzitaniern im vergangenen Winter gelungen, sich auf der Weltbühne zurückzumelden. Hätte das Olympische Komitee dem Antrag der piemontesischen Okzitanier stattgegeben, dann hätte die ganze Welt vor laufenden Kameras erfahren, dass die Skipisten der Olympischen Spiele 2006 in Sestrière und Umgebung nicht nur in Italien, sondern auch in Okzitanien liegen. Dann wäre nämlich das Okzitanische eine der olympischen Sprachen geworden. Das Schicksal hat es anders gewollt und so ist das Land, das keines ist, wie Brigadoon im Dunst des schottischen Hochlands,  wieder im Hochnebel der französisch-italienischen Alpen verschwunden.

Doch die rund 2 Millionen Okzitanisch-Sprecher lassen sich davon nicht entmutigen, sind sie es doch in ihrer über 800jährigen Geschichte gewohnt, dass ihre Muttersprache immer wieder zurück in Haus und Hof verwiesen wird.
Über Jahrhunderte hinweg haben nationale Bestrebungen Frankreichs, Italiens und Spaniens die Sprachaktivitäten der Minderheitensprache auf das Mindeste reduziert. So schaffte bereits Ludwig XIV. das Okzitanische als Unterrichtssprache in öffentlichen Schulen ab. Im Zuge der  zunehmenden Zentralisierung Frankreichs nach der Französischen Revolution verlor die Sprache dort immer mehr an Bedeutung.
Dennoch gibt es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in intellektuellen Kreisen Bestrebungen, eine moderne okzitanische Literatursprache zu schaffen.

Heute erlebt das Okzitanische eine Renaissance wie nie zuvor. Im spanischen Val d'Aran ist die Sprache der Trobadors mittlerweile Amtssprache, in Italien schützt das Gesetz 482/99 historisch-linguistische Minderheiten, so auch die Okzitanier. Auch Frankreich tut inzwischen einiges von offizieller Seite aus für das Okzitanische.
Vor allem die Regionen und Kommunen fördern heute einen Großteil des okzitanischen Kulturlebens. Aix-en-Provence besitzt ein okzitanisches Kulturzentrum. Es ist mittlerweile möglich, Okzitanisch als Abiturfach zu wählen. An den Universitäten Pau, Bordeaux, Nizza, Avignon, Montpellier, Toulouse und Aix-en-Provence kann man Okzitanisch studieren. Außerdem gibt es eine lebendige okzitanische Literatur, die Romane, Lyrik und Theaterstücke hervorgebracht und sogar schon mit einem Nobelpreis bedacht worden war. Frédéric Mistral erhielt bereits 1904 als erster Autor einer Minderheitensprache den renommiertesten aller Literaturpreise.

Und wieder sind es vor allem die Lieder und Tänze, die dem Okzitanischen zu neuer Berühmtheit verhelfen. Mit mittelalterlichen Instrumenten begründen junge Bands eine neue Art Folk-Rock, der in den ansonsten durch Abwanderung bedrohten Tälern Tausende von Jugendlichen in ihren Bann zieht.
Die traditionsreiche Kultur der Okzitanier wappnet sich für moderne Zeiten und wer einen Blick auf das Internetlexikon Wikipedia wirft, hat keinen Zweifel, dass sie überleben wird. Wikipedia gibt es mittlerweile auch auf Okzitanisch, wenn das kein gutes Zeichen ist!

Bildmaterial © GEO aprile 2006 numero 4

23.08.2006

Julia Reichert


 
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