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Tzimbar lentak – das Zimbrische lebt  
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15 deutsche Sprachinseln gibt es in Norditalien. Inmitten einer anderssprachigen Umgebung sprechen die Menschen in den Tälern zwischen Friaul-Julisch Venetien und dem Aostatal noch heute archaische Formen des Deutschen. Luis Thomas Prader berichtet über den Lebensweg dieser teilweise über 1000 Jahre alten Sprachformen und über deren Sprecher.

Herr Prader, wie sind die deutschen Sprachinseln in Italien entstanden?
Die Sprachinseln haben keine einheitliche Geschichte. Jede Sprachinsel ist sozusagen für sich allein zu  betrachten, jede hat ihre ganz persönliche Siedlungsgeschichte.
Die Zimbern in den 13 Gemeinden ( nördlich von Verona; Anm. d. Red.) etwa gehen auf 1.200 zurück, das Kanaltal (im Nordosten der Region Friaul-Julisch Venetien; Anm. d. Red.) ist, so wie Sütirol , erst nach dem Ersten Weltkrieg eine Minderheit geworden, die Walser in Aosta und Piemont sind mit der Geschichte der Schweiz verbunden. Heute haben wir eine ganze Reihe von kleinen Gemeinschaften, mit teilweise weniger als 100 Sprechern.

Wie konnte sich eine Sprache wie das Zimbrische beispielsweise so lange halten? Die isolierte Lage in den Tälern erklärt sich den Spracherhalt in der länger zurückliegenden Vergangenheit. Nach und nach sind die Menschen jedoch mobiler geworden. Einige gehen aus den Dörfern weg, andere kommen hinzu. Die Leute heiraten nicht mehr zwangsläufig Partner aus dem Dorf....
Da stellt sich die Frage, in welchem Ausmaß sich eine Sprache erhalten hat. Das ist von Gemeinschaft zu Gemeinschaft sehr unterschiedlich. Nicht zu vergessen ist, dass der Sprachinselwortschatz von vornherein eher bescheiden ist, da er sich lediglich auf Familie, Arbeit und Dorfleben beschränkte. Begriffe aus der heutigen Zeit, wie Fernseher oder Waschmaschine, müssten erst neu erfunden werden, denn es handelt sich ja um alte,  „archaische",  Sprachformen, die sich im Laufe der Jahrhunderte nicht  weiter entwickelt haben, sondern „stehen" geblieben sind. Gerade deshalb sind sie ja auch so interessant. Die „modernen" Begriffe übernehmen die Sprecher heute meist aus dem Italienischen.

Wie kann ich mir den Alltag in einer solchen Gemeinde vorstellen, in Lusérn beispielsweise?  Wie unterhalten sich die Leute auf der Straße und  in den Familien?
Eigentlich müsste man zu jeder einzelnen  Sprachinsel hier eine spezifisch auf sie zugeschnittene Antwort geben, denn jede Sprachinsel hat  ihre eigene Geschichte durchgemacht, die sich schließlich auf den Fortbestand von Sprache, Kultur und Brauchtum ausgewirkt hat.
In Lusérn höre ich selbstverständlich Zimbrisch reden, aber man spricht es nicht mit dem Touristen. Wie stark das Zimbrische in der Familie gesprochen wird, hängt von vielen Faktoren ab, natürlich auch von der muttersprachlichen Herkunft der Ehepartner, vom Alter der Mitlieder, von der psychologischen Einstellung zur ureigenen Sprache.

Wie sieht es in den Schulen aus?
Das Sprachproblem besteht auch in der Schule, denn erstens  gibt es keine Schulen in der Ortsprache, zweitens haben nicht alle Schulen dorfeigene Lehrer- denn nur sie sind in Sprache und Kultur wirklich beheimatet. So zieht  die Ortsprache meistens den Kürzeren.

Wenn ich durch Lusérn gehe und die Leute dort auf Deutsch  anspreche, verstehen sie mich dann und antworten mir auf Deutsch?
Gegenfrage: welches „Deutsch" verwende ich, wenn ich die Leute anspreche? Mit Hochdeutsch kann es da schon Probleme geben. Mit Südtiroler Deutsch-Dialekt  komme ich da schon eher durch. Sehr leicht  tut man sich da in Plodn, wo Pustertaler  Sprachformen sehr ausgeprägt sind, oder in Tischlbong, wo das Kärntnerische stark verwurzelt ist.

Was wird getan,  um die Sprachen am Leben zu erhalten?
In den letzten 30 Jahren ist ein neues Bewusstsein über den Wert der eigenen Sprache aufgekommen. Man hat angefangen, in der eigenen Sprache zu schreiben, Sprachkurse zu organisieren, die Sprache im Unterricht einzubauen, und sie wieder  häufiger zu gebrauchen. Dazu wurden auch Wissenschaftler und Sprachexperten aus  dem deutschsprachigen Ausland zu Rate gezogen und heute gibt es eine schier unüberschaubare Vielzahl von Publikationen über und in der  der Ortsprache.

Haben diese Sprachen  eine Schriftsprache und eine Grammatik?
Das Sprachinseldeutsch ist eine eigenständige Sprache, die sich nicht an eine kodifizierte Schriftsprache anlehnen kann. Die Sprache wurde im Grunde nur mündlich weiter überliefert. Heute ist man dabei, das mündlich überlieferte Sprachinseldeutsch zu kodifizieren und verbindliche Schreibweisen fest zu legen. So gibt es nun „Wörterbücher" aller Art und es liegt  nun bei den Sprachinseln selbst, dieses neu geschaffene Wortgut anzunehmen. Die Kodifizierung scheint mir aber eine Grundvoraussetzung für die Verschriftlichung und somit für den Weiterbestand des Sprachinseldeutsch zu sein.

19.04.2006

Das Interview führte Julia Reichert.


  Info-Box
   


Luis Thomas Prader ist Sekretär des Einheitskomitees der Sprachinseln, das im Jahr 2002 als Arbeitsgemeinschaft der deutschen Sprachinseln in Italien gegründet wurde. Seit Januar dieses Jahres ist die Gemeinschaft Mitglied im Minderheitenkomitee des Regionenministeriums in Rom.

 

 
   


Prader ist Mitherausgeber des Buches
Lebendige Sprachinseln
, das 12 deutsche Sprachinseln in Norditalien portraitiert:



Heller, Karin; Prader, Luis Thomas; Prezzi, Christian:
Lebendige Sprachinseln. Beiträge aus den historischen deutschen Minderheiten in Italien. Lusern, Innsbruck 2004.
ISBN 88-8819704-4

 

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