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Kann ein Südtiroler Kleinunternehmer vom großen Audi-Konzern etwas lernen? Ja! sagt Audi-Produktmanager Matthias Müller. |
In der EURAC hatte er 100 Südtiroler Unternehmern Einblick in die Audi-Produktentwicklung gewährt. Am Ende des Abend wussten die Zuhörer „wer" eigentlich Audi ist und dass die international agierende Automobilbranche dem Südtiroler Dienstleistungssektor durchaus etwas beibringen kann.
Vorausdenken - das ist der Dreh- und Angelpunkt einer gelungenen Produktentwicklung, da sind sich Matthias Müller und Roberto Biasi, Generaldirektor des Südtiroler Zeitmessgeräte-Herstellers Microgate, einig. Beide hatten im Rahmen der Veranstaltung Lernen von anderen Branchen ihren Südtiroler Kollegen ihr Know-how in Sachen Produktentwicklung weitergegeben.
Die Automobilbranche mache das Vorausschauen vor. Die Südtiroler Unternehmer täten gut daran, es ihr branchenübergreifend nachzutun, riet Christoph Engl, Direktor der SMG, als er im Anschluss an die Vorträge die wichtigsten Lernziele in Sachen Produktentwicklung thesenartig zusammenfasste.
„Es gibt einen großen Unterscheid zwischen einem Trend und einer Mode", hatte der Audi-Produktmanager zuvor erklärt. Eine erfolgreiche Produktentwicklung erfasse den Trend. „Die Mode ist viel zu kurzlebig!", stellte er klar. Selbstverständlich sei die Automobilbranche geradezu gezwungen, weit nach vorne zu schauen. Ein Auto habe einen Lebenszyklus von sieben und eine Entwicklungszeit von drei bis fünf Jahren. „Wir planen heute die Autos, die die derzeit 15jährigen in 15 Jahren fahren werden", erklärte er.
Auch wenn in der Dienstleistungsbranche Produktentwicklung und Innovationen grundsätzlich schwerer durchzuführen sind, könne man sich dennoch von den zukunftsgerichteten Entscheidungen der Autoindustrie eine Scheibe abschneiden, sagte Engl. „Die Wellness-Abteilungen mit Dampfbädern und Aromaöl-Massagen sind solche Mode-Erscheinungen im Tourismus", stellte er den Bezug zum eigenen Markt her. „Der Mega-Trend, der dahinter steht und den wir im Tourismus erfassen müssen, ist jedoch die Gesundheit", so Engl.
Natürlich müssten sich Produktentwickler an den Kundenbedürfnissen orientieren, fuhr er fort. Doch sei das vermeintliche Dienstleistungscredo "Der Kunde ist König" auf lange Sicht nicht immer Erfolg versprechend. „Wenn die Automobilbranche stets das tun würde, was der Kunde momentan will, wäre das fatal", erinnerte er an die Halbwertszeit eines Automobils. Auch wenn die Dienstleistungsbranche schnelllebiger sei, sei sie auf Dauer besser damit bedient, nicht auf Kundenbedürfnisse zu reagieren, sondern frühzeitig zu agieren und den Kundenwunsch – im Idealfall -vorwegzunehmen.
Um einen Mehrwert zu erzielen, müsse der Kunde die Innovationen allerdings auch als solche begreifen können. Bei einer zu weit angelegten Zukunftsorientierung könne der Schuss durchaus auch mal nach hinten losgehen, hatte Matthias Müller zuvor nicht ganz ohne Selbstironie eingeräumt. "Ausgerechnet bei meinem ersten Produkt, welches ich komplett selbständig betreut habe, haben wir den Trend falsch eingeschätzt", erklärte er den ausgebliebenen Erfolg des Audi A2. „Wir hatten seinerzeit einen Trend hin zu mehr Ökologie und somit zu stark verbrauchsgünstigen Wagen erwartet. Dieser hat sich letztendlich nicht in dem Maße eingestellt. Der Kunde war nicht bereit, den Preis für die hohen Entwicklungs- und Konstruktionskosten eines solchen Autos zu tragen."
Nicht verschätzt hat sich Audi offenbar in ihrer Unternehmensstrategie, die Emotionalität in den Mittelpunkt des Unternehmens stellt. Ganz oben auf der Werteskala der Audi-Produktentwickler und –Vermarkter stehen Emotionen und Leidenschaft - die der Kunden und auch die der Mitarbeiter. Mehr als ein Fahrzeug sei für die Audi-Kunden ihr Auto eine Art Lebensgefühl. „In der Tat wünschen sich Kunden im Produktbereich und vielleicht sogar noch stärker im Dienstleistungsbereich, Produkte mit Seele" stellte Christoph Engl den Bezug zur Südtiroler Realität her. Das bedeutet, sowohl auf der Mitarbeiter- wie auch auf der Kunden-Seite, den Menschen ins Zentrum zu stellen.
„Ich bin Audi, wir sind Audi" hieß es in dem für europäische Ohren fast etwas zu amerikanisch anmutenden Unternehmensfilm, den Müller seinen Südtiroler Kollegen zum Abschluss seines Vortrags gezeigt hatte. Genau dort - in der Unternehmenskultur - liege, so sagte er, das Geheimnis des Audi-Erfolgs. Audi mache im Grunde das Gleiche wie Mercedes oder BMW. „Und doch", ergänzte er schmunzelnd, „machen wir es anderes. Entscheidend ist, WIE wir es machen und das hängt davon ab, WER bei uns handelt." Auch wenn die Produktentwicklungsketten sich nicht grundsätzlich voneinander unterscheiden, machen die Menschen im Unternehmen den Unterscheid. Machen somit Audi-Macher einen Audi zum Audi und Mercedes-Macher einen Mercedes zu einem Mercedes? Will man dem Audi-Unternehmensleitbild Glauben schenken, ja. Für die Südtiroler Unternehmer bedeutet dies, wollten sie hier dem Audi-Vorbild folgen, besonderen Wert auf die Auswahl, Motivation und Unternehmensbindung der eigenen Mitarbeiter zu legen. Schließlich sind sie es, die dem Betrieb und dessen Produkten die ganz besondere Note verleihen, mit der sich dieser von der Konkurrenz abhebt.
22.03.06
Julia Reichert