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Die Entstehung von Bistro, dem Bozner Informationssystem für Rechtsterminologie 
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EURAC-Computerlinguist Oliver Streiter, der das Juridische Informationssystem Bistro aufgebaut hat, spricht im Interview über die Anfänge von Bistro, über Herausforderungen und Erreichtes.

2001 begannen Sie an der EURAC mit dem Aufbau des Bozner Juridischen Informationssystems Bistro. Wie waren die Anfänge?
Am Anfang wussten wir gar nicht so recht, in welche Richtung es gehen sollte. Wir wollten ein System, das für interne Mitarbeiter der EURAC und externe Benutzer gleichermaßen interessant ist. Dazu muss das System flexibel auf die Wünsche der Benutzer eingehen: Wie in einem Bistro, dem französischen Schnellimbiss, wo man rasch einen kleinen Happen essen kann, auf Wunsch aber auch gut speist. Bistro sollte schnell und knapp über Fachwörter informieren. Es sollte aber auch die komplizierten rechtlichen Zusammenhänge übersichtlich darstellen. So etwas kann leicht über den Rahmen eines Bildschirms hinausgehen.
Begonnen habe ich damit, mit den Kollegen Gespräche über ihre Arbeitstechnik zu führen und ihnen bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Was macht ein Terminologe eigentlich, welche Vorgehensweisen sind reflektiert und welche vielleicht nur Gewohnheit oder Konvention? Und was sind das für Daten, die ein Terminologe im Kopf hat? Was wird davon explizit gemacht und was bleibt implizit? Dann haben wir die Datenstruktur erstellt: Welche Daten soll es in Bistro geben? In welcher Form werden sie abgespeichert? Welche Beziehungen bestehen zwischen ihnen?
 
Was waren die größten Herausforderungen bei der Planung von Bistro?
Die Herausforderung bestand darin, ein System zu schaffen, das juridische und linguistische Information kombiniert, und daher für beide Arten von Daten angemessen ist. Ein solches System muss alle möglichen Konstellationen abdecken, und die mussten wir erstmal im Team mit Juristen und Sprachwissenschaftlern bis in letzte Detail durchgehen. So gibt es Fälle, in denen ein italienischer Rechtsbegriff in Österreich, Deutschland und der Schweiz verschiedene Entsprechungen hat. Oder wenn ein Fachausdruck zwar im Südtiroler und österreichischen Deutsch gleich lautet, aber nicht ganz dasselbe bedeutet.
Bei der Planung mussten wir alle diese Möglichkeiten berücksichtigen. Während der Umsetzung mussten wir das Konzept dann mehrmals anpassen.
 
Welches Rezept half Bistro schließlich?
Weniger ein Rezept als eine Lösung. Man muss erst alles in Bausteine zerlegen und die dann wieder aneinander binden. Wie in einem Chemielabor oder in unserem Gehirn. Die verschiedenen Bausteine, zum Beispiel Wörter, Termini, Definitionen, etc. können dann untereinander verknüpft werden. Das gleiche Wort kann dann mit verschiedenen Termini (Österreich, Deutschland, Schweiz) verbunden werden. Die Termini sind dann entweder äquivalent oder nicht, was ebenfalls durch Beziehungen ausgedrückt wird. So können auch die Übersetzungen eines Fachausdrucks in verschiedenen Ansichten dargestellt werden, je nachdem, welchen Zweck man verfolgt. Ja, wenn man diesen Schritt geht, muss man sogar die Ansicht filtern, da das gesamte Netzwerk für den Menschen nicht mehr zu durchschauen ist.
Man kann sich die Ansichten vorstellen wie einen Panoramaschaukasten, über den man mit einer Kamera hinweg fliegt, oder wie ein Hologramm: Man kann denselben Fachausdruck aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und somit auf andere Weise sehen. Wer Details sucht, wählt die Froschperspektive, wer den Überblick sucht, betrachtet die Daten aus der Vogelschau.

Was bedeuten die verschiedenen Ansichtsmöglichkeiten für den Benutzer von Bistro?
Man kann genau auf die Informationen zugreifen, die man braucht und wird nicht mit unnützer Information überflutet:
Wer sich nicht erinnert, wie die normierte deutsche Form eines juridischen Fachausdrucks lautet, kann sich schnell nur die Übersetzung anschauen. Viele Benutzer in der öffentlichen Verwaltung zum Beispiel möchten genau dies.
Wer genauere juridische Information sucht, kann sich auch Definitionen und Kontexte anzeigen lassen. Juristen schätzen diese Funktion, weil sie erlaubt, die konkrete Verwendung eines Fachausdrucks in der Zielsprache zu erkennen.
Wer will, kann auch die gesamten Recherche-Ergebnisse zu einem Fachausdruck ansehen. Dies ist für Wissenschaftler von Interesse. Nur wenige Forschungsprojekte legen ihre gesamten Forschungsdaten in derart vollständiger Form ins Internet. Die EURAC leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Terminologieforschung und zum europäischen Rechtsvergleich.
 
Was war die größte Schwierigkeit bei der Entwicklung von Bistro?
Bistro ist ein System, das stets im Internet zur Verfügung steht. Die Wartung einer Datenbank dieser Größe erfordert viel Zeit und es bräuchte eigentlich mehrere Mitarbeiter, die sich abwechseln können. Wenn das System einmal plötzlich stillsteht, dann muss man manchmal schon bis tief in die Nacht sitzen, um den Fehler zu finden und zu beheben. Keine happy hour!

Welche Besonderheiten unterscheiden Bistro von anderen Terminologie-Angeboten im Internet?Unser Bistro ist kein Sonderangebot. Auf den Umfang der Daten kann das gesamte Bistro-Team stolz sein - kaum eine andere Terminologie-Website bietet so detaillierte Information zu so vielen Rechtsbegriffen.
Darüber hinaus ermöglicht Bistro auch die Suche in ausgewählten Textsammlungen, so genannten Corpora. Eine Spezialität des Hauses sind parallele Corpora mit Texten und ihren Übersetzungen, z.B. CLE auf Deutsch, Italienisch und Ladinisch, oder das Catex Corpus. Das sind ganz spezielle Corpora, die ihresgleichen suchen.
Schließlich kann jeder in Bistro auch mit computerlinguistischen Werkzeugen für den Eigenbedarf kochen: Die Termerkennung erlaubt es, im eigenen Text diejenigen Fachausdrücke zu markieren, die bereits in den Bistro-Datenbanken vorhanden sind. Die Termextraktion, ein anderes Werkzeug, macht aus einem Text eine Liste von Wörtern, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit wichtige Fachwörter dieses Textes sind. Für jedes dieser möglichen Fachwörter wird dem Benutzer eine Reihe von Hilfsmitteln angeboten, um das Wort weiter zu untersuchen.
Der Benutzer von Bistro kann also nicht nur die Arbeit des Bistro-Teams überprüfen, er oder sie kann auch neue Recherchen machen. Wie diese dann wiederum in die Datenbank eingehen, ist eine noch offene Frage. Insgesamt ist Bistro nicht nur ein Schaukasten auf eine Terminologiesammlung, sondern auch ein Zertifikat ihrer Qualität. Wie in einem japanischen Restaurant, wo man den Köchen staunend gegenüber sitzt.

Wie sieht denn die Zukunft von Bistro aus?
Nun, einige Elemente der Planung sind noch nicht umgesetzt. Dazu müssen die terminologischen Daten noch „vereindeutigt" und aufgearbeitet werden. Ebenso ist die Beziehung von Corpora und gesammelten Kontexten zu überdenken, da diese im Wesen sehr ähnlich sind. Aber dies sind vielleicht nur Details. Das ganze Forschungsfeld der Terminologie ist am Brodeln wie ein mongolischer Feuertopf. Eindeutige Tendenzen in der Forschung sind aber noch nicht auszumachen, da die Terminologie durch ihren Praxisbezug und ihre Nützlichkeit noch immer in ihrer eigenen Mitte gehalten wird. Langfristig wird die Terminologie vielleicht in ihrer heutigen Form ganz verschwinden und aufgehen in allgemeineren Ansätzen zu Wissensmanagement und Fachkommunikation. Vielleicht ersetzt aber auch die Ernährungswissenschaft das Kochen. Wer weiß.

Hmm, gut, wenn es so weit ist, rufen Sich mich an und wir führen ein neues Gespräch.

(Das Interview führte Mathias Stuflesser)


Oliver Streiter war von 2001 bis August 2004 als Computerlinguist an der Europäischen Akademie Bozen. Seit September 2004 ist er Assistant Professor an der National University of Kaohsiung in Taiwan. Der EURAC bleibt Oliver Streiter als freier Mitarbeiter in computerlinguistischen Projekten verbunden.

15.10.2004
 


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