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Team-Meeting um 8.30, Kundengespräch um 9.15 - bis spät in die Nacht hetzen wir von Termin zu Termin. Wir sitzen vor Bildschirmen, die eine Hand am Handy, die andere am Palm und wissen oft nicht mehr, wofür wir das tun. Werner Sattlegger, Senior Manager bei Infineon Technologies IT-Services GmbH stellt eine neue Größe ins Zentrum des Managements, den Sinn. |
Herr Sattlegger, das Bild des stets telefonierenden, gehetzten Managers haben wir alle vor Augen. Doch sieht der Management-Alltag tatsächlich so aus?
Die modernen Technologien haben in der Tat einen tief greifenden Strukturwandel - nicht nur im Management - eingeläutet. Der Arbeitsalltag ist komplexer geworden. Arbeit wird immer mehr entfremdet. Traditionelle Sicherheiten sind verloren gegangen. Wir sehen nicht mehr so leicht, wofür wir eigentlich arbeiten.
Wir brauchen also auch im Management neue Orientierungshilfen?
Ja. Der Mensch ist ja sein Leben lang auf der Suche nach Orientierung, nach Sinn. Das hat Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie, schon vor über 50 Jahren festgestellt. Der Mensch ist stets bestrebt, sein Leben in einen Sinnzusammenhang zu bringen. Gelingt ihm das nicht, wird er krank
Was heißt denn ‚Sinn' für Sie?
Sinn heißt für mich, die Antwort auf die Frage des Wozus.
Wozu, im Sinne von ‚wozu mache ich meinen Beruf'?
In Bezug auf die Arbeitswelt, ja! Es geht darum, eine Bedeutung des Tuns und des eigenen Wesens zu finden.
Und warum ist das so schwierig?
Das ist deshalb schwierig, weil wir permanent vernebelt werden, durch Reizüberflutungen, durch Informationsüberschüttungen und Ablenkungen. Der Kern des Wesentlichen wird dadurch verschleiert.
Was ist denn das Wesentliche?
Wesentlich ist, dass man mit dem, was man tut, innerlich verbunden ist. Man sollte bei seiner Arbeit die Bedeutung für das größere Ganze erkennen. Im Unternehmerischen wird heutzutage viel zu wenig Wert darauf gelegt, den Mitarbeitern die Bedeutung dessen zu vermitteln, was getan wird.
Sie meinen die großen Unternehmensziele?
Ja genau. Den Mitarbeitern müssen Vision und Werte eines Unternehmens vermittelt werden.
Die Werte sind fundamental. Über die Werterfüllung erfahre ich Sinnerfüllung. Dazu muss ich aber zunächst mal wissen, was für mich wichtig ist, also was meine eigenen Werte sind, die sich natürlich auch im Laufe des Lebens verändern können. Werte sind ja etwas Temporäres. In einem Unternehmen muss es ein Fundament von vier, fünf Werten geben, die von allen oder zumindest vom Großteil der Mitarbeiter getragen, verinnerlicht und gelebt werden.
Was sind denn solche Unternehmenswerte, beispielsweise die von Infineon?
Einer unserer wichtigsten Werte ist „Never stop thinking". Wir sind im Innovationssektor tätig. Wir müssen immer weiter voranschreiten. Sobald etwas zur Routine wird, müssen wir nach etwas Neuem streben. Das ist für uns eine marktnotwendige Bedingung. Weitere Unternehmenswerte sind bei uns beispielsweise das unternehmerische Handeln eines jeden Mitarbeiters oder natürlich auch die Teamorientierung.
Wie können solche Werte gelebt werden, wie Sie sagen?
Gelebt werden sie täglich, in einer Entscheidung, in einer Sitzungskultur, in der Art und Weise, wie ich mit Kollegen umgehe oder auch wie die Menschen zur Arbeit gehen. Dies alles ist die Unternehmenskultur, die sich auf eben diesen Unternehmenswerten gründet.
Wie vermittelt man diese Unternehmenskultur den Mitarbeitern?
Nun ja, viele denken, wenn man im Unternehmen Plakate aufhängt und Briefköpfe oder Hochglanzfolien bedruckt, genügt das. Das ist aber nicht so.
Was muss man noch tun?
Das wichtigste ist, dass die Führungskräfte die Unternehmenskultur persönlich vorleben -durch ihre Entscheidungen, ihr Verhalten, ihre Kommunikation, ihren Umgang mit den Mitarbeitern.
Und wie findet die Führungskraft, der Manager, selbst zu seinem seelischen Gleichgewicht, zum Sinn, in unserer temporeichen Zeit?
Meiner Meinung nach ist ein erfolgreiches Management nur durch eine ganzheitliche Lebensführung möglich.
Was heißt das?
Das heißt, dass ein stabiler Sinn nicht nur für die eigene berufliche Tätigkeit als Fundament entscheidend ist. Unser Leben besteht aus mehreren Lebenssäulen oder Kästchen. Wichtig ist, dass diese zueinander im Gleichgewicht stehen.
Welches sind denn solche Lebenssäulen?
Das sind natürlich die Arbeit, dann aber auch das Soziale, also Familie und Freunde, die Spiritualität, beispielsweise die Religion, aber auch die Freizeit. Das Wichtigste ist nun, dass man im Laufe der Tage, Monate und Jahre des Lebens, all' diese Lebenskästchen, wenn wir sie so nennen wollen, durchläuft. Es ist ein fataler Fehler, eines dieser Kästchen zu Gunsten eines anderen auszuschalten.
Heißt das also, dass der Top-Manager, der nur für seine Firma lebt, dieser auf Dauer gar nichts Gutes damit tut?
Natürlich ist es aus Sicht des Unternehmens förderlich, wenn der Mitarbeiter seinen Arbeitseinsatz maximiert. Nur ist es eine Illusion zu glauben, dass er dann eine Topleistung bringen wird. Es nützt niemandem etwas, wenn der Manager mit 40 einen Burn-out erleidet. Wichtig ist es, ganzheitlich zu leben und sein Leben – das berufliche und private - mit einem stabilen Wertekorsett zu stützen.
03.11.2005
Das Interview führte Julia Reichert.