kontakt | site map | impressum           18.5.2008
Logo EURAC  
  NEWS ARCHIV    
      Veranstaltungen    
      Kurse    
      Forschung    
      Neuerscheinungen    
      Stellenangebote    
SUCHE IN EURAC.EDU  
 

Starkult und Dogma 
Home  |  Focus  |  Religion und Innovation  |  Starkult und Dogma  

Papst Benedikt XVI. gilt seit dem XX. Weltjugendtag in Köln als Superstar. Ein weiterer Medienstar der Religion ist der Dalai Lama, der gut vor einem Monat Südtirol besuchte, und dem eine Welle der Begeisterung entgegenschwappte. Starkult um religiöse Oberhäupter haben eine neue Dimension im Medienzeitalter erhalten.

Der Weltjugendtag, war das religiöse Groß-Event dieses Jahres. Benedikt XVI. wurde bejubelt.  Schon das Konklave, das ihn zu unserem Papst kürte, war mit großer Spannung vor dem Bildschirm oder dem Radio verfolgt worden. „Wir sind Papst" titelte die Bildzeitung. Diese Schlagzeile belegt bereits, dass man im deutschsprachigen Raum bereit war, sich mit dem neuen Oberhaupt der Katholischen Kirche zu identifizieren. Papst sein war im, von der Reformation immer noch geteilten Deutschland, plötzlich „hipp".

Als der Dalai Lama vor gut einem Monat nach Südtirol kam, fanden 800 interessierte Zuhörer den Weg in die Europäische Akademie (EURAC) in Bozen, um den Ausführungen Seiner Heiligkeit zum Thema „Ethik und Globalisierung" zu lauschen.
Der ORF berichtete, der RAI Sender Bozen berichtete, selbst die „Neue Südtiroler Tageszeitung", sonst mehr an „Sex and Crime" interessiert, druckte ein ganzseitiges „Sonntagsgespräch" mit Seiner Heiligkeit.

Pietät & Pilger
Dass mit einem religiösen Oberhaupt Quote zu machen ist, schienen die Medien weltweit festzustellen, als Papst Johannes Paul II. im Sterben lag. Bereits unmittelbar nach Ostern brachte RAI uno einen Rückblick über das Leben des „großen Papstes", als hätten die Fernsehmacher gewittert, dass der Papst noch in der gleichen Woche in Agonie fallen und sterben sollte. „Der Unsterbliche" hatte der Spiegel noch eine Woche zuvor über Johannes Paul getitelt.

Pilgerströme überfluteten Rom. Alle wollten den Leichnam des alten Papstes sehen und Abschied nehmen oder einfach dabei gewesen sein und das Fernsehen lieferte uns Bilder über Menschen, die zehn Stunden oder länger in einer Schlange anstanden, um einen im Petersdom aufgebarten Toten zu sehen.

Peace & Love
Dem in nur zwei Tagen neugewählten Papst Benedikt XVI. flogen sofort die Herzen zu.
Der einst so gefürchtete Kardinal Ratzinger schien nicht mehr zu existieren. Der Mann, der vom Balkon über dem Petersplatz nett lächelnd herunterwinkte, konnte doch unmöglich der Kardinal sein, der sich auch im Jahr 2005 noch gegen vorehelichen Geschlechtsverkehr und Homo-Ehe mit Vehemenz aussprach. Medial viel besser kamen doch da seine Mahnungen für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt an.
Ein Feld, das übrigens auch der Dalai Lama beherrscht.
Diese Botschaft von peace and love, die Papst Benedikt und der Dalai Lama bei ihren Medienauftritten verbreiten, kommt bei den Menschen und auch bei vielen Jugendlichen an.
Eine Million junger Leute jubelten dem Papst beim Weltjugendtag zu und skandierten „Benedetto, Benedetto."
Jugendliche wiederum, die mit der Katholischen Kirche weniger anzufangen wissen, äußern nicht selten, dass der Buddhismus, ihrer Ansicht nach, die Religion sei, die sie wählen würden, wenn sie sich entscheiden müssten.

Image & Dogma

Dabei haben die meisten Menschen vom Buddhismus häufig ebenso ein diffuses Bild wie von der Lehre der Katholischen Kirche.
Wenn dem Image der Katholischen Kirche etwas schadet, dann ist es, nach Meinung vieler Szenekenner, das Festhalten an bestimmten Dogmen, wie beispielsweise der unbefleckten Empfängnis, die vor allem viele Jugendliche nicht mehr verstehen und im Gegensatz zur Kirche rein metaphorisch verstehen.
Dass auch der Buddhismus Lehren vertritt, die der vernunftbegabte Mensch nicht immer nachvollziehen kann, tröstet wenig. Der Buddhismus lehrt beispielsweise, dass Buddha in einer Lotusblüte geboren wurde.

Starkult
Trotz des Imageproblems, das die Kirche - auch nach dem Weltjugendtag - noch bei vielen Jugendlichen haben dürfte, haben oftmals die gleichen Jugendlichen kein Problem damit ihrem Star - Papst Benedikt XVI. - zu huldigen.
Das muss nicht weiter überraschen. Es ist Teil eines jeden Starkults, dass der Star von der Masse idealisiert wird. Man erwartet von ihm nicht Perfektion.Das Gesamtkonzept muss passen - und es passt.

Die Werteskala, mit der sich, sei es der Papst, sei es der Dalai Lama, den Jugendlichen präsentieren, kommt bei vielen Menschen im Großen und Ganzen an. Der Einsatz für Frieden, die Bemühungen um Versöhnung mit anderen Glaubensgemeinschaften, die Positive Haltung mit denen der Papst Jugendlichen begegnet, das alles wiegt für viele mehr, als die eine oder andere Aussage, der man nicht zustimmen kann.

Die Rolle der Medien
Ganz wie bei gewöhnlichen Stars, ist auch bei den religiösen Stars die Medienpräsenz von entscheidender Bedeutung.
Häufig freuen sich die Menschen einfach schon darüber, eine Person einmal live zu erleben, die man sonst nur aus dem Fernsehen kennt. Das ist der Live-Effekt.
Dank des Fernsehens wiederum gelingt es uns so nah an die religiösen Oberhäupter heranzukommen, wie es uns live nie gelingen wird. Wir sehen ihr nettes Lächeln, ihre Erschöpfung, ihre Erstauntheit  in Großaufnahme und erkennen, dass sie trotz ihrer hohen Ämter Menschen sind, die vertraute Züge tragen. Das macht sie letztendlich liebenswert.

Göttliche Dimension
Ganz vergessen darf man natürlich auch nicht, dass - trotz aller Aufgeklärtheit - die Menschen von der Dimension des Göttlichen fasziniert sind, die die Pontefici dieser Welt umgibt. Ihr besonderer „Kontakt" zu Gott macht sie zu „Ozeanen der Weisheit". Das macht sie  interessant und  verschafft ihnen den nötigen Respekt bei den meisten Menschen.

06.09.2005

Heiko Schoberwalter

Heiko Schoberwalter ist Politologe und Germanist. Derzeit ist er als Pressereferent zweier katholischer Jugendvereine (Südtirols Katholische Jugend und Katholische Jungschar )  tätig.





 
Copyright © EURAC 2008 Seite versenden Seite drucken Seitenanfang