„Nicht alles rechnet sich in Geld"
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"Nicht alles rechnet sich in Geld"
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Guido Perathoner, Moraltheologe und Referent im EURAC Lehrgang Ethik und Tourismus, über das heikle Thema Umwelt, Nachhaltigkeit und soziale Beziehungen in der Tourismusbranche. | Herr Perathoner, womit beschäftigt sich Tourismusethik? Mit sehr vielen unterschiedlichen Dingen so etwa mit Umweltschutz - wie kann ich eine touristische Destination nachhaltig schützen, damit sie auch in Zukunft interessant bleibt? Mit Entwicklungshilfe - wie kann der Tourismus Drittweltländern in einer ethisch vertretbaren Entwicklung helfen? Mit sozialen Aspekten - wie der Frage, wie kann der Touristiker als Mensch reifen, welche charakterlichen und professionellen Schlüsselqualifikationen sollte er pflegen, um als Touristiker und Mensch in einem so anspruchsvollen Arbeitsfeld lange und gut arbeiten zu können. gehen Touristiker oder Hoteliers mit Menschen um, egal ob es der Gast oder ein Mitarbeiter ist…
Thema Umgang mit Menschen. Ist es nicht schwierig den touristischen Kleinunternehmer davon zu überzeugen, den Mitarbeiter mit Samthandschuhen anzufassen. Sein Betrieb muss sich doch in erster Linie rechnen. Und wenn es einer Arbeitskraft nicht passt, dann ist sie auch austauschbar. Sie sprechen da einen heiklen Punkt an. Der Hotelier denkt natürlich zuallererst an die Zahlen. Stimmen sie? Rechnet sich sein Betrieb? Im Alltagsgeschäft bleibt ihm gar keine Zeit für ethische Überlegungen wie ist mein Tellerwäscher aus Pakistan glücklich? Die Zeit sollte er sich manchmal einfach nehmen, auch und nicht zuletzt, um über sein eigenes persönliches Glück nachzudenken.
Das bleibt im Hotelbetrieb ja oft auf der Stecke. In den 1990er Jahren hat es in Nordtirol einmal eine Studie gegeben, wonach die Scheidungsrate bei Hoteliers besonders hoch ist. Wenn ich mich recht erinnere war auch die Suizidrate in dieser Berufsgruppe beachtlich. Familienethik ist beispielsweise auch ein Thema mit dem sich Tourismusethik beschäftigt.
Was für eine Möglichkeit hat denn ein Gastgeber, sich in sein eigenes Privatleben zurückzuziehen. Wie gastfreundlich muss er sein? Dieses Thema haben wir in meiner Moduleinheit ausgiebig diskutiert. Die Erwartungshaltung der Gäste ist natürlich groß. Sie bezahlen ja sozusagen für die „Gastfreundschaft". Ein schwieriges Wort im Übrigen. Denn wie kann Freundschaft in so kurzer Zeit entstehen. Prof. Elmar Waibl, ein weiterer Referent beim Seminar Tourismus und Ethik, hat vorgeschlagen von Gastfreundlichkeit zu sprechen. Mit diesem Wort fällt es dem Gastgeber vielleicht leichter auf Distanz zu gehen. In jedem Fall muss auch der Hotelier die Möglichkeit eines Rückzugsgebiets in Anspruch nehmen dürfen. Was natürlich nicht immer einfach ist.
Wie viel hat Ethik denn mit Religion zu tun? Viele Menschen setzen Ethik, Moral und Religion gleich. Natürlich bauen Religionen auf ethische Moralvorstellungen, aber es gibt auch eine Ethik außerhalb der Religionen. Grundprinzipien wie die Achtung vor dem Nächsten gelten in allen Lebenslagen und Disziplinen, egal welcher Glaubensgemeinschaft ein Mensch angehört. Wenn ich als Pfarrer von Ethik im Tourismus spreche, werde ich oft etwas schief angeschaut. Das liegt mitunter auch an der antikirchlichen Einstellung.
Sollte sich denn die Kirche in Südtirol mehr des Themas Tourismusethik annehmen? Dieselbe Frage könnten Sie mir stellen in Sachen Wirtschaftsethik, Bioethik usw. Natürlich hat die Kirche den Auftrag sich um Ethik in weiterem Sinne zu kümmern. Dass und wie ein Pfarrer aber eng mit Touristen und Touristikern zusammenarbeitet bleibt ihm überlassen und muss in erster Linie erwünscht sein. Mir geht es vielmehr darum, dass bei Seminaren wie jenem der EURAC Touristiker, Politiker, Hoteliers, Pfarrer, Wirtschaftstreibende usw. für das Thema Ethik im Tourismus sensibilisiert werden. Denn nicht alles rechnet sich mit Geld. Glück, Wohlbefinden und eine schöne Landschaft am allerwenigsten.
Das Interview führten Sigrid Hechensteiner und Frieda Raich
14.09.2005
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