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Bis zum Unübersetzbaren 
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Sprachliche Brücken sind das Steckenpferd von Marzena Gorecka. Im Projekt „Language Bridges" erforscht die Übersetzerin und Germanistik-Dozentin aus Polen mit den EURAC-Linguisten Sprache in Grenzregionen. Mit uns sprach sie über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des literarischen Übersetzens.

Sie arbeiten am Projekt „Language Bridges" mit. Können, Ihrer Ansicht nach, literarische Übersetzungen Brücken schlagen zwischen Ländern und Sprachgruppen?
Ja, natürlich können und sollen literarische Übersetzungen Brücken zwischen den einzelnen Nachbarländern und Sprachgruppen bilden. Sie vermitteln nämlich den kulturellen Kontext, ohne den man den Anderen nicht verstehen und ohne den man ihm nicht richtig begegnen kann. Gute literarische Texte aus einem anderen Sprachraum können sicher auch das Interesse an der Sprache dieses Raumes wecken, und somit bilden sie ein wichtiges, nicht zu unterschätzendes Instrument beim Spracherwerb.

Ihre jüngste Übersetzungsarbeit war ein Roman des Schweizer Autors Hugo Loetscher „Noah. Roman einer Konjunktur". Warum gerade dieses Buch?
Die Literatur aus der Schweiz wurde in Polen – und ich glaube nicht nur dort – immer ein bisschen vernachlässigt. Man übersetzt deutschsprachige Literatur aus Österreich, aus Deutschland. Schweizer Autoren sind in Polen, mal abgesehen von Namen wie Dürrenmatt, so gut wie unbekannt. Zu Unrecht wie ich finde. Erst seit ungefähr drei Jahren erlebt die Literatur aus der Schweiz bei uns einen kleinen Aufschwung. Da hat nämlich eine in der Schweiz lebende Polin, einen kleinen Verlag in Polen gegründet, der es sich zur Auflage gemacht hat, Bücher Schweizer Autoren zu verlegen. Ich war in Kontakt mit dem Verlag und habe zu meiner Freude den Auftrag für die Loetscher-Übersetzung bekommen.

Wie überträgt man nun einen in den 60er Jahren entstanden Roman eines Schweizer Autors ins Polnische? Wie schlägt man eine sprachliche und kontextuelle Brücke, wenn wir bei dem Bild bleiben wollen, zwischen der Schweiz der 60er Jahre und dem Polen 2005?
Nun, der soziokulturelle Kontext der Schweiz ist natürlich anders als die polnische Realität, jedoch ist das Buch von Loetscher ein universeller, d.h. immer gültiger, nie an der Aktualität einbüssender Roman: Die biblische Parabel von der Sintflut und dem Bau der Arche, die der Autor in den 60er Jahren auf die westliche Konsumgesellschaft übertragen hat, lässt sich nun sehr gut auch auf die polnische Realität übertragen. Jetzt macht das Buch auch Furore in Russland. Die Aussage des Werkes ist zeitlos: Das sich immer mehr an materiellen Gütern bereichernde und immer mehr am Lebensgenuss orientierte Mensch läuft Gefahr, geistige Werte zu vergessen und sein Ich letztlich zu verspielen. Mich hat am Roman am meisten fasziniert, dass der Autor hier nicht als Moralist auftritt, sondern als humorvoller bis ironischer präziser Beobachter, der das ganze Lebensspektakel aus einer höheren Warte beschreibt. Gestehen muss ich jedoch, dass diese mal heiter mal bissige Ironie mir die grössten Schwierigkeiten bei der Übersetzungsarbeit machten.

Lässt sich so etwas überhaupt übersetzen?
Es gibt in der Tat in jedem Werk etwas Unübersetzbares. Die Originalsprache verleiht dem Buch eine Seele, eine Kulturseele. Es ist schwer zu sagen, was das genau ist. Es sind nicht die Wörter, nicht die Syntax. Es ist mehr der geistige Hintergrund eines Landes, einer Sprache, den man einfach nicht mittransportieren kann. Man kann mit einer Übersetzung, Zugänge zur Ursprungskultur erschließen,  Brücken bauen, wenn man so will, aber der Originaltext bleibt immer etwas Spezielles und wenn man die Möglichkeit hat, sollte man ein Buch immer in der Originalsprache lesen.

Das sagen Sie als Übersetzerin?
Ja, davon bin ich überzeugt. Das heißt natürlich nicht, dass das Übersetzen nicht seinen Sinn und Zweck hat. Übersetzungen sind für die Menschen, die der anderen Sprache nicht mächtig sind, der einzige Zugang zur Kultur des Herkunftstextes. Und da ist es natürlich besser, man liest eine -möglichst gute – Übersetzung eines Textes, anstatt den Text überhaupt nicht zu lesen.

Wie sieht denn nun konkret der Unterricht in literarischem Übersetzen aus? Was bringen Sie Ihren Studenten bei?
In erster Linie bringt man Ihnen anhand vielfältiger Texte bei, dass man nicht automatisch übersetzen kann. Vielleicht verdeutlicht das ein konkretes Beispiel: In einer meiner letzten Unterrichtsstunden habe ich meine Studenten eine Kolumne übersetzen lassen. Der Titel lautete „Hans im Pech". Es lässt sich leicht erahnen, wo die Schwierigkeit liegt. Mit einer wörtlichen Übersetzung kommt man hier nicht weiter. Es kommt auf den Kontext an, den man natürlich kennen muss. 

Das Märchen der Gebrüder Grimm?
Ja. Man muss erkennen, dass es sich hier um die Umkehrung des Grimm'schen „Hans im Glück" handelt. In der Unterrichtsstunde wurde viel diskutiert, wie man das Wortspiel ins Polnische bringen kann, denn eine direkte Entsprechung existiert nicht.  Eine mögliche Lösung ist, verschiedene polnische Übersetzungsversionen des deutschen Märchens anzuschauen, den häufigsten Titel auszumachen und diesen anschließend umzukehren. Beim Übersetzen muss man natürlich von Fall zu Fall entscheiden. Es gibt nicht eine vorgeschriebene Richtlinie, an die man sich halten kann oder muss. Jede Übersetzungsarbeit ist eine neue Herausforderung, ein neuer Balanceakt.

Das Interview führte Julia Reichert.


 
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