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Übersetzer oder Literat? 
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Was wäre die Weltliteratur ohne Übersetzungen? Es gäbe sie nicht, attestiert Lucien Leitess in seinem Vorwort zu einem Übersetzungsdossier des Unionsverlages. Denn eine gemeinsame Entwicklung des Literaturschaffens, ein Beeinflussen von Schreibstilen, Motiven und Gattungen ist nur durch die Arbeit der Übersetzer möglich.

Trotz dieser Tatsache fristete die Übersetzung lange Zeit ein Schneewittchendasein. Wer kennt schon den Namen eines Übersetzers? Alessandro Manzoni war in deutschen Literaturkreisen schon zu Goethes Zeiten ein Begriff und ist es heute noch, auch wenn höchstwahrscheinlich sehr wenige Deutsche - Goethe mal ausgenommen - die „Promessi Sposi" in lombardischem oder florentinischem Gewand kennen gelernt haben. Was sie gelesen haben, sind „Die Brautleute" oder „Die Verlobten", doch kaum jemand wird sich an Ernst Wiegand Junker, Johanna Schuchter oder Burkhart Kroeber erinnern, deren Texte sie in Wahrheit in den Händen hielten.

Doch ist es gerade das Textverständnis des Übersetzers, das uns beim Lesen eines Textes den Ausgangspunkt für unsere eigene Textauffassung liefert. Es ist der Übersetzer, der die Linse schleift, durch die wir das Original bewundern. Und es ist der übersetzte Text, der das literarische System prägt, in das er integriert wird und der dem Literaturschaffen eines Landes neue Impulse gibt.
Erst in den 60er Jahren erkannte die Literaturwissenschaft mit dem neu entstehenden Zweig der Übersetzungswissenschaft den literarischen Wert der Übersetzung. Der israelische Literaturwissenschaftler Hamar Even-Zohar gab der jungen Wissenschaft der Translation Studies in den 80er Jahren interessante Anstöße, indem er in seinem Konzept des literarischen Polysystems der Übersetzung eine kulturelle Funktion zuschreibt. Entgegen früherer Auffassungen, die die Übersetzung lediglich als Faksimile eines Originals sahen, attestiert ihr Even-Zohar eine eigene, wichtige Stellung im literarischen Weltgefüge. Ausgehend von der Idee des „Rewriting" eines Textes durch den Übersetzungsprozess, sieht Zohar den übersetzten Text als kulturelles Produkt. Auf der Basis des Ausgangstexts überträgt der Übersetzer dessen Werte in die Zielkultur, knüpft aber gleichzeitig eigene, neue Werte in den neu entstehenden Text ein. Diese stammen aus seinem persönlichen kulturellen Umfeld, aus seinen eigenen Leseerfahrungen, aus seiner Weltsicht und seinem persönlichen Wissensstand. Diese neuen Werte und veränderten ideologischen Nuancen geben dem Text eine neue Richtung und lassen ihn wiederum Ausgangspunkt für weitere kulturelle Prozesse sein.

Dass Übersetzungen in manchen Zeiten die wichtigste Quelle für das literarische (Über-)Leben eines Landes sein können, zeigt das italienische Literaturschaffen während des Faschismus. Da das faschistische Regime anstrebte, nicht nur das politische sondern auch das kulturelle Leben zu durchdringen, gab es für die italienischen Autoren, wenn sie sich nicht der leeren Rhetorik faschistischer Literatur oder einem realitätsfernen reinen Ästhetismus wie dem Gabriele D'Annunzios verschreiben wollten, nur die geistige Flucht über den Ozean. Im so genannten „Jahrzehnt der Übersetzungen" der 30er und beginnenden 40er Jahre übertrug ein kleiner Kreis junger Literaten, unter ihnen Cesare Pavese, Elio Vittorini und Eugenio Montale, Werke der US-Realisten Whitman, Faulkner, Anderson und Steinbeck ins Italienische und schuf so eine neue junge Literatur, die im Gegensatz zu den italienischen literarischen Produkten dieser Zeit die Realität der Menschen betraf und beschrieb. Die Texte thematisierten das Leben des einfachen Mannes von Nebenan und lieferten neue politische – demokratische – Perspektiven. Um mit den Worten Even-Zohars zu sprechen, war dieser übersetzerische „Import" der einzige Weg, um das literarische System Italiens in Bewegung zu halten und ihm neue kulturelle Impulse zu liefern. Nur der Übersetzer konnte aktuelle Probleme thematisieren, indem er die Realität der Menschen durch den Spiegel auf der anderen Seite des Ozeans sichtbar machte. Die Ideen des „importierten" amerikanischen Realismus – der sozial Schwache als literarischer Protagonist, die dialektgefärbte Alltagssprache – gaben nicht zuletzt die entscheidenden Impulse für eine eigene italienische Weiterentwicklung des Literaturschaffens, den Neorealismus der Nachkriegszeit.

Julia Reichert

24.01.2005


 
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