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Brücken bauen zwischen zwei Welten – Südtirol und Lomerío 
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Das Gebiet der Chiquitanía befindet sich im Südosten Boliviens und die Einwohner dieses Landstrichs nennt man folglich auch Chiquitanos. Vor nicht einmal 100 Jahren kamen sie als entflohene Sklaven in die entlegene Gegend Lomerío, um ein neues Leben als freie Menschen zu beginnen.

Vor einiger Zeit hatte ich die Möglichkeit, aufgrund eines Solidaritätsbesuches, am Leben dieser Chiquitanos teilzuhaben. Bereits die Anreise in einem klapprigen, komplett überfüllten Kleinbus, auf unwegsamen Lehmpisten, durch den Urwald war ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Je nach Wetterlage ist der Zustand der Wege nämlich schlecht oder miserabel. Da kann es vorkommen, dass sich die Reise ungewollt um einige Stunden verlängert. Aber für die Chiquitanos ist Zeit unbedeutend, denn Zeit ist eine der wenigen Sachen, die sie im Überfluss haben. In aller Ruhe werden die täglichen Dinge des Lebens in Angriff genommen frei nach dem Motto: „Was wir heute nicht besorgen, das verschieben wir auf morgen, oder übermorgen".
Umso schwieriger ist es für einen Europäer, sich in dieses Umfeld einzugliedern. Man lernt zu warten, den Blick auf das Essentielle des Lebens zu fokussieren, innezuhalten und vielleicht die eine oder andere Bekanntschaft zu machen, denn soziale Kontakte sind sehr wichtig.
Das größte Problem der Chiquitanos in Lomerío ist das nicht vorhandene Trinkwasser. Das lebensnotwendige Nass wird aus Bächen und Tümpeln getrunken, welches natürlich schlechte Trinkwasserqualität hat und somit oft gesundheitliche Probleme mit sich bringt. Im Jahr 2000 wurden, mit Südtiroler Unterstützung, mehrere Brunnenschächte gebohrt. Dadurch konnte die Situation um einiges verbessert werden. In der Trockenzeit jedoch versiegen Bäche und Seen und mit ihnen der Großteil der Brunnen. Das Wasser muss dann stark rationiert werden und eine zehnköpfige Familie hat sich etwa mit mageren 20 Litern am Tag zu begnügen.
Besserung ist keine in Sicht, denn die Bevölkerung wächst rasch. Sechs Kinder je Familie sind normal, zehn keine Seltenheit. Die Regierung hat zwar mehrmals versucht die Trinkwasserversorgung Lomeríos zu verbessern, doch das meiste Geld ist korrupten Politikern, Ingenieuren und Baufirmen zum Opfer gefallen. Die Chiquitanos wurden sich selbst überlassen.

Bereits vor etwas mehr als 30 Jahren wurde der Grundstein für eine „Brücke" gesetzt, die Lomerío bis heute mit Deutschland und Südtirol verbindet. 1977 wurde der deutsche Franziskaner Josef Schicker als Missionar nach Lomerío berufen. Zur selben Zeit war dort auch Luzi Lintner, aus Unterinn am Ritten, als Entwicklungshelferin tätig. Diese Fügung des Schicksals sollte für Lomerío von entscheidender Bedeutung sein. Mit Spendengeldern, die Padre Schicker mobilisierte, wurden Schulen errichtet, eine Krankenstation gebaut und ein Hausbauprojekt initiiert. Mit Stipendien wurden einige Dorfbewohner zu Lehrpersonen ausgebildet. Das Bésiro, die Muttersprache der Chiquitanos, wird dadurch wieder an den Schulen unterrichtet.
Die Aufbauarbeit, die Padre Schicker und Frau Lintner gemeinsam mit den Chiquitanos geleistet haben, hat Lomerío zu dem gemacht, was es heute ist. 1985 wurde Padre Schicker in eine andere Pfarrei versetzt, zu diesem Zeitpunkt war Frau Lintner bereits nach Südtirol zurückgekehrt. Ihre tiefe Verbundenheit zu den Menschen in Lomerío blieb aber weiterhin bestehen.

 Das Leben in der Sklaverei hatte seine Spuren im Gedächtnis der Chiquitanos hinterlassen. Sich zu organisieren hatten sie verlernt. Luzi Lintner hatte damals die Idee, eine Gruppe zu gründen. Sie sollte den Name puente erhalten und somit eine Brücke schlagen zwischen Südtirol und Lomerío. Seither wird die Gruppe in regelmäßigen Abständen aus den Dorfbewohnern gewählt. Die puente koordiniert, mit Südtiroler Unterstützung, verschiedene Projekte im Sanitäts- und Bildungsbereich, ebenso wie das Hausbauprojekt.
Die Bevölkerung Lomeríos setzt sich fast ausschließlich aus Bauern zusammen. Auf ihren Feldern bauen sie Mais, Reis, Yucca und Bananen an. Wenn keine Missernte dazwischen kommt, reicht es gerade zum Überleben. Doch wie in jeder Gesellschaft gibt es auch in Lomerío sozial Schwache: jener Bauer zum Beispiel, der sein Feld wegen eines Unfalls nicht mehr bestellen und somit seine Familie nicht mehr ernähren kann. Jene Frau, die keine Medikamente für ihr krankes Kind kaufen kann, da sie kein Geld dafür hat. Genau hier tritt die puente in Aktion. Gemeinsam mit den Betroffenen wird nach einer Lösung gesucht. Es wird ihnen die Möglichkeit geboten sich die Medikamente, eine Operation oder eine Zahnbehandlung durch Arbeit zu verdienen.
Der bolivianische Staat hat mittlerweile in San Antonio de Lomerío eine Gemeindeverwaltung eingesetzt. Die Regierung baut Schulen und bezahlt die Gehälter der Lehrer. Doch für eine Unterstützung der Schüler reicht das Geld noch nicht. Die kleine Marisol hat beispielsweise weder Stift noch Heft, um sich das aufzuschreiben, was sie in der Schule gelernt hat. Sie hat vier ältere Geschwister, die ebenfalls die Schule besuchen. Ihr Vater hat aber nicht genügend Geld, um all seinen Kindern das Schulmaterial zu kaufen. Hier hat die puente eine Umtauschaktion ins Leben gerufen. Die Kinder können Freundschaftsarmbänder knüpfen und diese dann gegen Hefte und Stifte tauschen. Die Finanzierung dieser Umtauschaktion wird durch Schulpatenschaften abgedeckt.
Das durch Padre Schicker initiierte Hausbauprojekt diente vor allem der Verbesserung der Wohnqualität und der damit verbundenen Bekämpfung verschiedener Krankheiten. Seither werden die Häuser Lomeríos aus getrockneten Lehmziegeln, so genannten Adobe errichtet. Das Fundament wird aus Steinen erbaut und das Dach besteht aus Holz. Damit die Lehmwände nicht vom Regen ausgewaschen werden, müssen sie mit Mörtel verputzt werden. Den Sand dafür holt man sich aus dem Flussbett, der benötigte Zement hingegen muss teuer gekauft werden. An diesem Punkt greift die puente wieder ins Geschehen ein und finanziert den Zement und anfallende Transporte.
Auch wenn das Leben in Lomerío oft hart ist, haben die Chiquitanos sich eine große Herzlichkeit bewahrt. Sie feiern gerne und ausgelassen und bringen so ihre Lebensfreude zum Ausdruck. Bei ihren Festen wird ausreichend Chicha konsumiert, ein leicht alkoholisches Gebräu, das sie aus Mais herstellen. Dazu musizieren sie unermüdlich auf ihren selbstgebauten Instrumenten und zu ihrer rhythmischen Musik wird bis spät in die Nacht hinein getanzt. Denn sie sind überzeugt: „Wer hart arbeitet, der muss auch angemessen feiern".

27.08.08

Simon Hilpold

Simon Hilpold ist aus Lajen, Eisacktal und interessiert sich seit Jahren für die indigene Völker in Bolivien. Nach einem Gespräch mit Luzi Lintner, in September 2004, entscheidet er seine Arbeit in einem Industriebetrieb zu kündigen und als freiwillige Mitarbeiter für die OEW nach Lomerìo zu fliegen. Dreimonatelang hat er mit den Chiquitanos an der Errichtung von Regenwasserspeichern mitgewirkt und ist ihnen beim Hausbau da und dort zur Hand gegangen. Jetzt in seiner Freizeit betreut er gemeinsam mit Freunden die Partnerschaftsgruppen Lomeríos.

 


  Lizi Lintner
   


Trauer um Lizi Lintner

 
 
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