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Ein Bissen vom Kuchen oder nicht mal die Krümel  
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Huaraz ist die Bersteigermetropole schlechthin", kann man in fast allen Peru-Reiseführern lesen, und in der Tat kommen über 30 % aller Touristen in die Hauptstadt der Region Ancash, um einen Gipfel der Cordillera Blanca zu besteigen, in den wilden Bächen zu raften oder die beeindruckende Gletscherlandschaft zu genießen.

Ähnlich war auch meine Motivation im Sommer 2005: ein wenig trekken, die Bergkulisse genießen… Und so nahm ich einen der 15 Busse, mit denen in der Hauptsaison täglich bis zu 750 Personen – größtenteils nationale und internationale Touristen - von Lima, Trujillo oder Chimbote nach Huaraz gebracht werden. Ich unterschied mich in nichts vom durchschnittlichen Touristen, der dorthin kommt: 25-34 Jahre jung, Übernachtungsdauer 7 – 12 Tage in einer Jugendherberge, einem 2** Hotel oder einer anderen low-budget Unterkunft, rucksackreisend, berg- und abenteuerbegeistert.
Ungefähr 72.000 solcher Touristen kommen jedes Jahr in die Andenstadt, besichtigen die Lagune von Llanganuco, erkunden den Santa Cruz Trek, besteigen einen der Gipfel der Cordillera oder wandern zu den Thermen von Monterrey. Und obwohl ein jeder glaubt, ein Individualtourist zu sein, ist eigentlich recht wenig individuell, denn einmal an der Plaza de Armas – dem Hauptplatz der Stadt – und der daran grenzende Einkaufsstraße Luzuriaga angelangt, bieten Alpinbüros die immer gleichen Routen, Geschäfte die selben maschinengestrickten Mützen aus „echter" Alpakawolle. Restaurants die genau gleichen gegrillten Hühnchen und Cuyes (Meerschweinchen). Für eigene Pläne und individuelle Erfahrungen bleibt wenig Platz, Huaraz hat sich dem Massentourismus hingegeben, es gibt zwar viele Angebote, aber immer dieselben.

Ein Volontario der Südtiroler Organisation für Eine solidarische Welt (OEW) erzählte mir damals von einem kleinen Projekt einiger Bauern in einem nahegelegenen Dörfchen, die den Tourismus für sich entdecken und einige Alternativen anbieten möchten.

 Macashca – besagtes Dörfchen - liegt ca. 2 Stunden Fußmarsch von Huaraz entfernt im Pariac-Tal, inmitten einer unberührten Natur, fernab jeglichen Verkehrs. Die Schotterstraße, die von Huaraz in das Dorf führt, wird meist nur von Collectivos, den Sammeltaxis, benutzt. Keiner der 250 Einwohner hat ein eigenes Auto.
Fast alle sind Campesinos, leben vom Mais- und Gersteanbau. Seit kurzer Zeit pflanzen einige auch Artischocken an, denn das bringt mehr Geld. Sie sprechen Quechua und Spanisch, nur wenige ein paar Brocken Englisch.
Einmal die Woche fahren einige der Bauern nach Huaraz auf den Markt ihr Gemüse und Getreide zu verkaufen und für die Familie einzukaufen. Dort sehen sie den Aufschwung, der seit dem Bau der neuen Straße 1977 von Lima nach Huaraz und dem Eintreffen der Touristen von statten geht: Bauern bauten plötzlich lieber Betten als Kartoffeln (an), in kleinen Lehmhäusern wurden provisorische Betten aufgestellt, in den Wohnzimmern die Tische in Theken verwandelt und fertig waren die Geschäfte. Und wer sein Haus nicht mit Fremden vollstopft, der verdient sein Geld als Bergführer. Eine ähnliche Entwicklung kennt man aus Südtirol - vom Bergbauern zum Wellnesshotelier -, doch entwickelte sich in Peru in den letzten 30 Jahren keine Qualität, sondern nur Masse. Statistiken besagen, dass 10% der Stadtbewohner in Huaraz mittlerweile nur vom Tourismus leben, in Wirklichkeit sind es aber viel mehr, zählt man die Fülle an unregistrierten Schlafgelegenheiten, Trekkingagenturen oder Essständen hinzu.

 Unzufrieden mit ihrem wöchentlichen Gang auf den Markt in Huaraz, wenig Ertrag von ihren Äckern auf dem Rücken und in den Geldtaschen, wollten die Bauern irgendwann auch ein paar Krümel vom Kuchen. Einige Touristen sollten auch zu ihnen nach Macashca kommen! Allerdings bemerkten sie aber nicht nur den relativen Reichtum, den Huaraz erreicht hat, sondern auch die verschmutzen Straßen, die Familien, die nicht mehr in ihren Betten schlafen können, denn dort träumen Italiener, Israelis, Franzosen. Trinken das verschmutzte Wasser, denn eine Kläranlage können sich nur wenige leisten, spüren den Ausverkauf der eigenen Kultur und Tradition.

Da sich die Bauern etwas anderes vorstellten, suchten sie Unterstützung bei einer katholischen Hilfsorganisation für ein Projekt zur touristischen Aufwertung des Dorfes: Ein Inka-Pfad sollte wiederentdeckt werden, eine Kneipp-Anlage und eine Fischzucht angelegt, eine Gletscherwanderung ausgekundschaftet, eine verborgene Inkaruine gezeigt werden, ebenso die Laguna Tambillo: Einheimischen nach der schönste Gletschersee der Anden. Doch wollten die Bauern nicht ihre Umwelt zerstören oder ihre Kultur verleugnen und deshalb versuchten sie die Touristen an ihrem Alltag teilnehmen zu lassen, sie auf die Felder mitzunehmen und ihnen ihre Handwerksbetriebe zu zeigen, mit ihnen Heilkräuter zu sammeln und gemeinsam die Pachamanca – das Festessen der andinischen Campesinos (Lamm- und Schweinefleisch mit Süßkartoffeln, Bohnen, Mais und anderem Gemüse gekocht unter einem Haufen heißer Steine) zuzubereiten.

Ein schöner Plan, ein rentabler Plan, ein nachhaltiger Plan.
Aber eben nur ein Plan, denn obwohl die ersten gezüchteten Forellen schon gegessen und ein erster Schlafraum – ähnlich dem der Campesinos – für die Touristen in gemeinsamer Arbeit vieler Dorfbewohner schon hergerichtet wurde, so fehlen immer noch die Gäste, denn es gibt nur wenige Infrastrukturen, kein Internet zur Vermarktung, keine Werbung, niemand weiß von Macashca. Ein italienisches „Alternativ-Reisebüro" besichtigte das Projekt im Herbst 2005 und wollte es in sein Angebot aufnehmen, doch beschloss dann, dass es zu „alternativ" war, da man – wie auch die Campesinos- auf Stroh schlief und keine heiße Dusche zur Verfügung hatte. Ein sehr persönliches, individuelles Angebot mit großem Potential geht unter in der Masse, die in der Hochburg Huaraz geboten wird. Abhilfe ist leider nicht in Sicht, denn obwohl die Bauern in Macashca selbst die Initiative ergriffen hatten, bräuchte es Erfahrung im Aufbau eines Projektes, Energie und Engagement und ein gewisses Startkapital, wie auch ein Projekt der Minengesellschaft Antamina zur Aufwertung der Region Ancash zeigt. 120 Mio. Dollar wurden zur Verfügung gestellt und da eine im Jahr 2007 von der Beratergesellschaft Apoyo durchgeführte Studie vor allem dem Tourismus großes Potential zuschreibt, stünden die Chancen gut, dass auch die Bauern von Macashca einige Krümel abbekommen könnten. Damit man aber die Finanzierung der Minengesellschaft zugesichert bekommt, braucht es 30% Eigenkapital. Und wie sollen die Bauern in dem kleinen Dörfchen dieses Geld zusammenkratzen? Somit werden auch die Krümel ein Traum bleiben, wie so vieles in Macashca, und die bereitgestellten Millionen werden den Reicheren zufließen, die schnelles Geld gemacht haben und somit noch mehr schnelles Geld verdienen werden. Leider! Huaraz wird wohl noch einige Zeit die Bergsteigermetropole bleiben, irgendwann wird es aber neben der Cordillera Blanca auch einen Berg voller Probleme anzubieten haben.

13.03.08

Verena Wisthaler

Nach Abschluss ihres Studiums bereiste Verena Wisthaler als ganz normale Touristin Peru und besuchte dort einige Freunde, die als „Volontari“ Freiwilligendienst leisteten. Verena besuchte mehrere Projekte der OEW und so kam sie auch nach Huraraz und Macashca.


 
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