Potosì - Dekadenz und Elend
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„Das ist ein Potosí wert." Diese geflügelten Worte legt Cervantes seinem Don Quixote in den Mund, wenn er von einem unvorstellbaren Vermögen spricht. Jenes im Spanischen gebräuchliche Sprichwort weist auf den Reichtum der heute in Südbolivien gelegenen Stadt Potosí hin, die im 16. Jahrhundert bereits 28 Jahre nach ihrer Gründung zur größten Stadt der Welt aufstieg. | Heute verschlägt es nur noch wenige Menschen in diese inzwischen recht unbedeutende Hauptstadt der ärmsten Region des ärmsten Staates Südamerikas, die durch das kalte Hochlandklima und ihre beträchtliche Seehöhe von 4065 Metern auch tatsächlich kein menschenfreundlicher Ort ist. Man mag sich nun fragen, was die Spanier einst zur Gründung einer Stadt in dieser Einöde bewogen und deren rasante Entwicklung bewirkt haben mag. Es waren die bis in die Gegenwart unerreichten Silbervorkommen des Cerro Rico („Reicher Berg"), der hinter Potosí aufragt und wie ein Mahnmal die Jahrhunderte lange Ausbeutung der indigenen Bevölkerung anprangert.
Lange Zeit existierten hier Dekadenz und Elend auf engstem Raum nebeneinander. Auf der einen Seite herrschte eine enorme Verschwendungssucht der spanischen Kolonialherren, die 36 prunkvolle Kirchen sowie unzählige Salons mit Kostbarkeiten aus ganz Europa errichten und auf mehreren Straßenzügen die Pflastersteine durch Silberbarren ersetzen ließen. Auf der anderen Seite, jener der indigenen Bevölkerung, stehen rund 2 Millionen Menschenleben, die der Silberabbau von 1545 bis zum Ende der Kolonialzeit 1825 forderte. Nachdem die Spanier von den Silbervorkommen erfahren hatten, wurden schon bald die Bewohner der umliegenden Hochlanddörfer verschleppt und für einen Preis von jeweils rund 10 Lamas als Sklaven an Minenbesitzer verkauft. Auch das System der Encomienda, eigentlich als ein Lehensverhältnis mit gegenseitigen Rechten und Pflichten konzipiert, war wegen der mangelnden Durchsetzung der im fernen Spanien erlassenen Regelungen letztlich nur eine Tarnung für die ursprünglich offen praktizierte Sklaverei. Neben offener und getarnter Sklavenarbeit gab es in den ersten Jahrzehnten nach 1545 auch einige „freiwillige" Minenarbeiter. Dies waren meist ehemalige Diener des Inkaadels, die ebenso wie jener selbst von Frondiensten gegenüber einem Encomendero befreit waren, aber nun mangels einer anderen Lebensgrundlage als „Freiwillige" in den Minen endeten. Ab 1573 wurde der enorm steigende Bedarf an Arbeitskräften durch die mita, ein neues System der Zwangsarbeit, gedeckt. Da afrikanische Sklaven und Tieflandbewohner wegen der fehlenden Höhenverträglichkeit einen besonders schnellen Tod gefunden hatten, beschränkte man sich nun bei der Rekrutierung auf 17 Hochlandprovinzen. Jedes Dorf in diesen Provinzen musste turnusmäßig in jedem siebenten Jahr 17% ihrer männlichen Bevölkerung zwischen 18 und 50 Jahren für die Zwangsarbeit zur Verfügung stellen. Obwohl ein umfangreicher Rechtekatalog Lohn, Verpflegung, Urlaub, Arbeitszeiten und -bedingungen regeln sollte, bestand auch unter diesem System wieder eine enorme Diskrepanz zwischen Recht und Realität. Da 7 von 10 Arbeitern nach einem Jahr in den Minen nicht mehr in ihre Dörfer zurückkehrten und die Anzahl der arbeitsfähigen Hochlandbewohner auch durch Seuchen und Flucht innerhalb eines Jahrhunderts auf ein Neuntel zusammenschrumpfte, wurden die Verbliebenen schon bald in jedem zweiten Jahr in die Minen getrieben.
Die skrupellose Behandlung der indigenen Zwangsarbeiter durch viele Minenbesitzer basierte auf jenem Bild, das von den maßgeblichen Vertretern der katholischen Kirche Spaniens als moralische Instanz propagiert wurde. Entweder betrachtete man die amerikanische Urbevölkerung als Tiere, die man nicht einmal durch Missionierung zu Menschen machen könne, oder als sündhafte Barbaren, die zur Sklavenarbeit geboren seien. Vereinzelt gab es freilich auch andere Stimmen. So prangerte etwa der Dominikaner Domingo de Santo Tomás bereits 1550 die Sklavenarbeit in den Minen an und bezeichnete Potosí als „Eingang zur Hölle". Die Heuchelei der spanischen Amtskirche ist jedoch kaum bestreitbar. So wurde etwa das Kauen von Koka zunächst als „Blendwerk des Teufels" verboten. Als den Kirchenvertretern jedoch klar wurde, dass durch die leistungssteigernde Wirkung der Pflanze auch mehr Silber für die Errichtung von prunkvollen Sakralbauten gewonnen werden konnte, entwickelten sie sich gegen eine Beteiligung von 10% des Handelsertrages zu Anhängern des Kokakonsums. Nicht weniger heuchlerisch war die Haltung der spanischen Krone. Die ohnehin nur auf dem Papier existierenden Regelungen der Arbeitsbedingungen im Rahmen der encomienda und der mita entstanden tatsächlich nicht aus humanitären Gründen sondern zur Verhinderung einer allzu schnellen Dezimierung der langfristig verplanten indigenen Arbeitskräfte. Da außerdem ein Fünftel des Silberwerts an die Krone fiel, konnte sie mit den Erträgen der Sklavenarbeit die leeren Staatskassen auffüllen, was durch Kreditrückzahlungen und Importe von Luxuswaren auch die wirtschaftliche Entwicklung des restlichen Europas maßgeblich förderte. Erst als die Silbervorkommen des Cerro Rico schon fast erschöpft waren, unterzeichnete der spanische König 1719 einen Dekretsentwurf zur Abschaffung der mita, „damit nicht die rigorose Sklaverei der Indianer gegen göttliches und menschliches Gesetz weiter bestehe." Da dieser Entwurf jedoch nie in Kraft gesetzt wurde, blieb das System der Zwangsarbeit bis 1825 bestehen.
Da es in Potosí nur um die kurzfristige Plünderung des Silbers ging, wurde von Beginn an kein Wert auf eine langfristige Entwicklung der Stadt durch die Errichtung von Bildungsinstitutionen und die Etablierung anderer Wirtschaftszweige gelegt. Folglich verwandelte sich Potosí nach der Erschöpfung der Silbervorkommen im ausgehenden 18. Jahrhundert in eine Geisterstadt mit nur 8.000 Einwohnern. Zurück blieb die arme indigene Bevölkerung, die heute einen Großteil der inzwischen wieder rund 163.000 Einwohner ausmacht. Da es auch gegenwärtig kaum andere Arbeitsmöglichkeiten gibt, schuften auf der Suche nach den noch verbliebenen Metallen, vor allem Zinn und Zink, noch immer 7.000 Männer und Buben ab 12 Jahren im Cerro Rico. Nach dem Rückzug der staatlichen Bergwerksgesellschaft sind sie heute in 27 Bergarbeiterkooperativen organisiert, welche die Minen von der Regierung für eine Profitbeteiligung von 6 bis 8% pachten. Als ich im letzten Sommer eine Kooperative besuchen durfte, konnte ich mich von den heutigen Arbeitsbedingungen im Inneren des Berges überzeugen, die einen Minenarbeiter auch in der Gegenwart durchschnittlich nur 35 Jahre alt werden lassen. Für diese geringe Lebens- erwartung sind Krankheiten wie die weit verbreitete Staublunge, Vergiftungen durch Schwefeldämpfe und Grubengas sowie nicht zuletzt die vielen Arbeitsunfälle verantwortlich. Ihr absturzgefährdeter Weg führt die Arbeiter täglich über teilweise morsche und nur schlecht befestigte Leitern in die jeweils rund 120 Meter übereinander gelegenen Schachtsohlen. Auch die Anzahl der Opfer von Grubeneinbrüchen ist hoch, da der Cerro Rico nach fast 500 Jahren intensiver Bergwerksarbeit langsam in sich zusammensinkt und schon jetzt ein Viertel seiner Höhe verloren hat. Eines Tages wird dieser geschundene Berg völlig zusammenbrechen und mit den Minen von Potosí ein Symbol kolonialer Ausbeutung sowie neben den rund 2 Millionen bisherigen Todesopfern gewiss noch weitere Arbeiter unter sich begraben.
14.02.08
Karl Kössler
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