kontakt | site map | impressum           4.7.2009
Logo EURAC  
  NEWS ARCHIV    
      Veranstaltungen    
      Kurse    
      Forschung    
      Neuerscheinungen    
      Stellenangebote    
SUCHE IN EURAC.EDU  
 

Das wissenschaftliche Interesse am „Oschpele" 
Home  |  Focus  |  Korpuslinguistik für alle  |  Das wissenschaftliche Interesse am "Oschpele"  

„Oschpele!" entfährt es ihr, als sie ein Rinnsal aus Kakao aus dem zerborstenen Röhrchen eines Trinkpäckchens über ihren roten Anorak laufen sieht. Was die Dame im Affekt des Entsetzens von sich gibt, findet sich nicht in geschriebenen Texten – es sei denn, es wird bewusst gesprochene Sprache wiedergegeben. 

Die gesprochene Sprache hat andere Merkmale als die geschriebene Sprache. Um eben diese besonderen Merkmale der gesprochenen Sprache erforschen zu können, sammeln Wissenschaftlerinnen gesprochene Daten, die in so genannten Korpora für Untersuchungen angelegt werden.

Warum aber interessiert sich die Wissenschaft für die gesprochene Sprache? Zum Beispiel um den Fremdsprachenunterricht zu optimieren: Um kommunikative Fähigkeiten in einer Fremdsprache zu erwerben, ist es vorteilhaft, wenn man weiß, welche Elemente typischerweise in Dialogen vorkommen, wie z.B.‚gell?' oder ‚echt?', oder ‚au Backe!'. Der Fremdsprachenunterricht ist jedoch nur ein Anwendungsbereich für die Forschungsergebnisse von gesprochener Sprache. Weitere Anwendungsbereiche finden sich in der Ausarbeitung von Nachschlagewerken, in Kommunikationstrainings, im Training von Kulturkompetenzen, in Ratgeberliteratur zur Vermeidung von sprachlicher Diskriminierung (z.B. Sexismus, Rassismus) und sprachlichem Missbrauch u.v.m.

Sprachliche Varietäten

Ein großer Forschungsbereich der gesprochenen Sprache ist die Untersuchung der Varietäten einer Sprache. Auch sie können mit Hilfe von Korpora festgehalten und untersucht werden. Bei der Untersuchung von Varietäten kann zum einen die variierende Aussprache von standarddeutschen Ausdrücken, z.B. „is" für „ist", aber auch die variierende Lexik, z.B. ‚lei' für ‚nur' untersucht werden. Korpora, die ersteres untersuchen, arbeiten mit Audioaufnahmen (speech corpora). Anhand dieser können Aussprache, Sprachmelodie, Rhythmus und andere phonologische Details untersucht werden. Korpora, die zweiteres untersuchen (spoken corpora), beinhalten meist verschriftlichte Tondaten, so genannte Transkripte. Transkripte können folgendermaßen aussehen:

 

55

56

Sprecher

Ja? ((1s)) Das find ich schön, dass Sie einfach noch diese Verhältnisse

 bei-

Sprecherin

 

 Ja.

 

 

..

57

58

59

60

61

62

Sprecher

behalten haben.

 

Schön!

So is es auch

richtig.

Sprecherin

 

Ja

ja.

 

Kann nicht ändern,

net

?

Tabelle: Ausschnitt aus einer Transkription

Dieser Ausschnitt ist einem Korpus aus Daten gesprochener Sprache entnommen und gibt etwa fünf Sekunden eines Dialogs zwischen zwei Gesprächspartnerinnen wieder. Der graue Balken ist die Zeitachse. Überlappende Aussagen der beiden Sprecherinnen, wie z.B. in Abschnitt 58: „Schön!“ und „ja.“ bedeuten, dass die Redebeiträge gleichzeitig stattfinden.

Bei genaurem Hinsehen dieses Gesprächsausschnittes fällt auf, dass die gesprochene Sprache nicht in die Schriftsprache übertragen wurde, sondern, dass phonologische Eigenheiten der gesprochenen Sprache teilweise berücksichtigt wurden, z.B. „is“ statt „ist“. Welche Eigenheiten in einer Transkription berücksichtigt werden, wird in so genannten Transkriptionsstandards festgelegt. Diese Standards sind notwendig, damit verschiedene Wissenschaftlerinnen gleiche Phänomene gleich transkribieren und die Daten anschließend miteinander verglichen werden können. In diese Konventionen fällt auch die graphische Darstellung von Gesprächspausen, z.B. ((1s)) für „eine Sekunde Pause“.
Die Transkription ist der arbeitsaufwendigste Teil bei der Erstellung eines Korpus gesprochener Sprache. Wenn mehrere Sprecherinnen involviert sind und sich die Redebeiträge immer wieder überlappen, kann eine Minute Aufzeichnung durchaus eine Stunde Transkriptionsarbeit erfordern.


Wie kommen die Wissenschaftlerinnen zu den Daten?

Bevor mit der Transkription begonnen werden kann, erfolgt die Datensammlung. Um gesprochene Sprache aussagekräftig untersuchen zu können, ist es wichtig, dass die Daten authentisch sind, d.h. dass die Gespräche nicht eigens für die Untersuchung erstellt wurden, sondern dass spontane Dialoge aufgezeichnet werden. In Italien ist dies unter der strengen Gesetzgebung zum Datenschutz oft schwer möglich, denn, wenn die Probandinnen erst eine Einverständniserklärung zur wissenschaftlichen Verarbeitung ihrer Sprachdaten geben müssen, ist der daraufhin folgende Dialog von dem Bewusstsein, dass das Gespräch aufgezeichnet wird, beeinflusst. Es kommt dann manchmal vor, dass sich die Probandin (oft auch der Wissenschaftlerin zuliebe) bemüht „schön" zu reden, was die Untersuchung einer spontanen Rede unmöglich macht. Dieses Phänomen der Unmöglichkeit, vollkommen spontane Daten zu sammeln, nennt die Wissenschaft Beobachterparadoxon.

Für manche Forschungsprojekte ist es außerdem wichtig, einige biographische Daten der Gesprächsteilnehmerinnen zu erfassen. Es kann zum Beispiel für die Untersuchungszwecke essentiell sein, über die Muttersprache der Gesprächsteilnehmerinnen informiert zu sein, oder zu wissen, wo sie aufgewachsen sind und somit von welchen sprachlichen Einflüssen sie geprägt wurden.

Wenn die Möglichkeit besteht, neben den Audioaufnahmen die Gespräche auch durch Videoaufzeichnungen zu dokumentieren, ermöglichen diese wiederum das Einbeziehen von nonverbalen Handlungen, wie z.B. von der Körperhaltung, von Gesten oder von Blicken in die Analyse der Gespräche, was wiederum von großem wissenschaftlichen Wert ist.

Die Analyse der gesprochenen Sprache hat in den letzten vierzig Jahren einen bedeutenden Aufschwung erfahren. Ergebnisse der Forschung, sowie weitere Informationen und Beispiele für die Daten aus gesprochenen Korpora finden sich unter anderem auf folgenden Seiten:

• http://dsav-oeff.ids-mannheim.de/DSAv/KORPORA/OS/OS1/OS119/OS119TRA.HTM Archiv der gesprochenen Sprache des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim (http://agd.ids-mannheim.de/)

• http://lablita.dit.unifi.it/corpora/samples/eli.html/it Laboratorio Linguistico del Dipartimento di Italianistica dell'Università di Firenze (http://lablita.dit.unifi.it/)

 

21.11.2007

Magdalena Putz

 


 
Copyright © EURAC 2009 Seite versenden Seite drucken Seitenanfang