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„Korpuslinguistik ist zurzeit modern" - Teil II 
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Kann der  Durchschnittsbürger die Forschungsergebnisse der Korpuslinguistik praktisch verwerten?
Ties: Auf den ersten Blick sind unsere Forschungsergebnisse schwer greifbar. In erster Linie sind es Sprachwissenschaftler, Lehrer, Schüler und Übersetzer, die daran interessiert sind. Aber auch Laien  profitieren davon, denn: auch der Laie schreibt, übersetzt oder ist sich in gewissen sprachlichen Bereichen unsicher. Ich schlage genauso wie andere Menschen gewisse Sachen im Internet nach. Wenn ich sicher sein will, verwende ich Korpora. Korpora sind teilweise schon online und frei für jedermann verfügbar.
Lyding: Allgemeinsprachliche Korpora werden auch schon im Fremdsprachenunterricht verwendet. Sie sind teilweise unmittelbar mit statischen Seiten wie einem Wörterbuch verlinkt, von dem aus man auf Textkorpora zugreifen kann.
Anstein: Korpora können aber auch für andere Wissenschaften oder Unternehmen interessant sein. Da man theoretisch für jeden Fachbereich – vom Maschinenbau bis hin zum Tourismus - ein Korpus erstellen kann, kann dadurch die Terminologie dieses Bereiches erfasst, verbessert und vereinheitlicht werden.

Kann man generell von einem steigenden Interesse an der Korpuslinguistik sprechen?
Ties:
Im sprachlichen Forschungsbereich kann man sehr wohl von einem ansteigenden Interesse sprechen. Auf Konferenzen basiert jeder zweite Vortrag auf Korpora: Korpuslinguistik ist zurzeit modern.
Lyding: Dieser Trend kann vor allem durch die verbesserten Computersysteme erklärt werden.
Elektronische Textsammlungen sind jetzt viel leichter bearbeitbar als in der Vergangenheit. Zudem gab es einen Wechsel in der Perspektive: Empirische Untersuchungen wurden zeitweise als etwas Minderwertiges angesehen. Man ging davon aus, dass das Sprachsystem etwas Höheres und Perfektes sei. Die Sprachwissenschaftler hielten wenig von der Alltagssprache, da sie nicht starr ist, sondern beeinflusst wird. Sie beinhaltet Fehler, die beispielsweise beim Versprechen entstehen. So wollte man diese Sprache noch vor Jahren gar nicht in die Untersuchungen mit einbeziehen.

Könnten Südtirolismen also auch als „Fehler" des höheren Sprachsystems angesehen werden
Anstein: Das ist eine Frage, bei der es um Standard und Normen geht. Wer definiert, was richtig und falsch ist? Wir kümmern uns nicht darum, dies zu beurteilen, wenn wir uns authentische Sprachdaten anschauen. Uns ist die Performanz wichtiger und die Frage: Was kommt wirklich vor?

Ein Korpus ist eine Textsammlung in digitaler Form. Kann folglich auch das Internet als Korpus angesehen werden?
Lyding: Das ist eine Streitfrage. Bevor man ein Korpus erstellt, muss eine Forschungsfrage bestehen - man sucht beispielsweise nach einem speziellen Vokabular in Texten zu einem bestimmten Industriezweig wie dem Tourismus. So könnte man ein Touristen-Wortschatzkorpus erstellen und dann die Wörter analysieren. Die Texte müssen aber dementsprechend ausgewählt werden. Im Internet ist jedoch alles vorhanden. Es handelt sich zwar um Textsammlungen, aber in roher Form. Zudem sind die Texte im Internet keine repräsentative Menge. Die Geisteswissenschaften arbeiten z.B. noch viel mit Papier und Bleistift, woraus folgt, dass das Internet hauptsächlich aus Texten aus der Computerbranche besteht.
Anstein: Es gibt die Theorie, dass eine große Datenmenge automatisch Fehler ausgleicht. Wenn man ein Wort auf seine Rechtschreibung hin googelt, wird man viele Fehler finden, es werden aber mehr richtig geschriebene Wörter erscheinen. Da die Textmenge im www ja enorm ist, könnte man so gesehen vielleicht eher vom Internet als Korpus sprechen. Ich persönlich bin aber nicht dieser Überzeugung.
Ties: Beachten sollte man im Internet unter allen Umständen die Internetseite. Wenn man ein Wort googelt, weil man nicht sicher ist, wie es geschrieben wird oder in welchem Zusammenhang es verwendet werden kann und sich die Online-Quelle „pincopallino" nennt, sollte man das Vertrauen in das Ergebnis vielleicht drosseln.

 

Interview von Sigrid Florian


 


 
   


„Korpuslinguistik ist zurzeit modern" - Teil I

 
 
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