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Über Umweltmanagementsysteme, Audits und Umwelterklärungen

Interview mit Walter Huber


Europäische Akademie: In den letzten Jahren hat ein massives Umdenken in bezug auf das Thema Umweltschutz stattgefunden. Auch die Unternehmer haben erkannt, daß sich ein engagiertes Verhalten im Umweltschutz durchaus auch ökonomisch rechnen kann. Das Handwerkzeug, das dabei den Unternehmern ein transparentes und effizientes Verfahren erlaubt, sind sogenannte "Umweltmanagementsysteme". Unterliegen die Unternehmen damit nur einem Modetrend oder können wir uns von derartigen Systemen reale Zukunftschancen im Sinne kontinuierlicher Umweltleistungen erwarten?

Walter Huber: Die Einführung von Umweltmanagementsystemen ist meiner Meinung nach nicht nur ein Modetrend; es handelt sich einfach um eine neue Art und Weise, die Umweltprobleme als integrierten Bestandteil der Unternehmensführung zu betrachten. Selbstverständlich unterliegen momentan hauptsächlich die größeren Betriebe einem gewissen Wettbewerbsdruck, aber derartige Systeme bringen mittelfristig auch Kosteneinsparungen und konkrete Vorteile mit sich. Gerade deswegen werden sie in Zukunft eine Selbstverständlichkeit für jeden Betrieb werden, was eine allgemeine Verbesserung der Umweltauswirkungen verursachen wird.

Europäische Akademie: Können Sie in wenigen Worten erklären, was man unter "Umweltmanagementsystemen" versteht?

Walter Huber: Ein Umweltmanagementsystem stellt eine dokumentierte Organisationsstruktur dar, die genau festlegt, wie die betrieblichen Umweltauswirkungen sowie Stoff- und Energieflüsse unter Kontrolle gehalten und präventiv verwaltet werden sollen. Das grundlegende Ziel, das dahinter steht und das in einer Umweltpolitik schriftlich festgelegt werden soll, ist die kontinuierliche Verbesserung der betrieblichen Umweltauswirkungen. Deswegen soll ein Betrieb zuerst eine Umweltprüfung durchführen, um die eigenen Schwachstellen festzulegen. Aufgrund der Ergebnisse soll dann der Betrieb Maßnahmen planen, umsetzen und dokumentieren: Durch Betriebsprüfungen (Audits) wird dann die Einhaltung dieser Maßnahmen kontrolliert, neue Schwachstellen eruiert und neue Ziele gesetzt.

Europäische Akademie: Der Aufbau solcher Systeme ist mit hohen finanziellen und personellen Kosten verbunden; eine Tatsache, die von großen Unternehmungen sicher leichter zu bewältigen ist als von klein- oder mittelständischen Betrieben, wie wir sie hier in Südtirol vorwiegend vorfinden. Besteht denn grundsätzlich die Möglichkeit einer "artgerechten" Implementierung von Umweltmanagementsystemen auch in kleineren und Kleinstbetrieben?

Walter Huber: Die finanziellen Kosten, die mit dem Aufbau solcher Systeme verbunden sind, hängen hauptsächlich von der Ausgangssituation des Betriebes ab, sei es ein Klein- oder ein Großbetrieb. Das Hauptproblem der Klein- und Mittelbetriebe stellen die internen Personalkosten im Zusammenhang mit der Implementierung des Systems dar. Diese Kosten sind besonders hoch, wenn diesen Betrieben keine Instrumente zur Verfügung stehen. Die Landesagentur für Umwelt und Arbeitsschutz hat sich für dieses Problem interessiert und hat diesbezüglich drei Projekte gestartet. Das Ziel besteht darin, praktische Erfahrungen in Betrieben solcher Größen zu sammeln, um die Anforderungen der Normen entsprechend anpassen zu können. Aufgrund dessen sollen branchenbezogene praktische Richtlinien erarbeitet werden, die als Hauptwerkzeug für ähnliche Betriebe derselben Branche dienen sollen. Die betroffenen Branchen sind momentan die holz- und die metallverarbeitende, die Lebensmittelbranche und die Weinkellereien.

Europäische Akademie: Zur Zeit werden zwei Arten von Umweltmanagementsystemen diskutiert: die ÖKO-Audit oder EMAS-Verordnung der EU und die ISO 14000-Verordnung. Worin unterscheiden sich im wesentlichen die beiden Systeme?

Walter Huber: Das Öko-Audit-System ist aufgrund einer EU-Verordnung entstanden und hat damit, wenn auch freiwillig, einen institutionellen Charakter, den die privatrechtlich geregelte ISO 14000 nicht besitzt. Für die Betriebe, die ein Umweltmanagementsystem aufbauen möchten, liegen die größten Unterschiede darin, daß die ISO zur Durchführung einer ersten Umweltprüfung und zur Erarbeitung einer Umwelterklärung zumindest nicht ausdrücklich zwingt. Es gibt andere formelle Unterschiede, die hauptsächlich den Stand der Technik und die kontinuierliche Verbesserung der Umweltauswirkungen betreffen. Wenn sich aber die Betriebe an diesen Systemen mit einer gewissen Grundphilosophie annähern, also nicht nur mit dem Ziel, ein neues "Stück Papier" zu bekommen, dann sind die operativen Unterschiede zwischen den beiden Normen nicht so groß.

Europäische Akademie: In verschiedenen europäischen Regionen werden zwischenzeitlich sogenannte Umweltpakte zwischen Vertretern der Wirtschaft und des Staates abgeschlossen. In diesen Umweltpakten verpflichten sich die Wirtschaftstreibenden einerseits, Umweltmanagementsysteme in ihren Betrieben zu implementieren und der Staat andererseits, für diese Betriebe Erleichterungen bei verschiedenen Kontroll-, Planungs- und Finanzierungsproblemen (Deregulierung) zu garantieren. Was halten Sie von solchen Abkommen?

Walter Huber: Ich halte solche Abkommen für sehr wichtig, weil sie gezielte Überlegungen zu einer regionalen Umweltpolitik voraussetzen, die von allen politischen Akteuren und Wirtschaftstreibenden mitgetragen werden. Dies ist ein wichtiger Schritt, um die Grundprinzipien des 5. Aktionsprogramms der EU für die "nachhaltige Entwicklung" umzusetzen. Deswegen hat die Landesagentur für Umwelt und Arbeitsschutz ein gemeinsames Projekt mit der Europäischen Akademie gestartet, das eben die Erarbeitung eines solchen Paketes zum Ziel hat.

Europäische Akademie: Als touristische Region verfügt Südtirol über zahlreiche Dienstleistungsbetriebe. Auch hier wären kontinuierliche Verbesserungen der Umweltleistungen zur nachhaltigen Sicherung unserer natürlichen Ressourcen von großer gesellschaftspolitischer Dringlichkeit. Andere alpine Regionen machen es uns vor. So wurde beispielsweise erst kürzlich in Bayern die bayerische Zugspitzenbahn AG nach der ISO 14000 Norm zertifiziert. Gibt es ähnliche Beispiele für Südtirol und wie könnte man auch den Dienstleistungsunternehmen die Realisierung von Umweltmanagementsystemen schmackhafter machen?

Walter Huber: Das obgenannte Projekt wird konkret auch darauf eingehen, welche Pilotprojekte gefördert werden sollten, besonders in sog. "benachbarten", also nicht von der Öko-Audit-Verordnung vorgesehenen Branchen. Das heißt, daß wir uns darüber Gedanken gemacht haben, auch wenn wir selbst momentan noch keine diesbezüglichen Projekte vorgesehen haben. Dienstleistungsunternehmen stellen nämlich eine Besonderheit dar; damit setzt die Umsetzung solcher Systeme in diesem Sektor eine gewisse Erfahrung in den üblichen, also verarbeitenden, Branchen voraus. Wir haben uns momentan auf die letzteren konzentriert, aber ich kann sicher bestätigen, daß die Dienstleistungsunternehmen die nächsten Zielgruppen für unsere Projekte sein werden. Ich kenne aber leider in Südtirol keine Beispiele von Betrieben, die von sich aus etwas Ähnliches angefangen haben.

Europäische Akademie: Zwischenzeitlich gibt es auch schon Modellprojekte, in denen Umweltmanagementsysteme nach der Öko-Audit-Systematik auch in Gemeinden implementiert werden. In Südtirol sind die Gemeinden Eppan und Naturns in ein solches Projekt eingebunden. Kann dieses Instrument künftig auch für andere Gemeinden wichtig sein und somit der Aspekt des "vorsorgenden Umweltschutzes" fester verankert werden?

Walter Huber: Dieses Instrument kann in Zukunft für die Gemeinden ohne weiters wichtig werden. In diesem Fall sehe ich aber sicher nicht nur in der Dokumentation und Kontrolle der Umweltauswirkungen das Hauptziel des Systems. Einerseits soll es sich mehr darauf richten, den Umweltgedanken in jeder relevanten politischen Entscheidung zu integrieren, indem die möglichen Umweltauswirkungen bestimmter Maßnahmen im voraus überlegt werden. Andererseits soll es dazu dienen, sich systematisch Gedanken über die wichtigsten Umweltthemen zu machen und damit aufgrund politisch vereinbarter Ziele maßgerechte Maßnahmen treffen.

Dr. Walter Huber, Direktor der Landesagentur für Umwelt und Arbeitsschutz ·


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