"Ein Textlinguist der ersten Stunde"
Interview mit Prof. Harro Stammerjohann
Zum 1. April 1997 hat Prof. Dr. Harro Stammerjohann die Leitung des Fachbereichs "Sprache und Recht" übernommen. Prof. Stammerjohann, Professor für Romanische Sprachwissenschaft, wurde von der Universität Chemnitz für zwei Jahre freigestellt; vorher lehrte er in Frankfurt, Zürich und an verschiedenen amerikanischen Universitäten. Im folgenden ein kurzes Einstiegsinterview:
Europäische Akademie: Herr Prof. Stammerjohann, Sie waren zuletzt drei Jahre Professor für Romanische Sprachwissenschaft (insbesondere Italienisch und Französisch) an der Technischen Universität Chemnitz. Was hat Sie veranlaßt, sich um die Leitung des Fachbereichs "Sprache und Recht" an der Europäischen Akademie Bozen zu bewerben?
Prof. Stammerjohann: Sowohl kulturelle als auch wissenschaftliche Gründe. Der kulturelle Grund war, daß ich mich schon lange mit der Begegnung zwischen dem italienischen und dem deutschen Kulturraum beschäftige, die sich hier in Südtirol auch geographisch treffen.
Europäische Akademie: Und was waren Ihre wissenschaftlichen Gründe?
Prof. Stammerjohann: Mehrere. Im Fachbereich "Sprache und Recht" geht es um Fragestellungen, mit denen ich mein wissenschaftliches Leben lang zu tun gehabt habe. So kann ich mich als "Textlinguisten der ersten Stunde" bezeichnen, da ich - als Student in den sechziger Jahren - die Entstehung der Textlinguistik miterlebt und bis heute verfolgt habe, also die Erforschung sprachlicher Strukturen oberhalb des Satzes. Zu meinen textlinguistischen Interessen sind später fachsprachliche und lexikographische Interessen gekommen. Fachsprachliche Fragestellungen sind per definitionem interdisziplinär. Die beiden Disziplinen, an deren Schnittstelle ich gearbeitet habe, waren zuerst Sprachwissenschaft und Geschichtswissenschaft, und ich habe mit Studenten einen Fachwortschatz für Historiker herausgegeben, aber durch die Verbindung zu einem französischen Rechtslinguisten habe ich auch die Probleme juristischer Terminologiearbeit kennengelernt. Die Möglichkeit, im Fachbereich "Sprache und Recht" all diese verschiedenen Erfahrungen miteinander verbinden und fruchtbar machen zu können, hat mich außerordentlich gereizt.
Europäische Akademie: Mit einem neuen Leiter werden auch neue Forschungsschwerpunkte innerhalb eines Fachbereichs definiert. Worin sehen Sie einen besonderen Entwicklungsbedarf in Ihrem Fachbereich?
Prof. Stammerjohann: In der Verständlichkeitsforschung, die im bisherigen Forschungsspektrum dieses Fachbereichs noch ganz und gar fehlt, d.h. es fehlen psycholinguistisch geschulte Mitarbeiter, die Texte auf ihre Verständlichkeit hin überprüfen. Sie sollen nicht nur Texte und sonderlich Übersetzungen, die in meinem Fachbereich oder in seinem Auftrag entstehen, einer Verständlichkeitsprüfung unterziehen, sondern auch die anderen Fachbereiche der Akademie sowie die Südtiroler Behörden in diesem Sinne beraten. Ihre eigene wissenschaftliche Profilierung könnten solche Mitarbeiter darin sehen, spezifische Verständlichkeitsmaßstäbe für juristische Texte zu entwickeln.
Europäische Akademie: Interdisziplinarität war und ist ein zentraler Punkt in der Forschungsarbeit der Akademie. Nun spiegelt Ihr Bereich, "Sprache und Recht", diesen Ansatz in besonderer Weise wider. Sehen Sie hier auch eine Möglichkeit der fachbereichsübergreifenden Arbeit, z.B. mit dem Fachbereich "Minderheiten und regionale Autonomien"?
Prof. Stammerjohann: Das ist sicherlich der Fachbereich, mit dem die Zusammenarbeit am nächsten liegt, denn viele Autonomiemodelle müssen das Problem der Mehrsprachigkeit lösen. Die linguistischen Implikationen institutionalisierter Mehrsprachigkeit werden im Fachbereich "Sprache und Recht" am Beispiel Südtirol exemplarisch reflektiert.
Europäische Akademie: Stichworte "Forschung für Südtirol" und "Forschung für Europa", ein weiteres wichtiges Anliegen der Akademie. Wie, glauben Sie, kann sich Ihr Fachbereich dem regionalen Bedarf anpassen und dennoch für den internationalen Wissenschaftsmarkt interessant bleiben?
Prof. Stammerjohann: "Forschung für Südtirol" darf keine Südtiroler Forschung sein. Südtiroler Forschung gibt es nicht - es gibt nur gute oder schlechte Forschung. Das heißt, wenn die Akademie auf die ihr von der Provinz gestellten Fragen richtige Antworten findet, dann gelten diese Antworten überall. Insofern ist "Forschung für Südtirol" immer auch "Forschung für Europa" und darüber hinaus.
Prof. Dr. Harro Stammerjohann, Leiter des Fachbereichs "Sprache und Recht" ·
- 1958 Studium der romanischen und germanischen Philologie an den Universitäten Kiel, Wien, Bologna und Lille
- 1966 Promotion zum Dr. phil. an der Universität Kiel
- 1966 Lehrer, dann wissenschaftlicher Mitarbeiter am Goethe-Institut in München
- 1967 Lektor an der University of California in Riverside und Los Angeles, dann Assistant Professor an der Rutgers University, New Brunswick, NJ
- 1972 Professor für Romanische Sprachwissenschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
- 1993 Professor für Romanische Sprachwissenschaft an der TU Chemnitz-Zwickau
- Gastprofessuren an der University of California in Los Angeles und an der Universität Zürich
Forschungsschwerpunkte:
- Theoretische und angewandte romanische, insbesondere italienische und französische Sprachwissenschaft.
- In den letzten Jahren Beschäftigung mit der historischen Rezeption der italienische Sprache im Ausland;
- laufendes Projekt: Italianismen im Französischen, Deutschen und Englischen.
- Strukturen der Rede. Beobachtungen an der Umgangssprache von Florenz. (Phil. Diss., Kiel); gedruckt in : Studi di filologia italiana 28 (1970), 295-397;
- Übersetzung und Bearbeitung von: G. Mounin, Die Übersetzung. Geschichte, Theorie, Anwendung, München: Nymphenburger Verlagshandlung, 1967;
- Übersetzung und Bearbeitung von G.C. Lepschy, Die strukturale Sprachwissenschaft. Eine Einführung. Mit einem Ergänzungskapitel über "Die strukturale Sprachwissenschaft in Deutschland", München: Nymphenburger Verlagshandlung, 1969;
- (Hrsg.) Handbuch der Linguistik. Allgemeine und angewandte Sprachwissenschaft, München: Nymphenburger Verlagshandlung, 1975;
- Französisch für Lehrer. Linguistische Daten für Studium und Unterricht, München: Max Hueber Verlag, 1983;
- Französisch zum Lernen. Französischer Grundwortschatz für Schule und Studium, Reisen und Beruf, Stuttgart: Ernst Klett Verlag, 1986;
- (Hrsg. und Mitautor) Französisch für Historiker, Berlin: Erich Schmidt Verlag, 1991;
- (Hrsg) Lexicon Grammaticorum. Who Is Who in the History of World Linguistics, Max Niemeyer Verlag, Tübingen, 1996;
Auch belletristische Übersetzungen aus dem Englischen, Französischen und Italienischen sowie journalistische Veröffentlichungen. Seit 1995 sprachwissernschaftlicher Herausgeber der Zeitschrift Romanische Forschungen. ·