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Ein Forum zum Europäischen Integrationsprozeß
Interview mit Prof. Bertram Schefold
Vom 22. August bis zum 1. September 1997 fand eine von der Europäischen Kommission getragene, von der Europäischen Akademie Bozen und der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main durchgeführte internationale Summer School zum Thema "Ökonomische Interessen und kulturelle Bestimmungsgründe der europäischen Integration - Kern-Europa" in den Räumlichkeiten des Priesterseminars in Brixen statt. Im folgenden ein Interview mit Prof. Bertram Schefold von der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, dem wissenschaftlichen Leiter dieser Veranstaltung.
Academia: Thema dieses postgradualen Weiterbildungsseminars war die Europäische Einigung. Eine sehr komplexe Thematik, die verschiedenste Bereiche miteinschließt: den wirtschaftlich-ökonomischen, juridischen, sozialen, politischen, historischen usw.? Auf welche Aspekte baute die Summer School?
Prof. Schefold: Das erste Motiv der europäischen Einigung war ein politisches: nach zwei Weltkriegen sollte der Frieden in Europa gesichert und neben den Machtzentren in Amerika und der Sowjetunion auch eines auf dem alten Kontinent errichtet werden. Jean Monnet erwog am Ende seines Lebens, ob es nicht besser gewesen wäre, diese europäische Einigung auf die kulturellen Gemeinsamkeiten zu gründen, aber es wurde der Weg einer wirtschaftlichen Integration gewählt, der die Politik regelmäßig nur mit Zögern folgte. Gegenwärtig hat der Vertrag von Maastricht einen Automatismus geschaffen, der nach rein volkswirtschaftlichen Kriterien festlegt, welche Länder nach dem Stand der Inflation und vor allem der staatlichen Verschuldung beim nächsten großen Schritt, bei der Verwirklichung der Währungsunion, dabei sein werden. Ob so ein dauerhaftes, der Völkerverständigung dienliches Gebilde herauskommt, wissen wir nicht. Das Europa der Sechs erinnerte noch an die karolingische Reichsidee. Nun scheint ein Einigungsprozeß eingeleitet, in dem die kulturelle Zusammengehörigkeit keine wesentliche Rolle spielt und die Institutionen, die den politischen Einigungsprozeß tragen und eine demokratische Willensbildung in der Union sichern sollen, noch auf den Nationalstaaten beruhen. Die Summer School sollte nicht nur über den Gang der Integration Auskunft geben, sondern sie sollte auch fragen, wie sich die ökonomische Wissenschaft für die weitergehenden politischen und kulturellen Probleme öffnen kann.
Academia: Wie gliederte sich nun das Programm der Summer School?
Prof. Schefold: Das Programm bestand aus drei Teilen. In dem ersten wurden von Historikern Aspekte der europäischen Wirtschaftsgeschichte betrachtet, die für den Zusammenhang der Wirtschaft mit politischen und kulturellen Faktoren paradigmatisch sind und heute noch nachwirken oder wenigstens zum besseren Verständnis der neueren Situation vergleichend herangezogen werden können. Im zweiten Teil wurden Neuerungen der ökonomischen Theorie dargestellt, welche eine bessere Erfassung historischer Prozesse mit Hilfe der Theorie erlauben sollen. Im dritten, wirtschaftspolitischen Teil wurden Spezialvorträge über monetäre und fiskalische Probleme der Integration, über Fragen der Einkommensverteilung und Sozialpolitik, über Regionalpolitik und die Erweiterung nach Osteuropa gehalten.
Academia: Wer sind die Professoren, wer die jungen Wissenschaftler, die an diesem Weiterbildungsseminar teilgenommen haben?
Prof. Schefold: Zur Durchführung dieses Programms waren 30 international bekannte Professoren aus Europa, den Vereinigten Staaten und Japan nach Brixen gekommen. Über 40 Studenten aus den Staaten der Europäischen Union und Osteuropa nahmen an der Summer School teil: Österreicher und Belgier, Franzosen und Deutsche, Griechen, Iren und Italiener - darunter ein Südtiroler -, und es waren auch Polen, Portugal, Rußland, die Slowakei, Schweden, die Türkei und die Ukraine vertreten. Die Studenten und jungen Forscher, die alle mindestens einen Studienabschluß vorweisen mußten und von denen nicht wenige schon einen Doktorgrad besaßen und selbst Dozenten waren, wollten über die Probleme der europäischen Integration und über den Beitrag der Wissenschaft zu den mit ihr zusammenhängenden Fragen diskutieren.
Academia: Wie wurde ein so umfangreiches und heterogenes Thema von seiten der Beteiligten angegangen?
Prof. Schefold: Die Dichte des Programms, seine Vielfalt und die Interdisziplinarität stellten eine Herausforderung dar, die unterschiedlich bewältigt wurde. Einige Studenten und junge Wissenschaftler hielten zusätzliche Seminarvorträge. Alle Studenten fanden sich in kleinen Diskussionsgruppen, nach Möglichkeit die Nationalitäten vermischend, zusammen und entwickelten eigene Konzeptionen, die am zweitletzten Tag vorgetragen wurden. Die europäischen Wachstumsbedingungen und die Beschäftigungspolitik wurden von mehreren kritisch beleuchtet.
Academia: Ist eine weitere Summer School dieser Art in Südtirol geplant? Prof. Schefold: Im nächsten Jahr soll der zweite Teil dieser Veranstaltung wiederum in Brixen abgehalten werden. Die Summer School 1998 zum Thema "Die Europäische Union und Osteuropa" wird den Möglichkeiten und Bedingungen des Beitritts der osteuropäischen Staaten zur Europäischen Union gewidmet sein.
Academia: Südtirol bietet als dreisprachige Region ideale Voraussetzungen für internationale Veranstaltungen dieser Art. Was waren Ihre Eindrücke?
Prof. Schefold: Die schöne Landschaft und die Kulturgüter in der Umgebung Brixens übten ihre Anziehungskraft aus. Man konnte das Zusammentreffen deutscher und italienischer sowie ladinischer Sprach- und Volkskultur beobachten, und diese Erfahrung sowie das Aufeinandertreffen unterschiedlicher akademischer Sitten unter den Studenten und Professoren verstärkten das Gefühl der Aktualität des Integrationsproblems, das einen europäischen Grundkonsens erfordert, aber keine homogenisierte Kultur erzwingen soll.
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