Langner: Wir haben jetzt seit zehn bis fünfzehn Jahren Erfahrung mit zweisprachigen Fakultäten. Dabei konnten wir feststellen, daß jene Studierenden, die tatsächlich zweisprachige Abschlüsse erlangen, eindeutig mehr Chancen am Arbeitsmarkt haben, als andere, die ihr Studium nur in einer Sprache absolvieren. Wer bei uns Wirtschaft oder Recht studiert, für den ist die Zweisprachigkeit von zentraler Bedeutung.
Academia: In Freiburg besteht die Möglichkeit, zwischen einem einsprachigen und einem zweisprachigem Studium zu wählen. In welche Richtung geht der Trend? Welche Kurse werden mehr belegt?
Langner: Die Zweisprachigkeit soll bei uns bis zum Jahre 2001 auf alle Fakultäten ausgedehnt werden. Man hat bei uns insgesamt gemerkt, daß die Zukunft der Universität Freiburg in der Zweisprachigkeit liegt. Der Trend geht eindeutig in diese Richtung. Es ist erklärtes Ziel des Rektorats, die Zweisprachigkeit durch einen "sanften Druck" zu fördern. In Ausnahmefällen wird es zwar auch künftig möglich sein, einsprachige Abschlüsse zu erlangen. Der Königsweg wird jedoch zunehmend das zweisprachige Studium sein. Was nicht heißen soll, daß es in Zukunft keine verschiedenen Optionen geben wird. So können weiterhin beispielsweise Veranstaltungen in der einen Sprache und Prüfungen in der anderen Sprache erfolgen. Ziel soll es allerdings sein, den Studierenden klarzumachen: Wer in Freiburg studiert, kann die zweite Studiensprache eigentlich nicht umgehen. Das rein einsprachige Studium wird zunehmend die Ausnahme sein.
Academia: In Südtirol ist eine dreisprachige Universität geplant. Soll dieses Modell Ihrer Ansicht nach rigoros angewandt werden, oder wäre eine graduale Einführung der Mehrsprachigkeit die bessere Lösung?
Langner: Also rigoros würde ich die Dreisprachigkeit an der Universität sicher nicht einführen. Wir in Freiburg haben genau in diesem Punkt beispielsweise das Problem, daß ein sehr hoher Anteil der Studierenden weder deutsch noch französisch als Muttersprache hat. Von den 8700 Eingeschriebenen sind das derzeit ungefähr 2000 Studenten. Abgesehen von einem sehr hohen Ausländeranteil befinden sich darunter auch Tessiner, die italienischer Muttersprache sind. All diese Ausländer kann man nicht zur Zweisprachigkeit zwingen. Ein rigoroses Beharren auf die Dreisprachigkeit ist deshalb nicht empfehlenswert. Viel besser wäre es, dieses Ziel durch einen sanften Druck zu erreichen.
Academia: Die Universität Bozen will die Vorlesungen, abgesehen von der Fakultät für Bildungswissenschaften, grundsätzlich dreisprachig anbieten. Wo liegen die Vorteile und Chancen eines solchen Modells?
Langner: Eines ist ganz offensichtlich. Zweiprachigkeit und noch stärker wahrscheinlich Dreisprachigkeit bedeutet mehr Arbeit und Einsatz. Man darf nicht so tun, als fiele unter dem Strich nicht mehr Arbeit an. Denn eines muß klar sein: Aufgrund der Mehrsprachigkeit darf es keine Abstriche im inhaltlichen Bereich geben. Wenn jemand etwa ein zweisprachiges Jura-Studium absolviert, dann ist inhaltlich von ihm das gleiche zu fordern, wie von jemandem, der das einsprachig macht.
Die Zweiprachigkeit und noch mehr die Dreisprachigkeit ist ein Zusatzaufwand. Das wissen die Studierenden und sie fürchten es auch teilweise. Letztendlich ist es, glaube ich jedenfalls, eine Frage der Informationspolitik. Man muß den Studierenden klarmachen, daß sich dieser Mehraufwand in der Berufspraxis letzten Endes auszahlen wird.
Wie das mit der Dreisprachigkeit in Bozen dann sein wird, ist schwierig zu sagen. Hier wird der Aufwand noch größer sein. Bei uns in Freiburg ist lediglich die naturwissenschaftliche Fakultät de facto dreisprachig aufgebaut. Vorlesungen werden dort auf französisch, deutsch und englisch abgehalten. Die bisherigen Erfahrungen sind eigentlich recht gut. Wer in Freiburg eine Naturwissenschaft studieren will, weiß von vornherein, daß er das dreisprachig machen muß. Wem das nicht gefällt, der geht gleich nach Zürich oder Genf.
Academia: Eine Frage zum Image. Läßt sich eine zwei- oder dreisprachige Universität heute besser "verkaufen" als eine Hochschule, in der das Lehrangebot bloß einsprachig ist?
Langner: Ich glaube, mittelfristig läßt sich eine mehrsprachige Universität auf jeden Fall besser verkaufen. Ich bin mir für Bozen allerdings nicht ganz sicher, ob es sinnvoll ist, von einer dreisprachigen Universität zu sprechen. Die größten Chancen in Bozen liegen vorerst in einer zweisprachigen Ausbildung im Bereich der beiden größeren Sprachen Deutsch und Italienisch. Das Englische als dritte Ausbildungssprache könnte dann erst in einem zweiten Schritt im Lehrplan aufgenommen werden. Ich bin mir nicht sicher, ob man bei solch einer Lösung dann aber von einer dreisprachigen Universität sprechen soll. Dies weckt wahrscheinlich Erwartungen, die in die falsche Richtung gehen. Academia: In Freiburg besteht das zweisprachige Lehrangebot erst seit wenigen Jahren. Wo hatte die Uni Freiburg die größten Schwierigkeiten, die Mehrsprachigkeit durchzusetzen?
Langner: Das ist schwierig zu beantworten, denn es gibt bislang keine offiziellen Untersuchungen über die Zweisprachigkeit unserer Universität. Zur Zeit beschäftigt sich eine Doktorarbeit mit diesem Thema, die aber erst in ein bis zwei Jahren abgeschlossen sein wird. Ansonsten gibt es im großen und ganzen nur gewisse Mutmaßungen über die Erfolge und Schwierigkeiten der Zweispachigkeit im Studium. Eines kann man jedoch sagen: Es gibt einen relativ hohen Anteil an Studierenden, die sich zunächst für ein zweisprachiges Studium entscheiden, ohne es aber zu Ende zu führen. Die Abbrecherquote ist hier relativ hoch. Woran das liegt, weiß man nicht genau. Man vermutet, daß das Modell der Zweisprachigkeit in Freiburg in diesem Punkt nicht genügend durchdacht wurde. Bis zum Jahre 2001 soll das Konzept deshalb für alle Fakultäten noch einmal von Grund auf überarbeitet werden. Ziel ist es, die Abbrecherquote möglichst zu senken.
Academia: Hier in Bozen soll die Dreisprachigkeit verpflichtend sein und auch auf Diplomstudiengänge wie etwa Obst- und Berglandwirtschaft ausgedehnt werden. Wie attraktiv ist die Dreisprachigkeit im Bereich der Fachhochschulen?
Langner: Für die Wissenschaftssprache Englisch würde ich das sehr unterschiedlich bewerten. Es macht nicht viel Sinn, wenn dieser Sprache bei allen Studiengängen derselbe Stellenwert eingeräumt wird. Ich kann mir nicht vorstellen, daß beispielsweise beim Diplomstudium Obstbau die Unterrichtssprache Englisch gleich wichtig ist, wie etwa bei Wirtschaft oder bei einer naturwissenschaftlichen Fakultät. Ich denke, die Stellung des Englischen muß man sich je nach Ausbildungsgang sehr gut überlegen. Die Sprachen Italienisch und Deutsch sind da schon viel wichtiger. Gerade auch, weil Südtirol auf dieser wichtigen Nord-Südachse Europas liegt.
Academia: Die Universität Bozen wird auch eine Fakultät für Bildungswissenschaften anbieten. Diese soll im Gegensatz zu den anderen Fakultäten vorwiegend einsprachig sein. Was halten Sie von dieser Entscheidung?
Langner: Ich habe mich erst seit ganz kurzer Zeit mit dieser spezifischen Situation in Südtirol beschäftigt. Ich weiß, daß sprachhistorisch und sprachgeographisch in Südtirol eine völlig andere Situation vorliegt, als bei uns in Freiburg. In Freiburg war die Lehrerausbildung bislang einsprachig aufgebaut. Doch gibt es jüngst Bestrebungen, auch hier das Prinzip der Zweisprachigkeit einzuführen. Auch wenn man hier in Südtirol schon entschieden hat, die Fakultät für Bildungswissenschaften einsprachig aufzubauen, so rate ich trotzdem, die Türen in dieser Hinsicht nicht zuzuschlagen.
Dr. Günther Mathà, Journalist und Projektleiter für den Bereich "Öffentlichkeitsarbeit der Freien Universität Bozen" an der Europäischen Akademie Bozen