contact | site map | imprint           27.7.2008
Logo EURAC  
  NEWS ARCHIVE    
      Events    
      Education courses    
      On research    
      New print releases    
      Job openings    
SITE SEARCH  
 

Academia 13 
Home  |  Press  |  Academia  |  13  |  Artikel5  

Von der Realität zur Vision: das Modell einer "differenzierten" Hochschule

von Christine Gieraths und Heike Solga

Über die Sehnsucht nach dem Meer
"Wenn du willst, daß die
Menschen ein Schiff bauen,
so mußt du sie nicht lehren,
wie man das macht oder
wozu das nutzt;
du mußt sie - zuerst -
die Sehnsucht nach dem Meer
lehren."

(A. de Saint Exupéry)
Die Zeiten sind eigentlich nicht dazu angetan, Visionen zu entwickeln. Weder die gesamtwirtschaftliche Situation noch die in ihrer Folge auf die Universitäten niederfahrenden Kürzungsvorgaben geben Anreize dazu, sich Gedanken über ein Ideal zu machen. Zu dringlich scheinen die Fragen zu sein, wie man den Mangel verwalten und den "Run" auf die Hochschulen stoppen kann. Beides zwingt uns scheinbar zu einem Herumkurieren an Symptomen, ohne daß damit eine hochwertige und der Berufswelt entsprechende Ausbildung erreicht werden kann. Die Lösung dieser Probleme mag daher eher in einer "neuen" denn im Retten der "alten" Hochschule liegen.

Auf einem Arbeitstreffen in Kloster Banz haben junge Wissenschaftler den Versuch gewagt, Visionen einer "neuen" Hochschule entstehen zu lassen. Visionen wagen, das können (und sollten) wohl am ehesten jene, die sich an der gegenwärtigen Situation am meisten reiben und ihre Folgen "erleiden". Die Teilnehmer (Studenten, Doktoranden und junge Wissenschaftler, die in der Forschung - Universität, Industrie, Forschungsinstitute - erst seit wenigen Jahren im Berufsleben stehen) hatten sich die Aufgabe gestellt, in einer gemeinsamen Diskussion konkrete Ideen für eine "neue" Hochschule zu entwickeln: eine differenzierte Hochschule, die den unterschiedlichen Interessen und Zielen der Studierenden Raum läßt, die akademisch gebildete Menschen hervorbringt und zugleich für die ganze Breite des möglichen Berufslebens in geeigneter Weise vorbereitet. Das Berufsleben hat sich inzwischen stark verändert: Dauerarbeitsplätze sind selten(er) geworden. Die Arbeit wechselt im Rhythmus von zwei bis drei Jahren zwischen verschiedenen Arbeitgebern und/oder Projekten. Die Absolventen werden zunehmend auch in Tätigkeiten beschäftigt, für die sie mit Abschlüssen unterhalb des Diploms bzw. Magisters adäquat ausgebildet wären.

Ausgehend von einer Analyse der gegenwärtigen Arbeitsmarktsituation junger Akademiker wurde versucht zu erkunden, welche Leistungen denn eine Hochschul(aus)bildung angesichts dieser Realität erbringen müsse: Wie sähe eine Ausbildung aus, die ausreichend auf den Arbeitsmarkt hin ausgerichtet ist und dennoch geeignet wäre, wissenschaftliche Kompetenz hervorzubringen? Wie kann sichergestellt werden, daß die Hochschule flexibler wird, damit zukünftig schneller auf Veränderungen am Arbeitsmarkt reagiert werden sowie eine verstärkt auf die individuellen Bedürfnisse des einzelnen ausgerichtete Ausbildung erfolgen kann? Welche "Alternativen" und selbst initiierten Beschäftigungsoptionen sollten jungen Akademikern freigeräumt werden?

Vorstellungen über die "neue" Hochschule wurden im Laufe der Diskussion konkret. Anzumerken ist hier, daß die Diskussion in einer ausgesprochen offenen, kritischen und doch eher optimistischen Atmosphäre stattgefunden hat in der alle Beteiligten primär an der Suche nach Lösungen für die anstehenden Probleme interessiert waren. Der vorliegende Beitrag versucht, wichtige Ergebnisse dieser Diskussion wiederzugeben und damit Kernpunkte des "zu bauenden Schiffs" zu markieren. Vorgestellt wird im folgenden eines der in Kloster Banz diskutierten Modelle. Dieses Modell könnte man von seiner Grundidee her als das Modell einer "differenzierten Hochschule" bezeichnen.

Die Arbeitsmarktsituation junger Akademiker/innen heute. Neue Anforderungen an Lehrende und Studierende.

Ziel des folgenden Abschnittes ist es nicht, einen Beitrag zur wissenschaftlichen Diskussion zu leisten. Vielmehr soll hier - in aller Kürze - der Tenor der Referate und daran anschließenden Diskussion wiedergegeben werden, auf deren Basis die im Anschluß vorgestellten Ideen zur "neuen" Hochschule entstanden sind. Bis zum Anfang der 70er Jahre konnten Hochschulabsolventen in der Regel davon ausgehen, in akademikeradäquaten Positionen beschäftigt zu werden. In bezug auf die Situation der jungen Akademiker und Akademikerinnen heute gilt dies nicht mehr. Klassische Berufslaufbahnen von Akademikern werden seltener; verstärkte Tendenzen des "Outscorings" und der projektzentrierten Organisation von Wissenschaft und Industrie führen zu neuen Formen der Beschäftigung; die Normalität des "Normalarbeitsverhältnisses" ist auch für (junge) Akademiker in Frage gestellt; "Aufstiegs"-Karrieren werden immer seltener, während "horizontales Rotieren" oder gar nicht ausbildungsadäquate Beschäftigung zunehmend das Mobilitätsmuster der jungen Akademiker bestimmen; der Aufbau verläßlicher Zeithorizonte für die Berufs- und Familienplanung wird immer schwerer. Diese zum Teil neuen Erfordernisse an die jungen Akademiker sind in der Regel nicht freigewählt, sondern primär vom Arbeitsmarkt diktiert. Ihre Erfüllung verursacht zudem beträchtliche soziale Kosten (z.B. die Gefahr der Zerrüttung von Beziehungen und Familien durch die räumliche Trennung, die Zementierung traditioneller Rollenverteilungen in der Familie oder den Preis einer sozialen Beziehungslosigkeit).

Auch der Alltag an unseren Hochschulen läßt sich kaum zuversichtlicher beschreiben. Der Lehrstellenmangel sowie die zunehmende Unsicherheit bei der Berufswahl verursachen eine wachsende Zahl an Studenten, für die das Studium eine "Notlösung" oder gar eine "Parkstation" darstellt, bis man einen Job gefunden hat. Dies ist eine starke Belastung der Hochschulen, durch die sich Lehrende und Studierende gleichermaßen in einem scheinbar unlösbaren Dilemma der Überforderung befinden. Die Universitäten und Hochschulen haben dabei nicht nur die "Masse an Studenten" zu bewältigen. Von ihnen werden darüber hinaus auch Möglichkeiten für ein "schnelles" Studium sowie für die Erlangung von Zusatzqualifikationen verlangt, durch die ihre Absolventen dem - mit dem Übergang von der Elite- zur Massenuniversität einhergehenden - Verlust von Privilegien begegnen können.

Das Arbeitsleben hat sich ebenfalls stark verändert und wird sich auch weiterhin verändern: Die Märkte globalisieren sich; Unternehmen lagern viele Funktionen insbesondere im Dienstleistungsbereich aus ("Outsourcing"); Kooperationen finden zunehmend nur noch virtuell durch den Austausch riesiger Informationsmengen jeglicher Art statt; die Wirtschaft wird in immer stärkerem Maße durch Marktkräfte reguliert, während staatliche Interventionen in diesem Bereich zurückgedrängt werden; die "Verschlankung des Staates" führt zu einer sinkenden Nachfrage nach Akademikern im Bereich des öffentlichen Dienstes. Auch dies stellt neue Anforderungen an heutige Hochschulabsolventen, auf die sie mit ihrem Studium vorbereitet sein wollen und sein sollten. Zu diesen gehören neben den Kenntnissen des eigenen Spezialgebietes auch immer häufiger Kenntnisse aus angrenzenden Fachgebieten oder sogar anderen Wissenschaftsdisziplinen, Fähigkeiten zur anwendungsorientierten Datenverarbeitung, Sozialkompetenzen, Sprachkenntnisse (möglichst verbunden mit Auslandserfahrungen) etc. Eine solide Ausbildung in der gewählten Studienrichtung bei gleichzeitiger Vermittlung dieser Fähigkeiten und Kompetenzen stellt unter den gegenwärtigen Bedingungen an unseren Hochschulen jedoch nicht die Regel dar. In der Diskussion auf den Punkt gebracht, läßt sich die gegenwärtige Situation junger Absolventen wohl prägnant folgendermaßen beschreiben: "Aus dem Spezialisten nach Beendigung des Studiums muß der Jungakademiker zusätzlich zum Generalisten mutieren, um in ständig wechselnden Gruppen sein eigenes Fachgebiet und andere Gebiete vertreten zu können."

Dennoch ist zu betonen, daß es zu einer qualifizierten Ausbildung (zumindest im hochgradig beruflich gegliederten Beschäftigungssystem Deutschlands) keine Alternative gibt, und die gegenwärtigen Arbeitsmarktchancen von Akademikern im Vergleich zu Personen mit anderen Ausbildungen - ganz zu schweigen zu jenen ohne eine berufliche Ausbildung - eher als gut zu bezeichnen sind, auch wenn sie nicht immer in einer ausbildungsadäquaten Position eine Beschäftigung finden. Die Bewältigung dieser - hier nur kurz und sicher nicht umfassend skizzierten - Probleme und Anforderungen kann und sollte nicht in einer Umwandlung der Hochschulen zu "Eliteinstitutionen" liegen. Ziel unserer demokratischen Grundordnung muß es auch weiterhin sein, soziale Unterschiede in den Bildungschancen abzubauen. Gegen eine Re-Institutionalisierung von Eliteuniversitäten spricht auch, daß diese neuen Arbeitsmarktanforderungen natürlich nicht nur an die heutigen Berufseinsteiger gestellt werden, sondern auch die Notwendigkeit eines lebenslangen Lernens bei den bereits berufstätigen Akademikern verstärken.

Insofern gilt es, ein Hochschulmodell zu finden, in dem die Hochschule ein "kontinuierlicher" Treffpunkt für (unterschiedlich) motivierte Wißbegierige ist und damit mehr ist als nur eine "transitionale Institution" für einen bestimmten Lebensabschnitt (nämlich den Übergang ins Berufsleben). Dies verlangt Veränderungen in der Organisation und Struktur der Hochschule sowie des akademischen Ausbildungssystems insgesamt.

Das modulare System einer differenzierten Hochschule

Welche Anforderungen ergeben sich aus dem eben Gesagten an die Hochschule; wie könnte eine Hochschule aussehen, die diesen Erfordernissen gerecht wird? Thesenartig zusammengefaßt, sind die Kernpunkte notwendiger Veränderungen folgende: Wir brauchen eine Hochschule, die Differenzierungen zuläßt - Differenzierungen, die Individualisierungen ermöglichen, ohne dabei diskriminierend zu sein (wie es gegenwärtig in bezug auf die Fachhochschule der Fall ist!). Diese Differenzierungen sollten korrespondieren mit den unterschiedlichen Anforderungen und Erwartungen, die der Arbeitsmarkt an Absolventen stellt; mit der Vielfalt der Absichten, die mit einem Studium verbunden werden: mit den individuellen Besonderheiten, Fähigkeiten und Neigungen der Lehrenden wie Studierenden. Das Hochschulsystem muß durchlässig sein - statt in (berufliche) Sackgassen zu führen! Dies würde sowohl flexible Anpassungen seitens der Absolventen auf sich verändernde Beschäftigungschancen als auch ein lebenslanges Lernen ermöglichen. Wir brauchen eine Hochschule, die Persönlichkeiten formt, in denen sich fachliches Wissen mit sozialer Kompetenz und der Fähigkeit zu interdisziplinären und interkulturellen Dialogen vereinen. Unsere Antworten darauf lassen sich zunächst ebenso in Thesen zusammenfassen:

  • Differenzierung und Individualisierung durch einen modularen Studienaufbau! Differenzierte Fähigkeiten und Neigungen der Studierenden treffen in den Hochschulen auf differenzierte und wie im Baukastenprinzip vielfältig zusammensetzbare Studienangebote; die differenzierten Fähigkeiten und Neigungen der an den Hochschulen Lehrenden treffen auf unterschiedliche Einsatzfelder und Aufgabenbereiche. Darüber hinaus ermöglicht ein modularer Aufbau von Studiengängen (d.h. in sich geschlossenen Studieneinheiten) auch Quereinstiege und lebenslanges Lernen!
  • Intensivierung statt "Notlösung oder Parken"! Akademische Abschlüsse auch unterhalb des Diploms/Magisters ermöglichen oder stimulieren gar "vorzeitige" Abgänge ins Berufsleben. Das Verbleiben an Universitäten und Hochschulen, weil man sonst "nichts hat", wird durch mittlere akademische Abschlüsse gemindert. Damit "entleeren" sich die Hochschulen in den höheren Studienjahren. Dies setzt natürlich voraus, daß es sich dabei um arbeitsmarktrelevante Abschlüsse handelt. Des weiteren erlauben zeitlich und inhaltlich planbare Studienabschnitte allen Studierenden, ihr Studium besser und aktiv zu gestalten.
  • Die Einheit von Forschung und Lehre und ihre jeweilige Qualität kann optimiert werden, wenn man entsprechend dem Prinzip "Jeder nach seinen Fähigkeiten" auch eine personelle Differenzierung des Hochschulpersonals in "Lehrende", "Forschende Doktorväter/-mütter" und "Praxisorientierte Wissenschaftler und Industriedozenten" zulassen würde. So kann die (oft ergebnislose) Suche nach einem perfekten Hochschullehrer, in dem sich alle drei Komponenten vereinen, in den Hintergrund treten. Den Studierenden ist in vielen Fällen mehr damit geholfen, wenn sie in den jeweiligen Studienabschnitten bzw. -gängen auf die hierfür "optimale" Person treffen - als auf gute Forscher, die es nicht vermögen, ihr Wissen in Vorlesungen zu vermitteln.
  • Differenzierte Evaluation statt ungerechter Gleichmacherei! Diese strukturelle Differenzierung der Aufgaben innerhalb der Hochschulen könnte auch den Kampf um das Aufwiegen von wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Forschungsleistungen versus Qualität der Lehrveranstaltungen beenden. Hierdurch wäre nicht nur eine gerechte, je nach Modulanforderung spezifische Evaluation möglich, sondern auch eine gezielte Rekrutierung des dem jeweiligen Modul entsprechenden Hochschulpersonals. Beides kann zu einer Verbesserung der Ausbildung beitragen.

Institutioneller Aufbau der "differenzierten Hochschule"

Wie hat man sich nun institutionell ein Hochschulsystem vorzustellen, das diesen Anforderungen gerecht wird? Die grundlegende Idee des Modells "Differenzierte Hochschule" ist, zwischen einem Basisstudium und modularen Aufbaustudienlehrgängen zu unterscheiden. Dieses Modell setzt dabei jedoch weniger auf eine Differenzierung zwischen den verschiedenen Hochschulinstitutionen, als vielmehr auf eine Differenzierung innerhalb der Hochschulausbildung selbst. Das heißt, sowohl das Basisstudium als auch modulare Aufbaustudiengänge werden an allen Hochschuleinrichtungen angeboten.

Das Basisstudium sollte somit an einer Universität/Hochschule, einer technischen Universität sowie einer Fachhochschule absolviert werden können als auch an einer Berufsakademie. Beendet wird dieses Basisstudium in einer definierten Zeit (6-7 Semester) mit einem arbeitsmarktrelevanten (mittleren akademischen) Abschluß. Die Abschlüsse des Basisstudiums aller Hochschuleinrichtungen sind "gleichwertig", wenn auch nicht "gleich" in dem Sinne, daß nach einem gleichen Lehrplan gelehrt wird. Hier sollten durchaus einrichtungsspezifische Kompetenzen erhalten und ausgenutzt werden. Dieser Abschluß - egal an welcher Einrichtung er erworben wird - berechtigt jedoch alle Absolventen gleichermaßen, sich entweder eine Arbeit zu suchen oder aber weiter zu studieren und in das modulare Aufbaustudium einzusteigen.

Es könnte nun eingewendet werden, daß es für Personen, die bereits mit dem Basisabschluß auf den Arbeitsmarkt wollen, die berufliche Lehre gibt. Dies ist zum Teil richtig. Dennoch gibt es mindestens drei Argumente, die für die zusätzliche Einführung eines solchen Studienabschlusses sprechen: (1) Die derzeitige Realität und die zukünftigen Entwicklungen der Wirtschaft sprechen nicht dafür, daß alle Jugendlichen, die eine Berufsausbildung machen wollen, von der Wirtschaft mit Lehrstellen versorgt werden können. Insofern werden sie auch in Zukunft in die Hochschulen "drängen". (2) Die oben erwähnten Entwicklungen legen nahe, daß die Berufsbilder sich weniger als bisher in klar umgrenzten Ausbildungsprofilen der dualen Ausbildung einfangen lassen. Vielmehr scheinen nun Fähigkeiten und Kompetenzen in den Vordergrund zu treten, die man sich eher in einem akademischen Umfeld aneignen kann, so z.B. die Fähigkeit zu eigenständigem Lernen oder zu Kooperation in interdisziplinären Arbeitszusammenhängen. (3) Durch den klar begrenzten Zeitrahmen des Basisstudiums wird eine straffere Terminisierung und damit Intensivierung des gesamten Studiums möglich.

Wer nach dem Basisstudium weiter studieren will, dem stehen im Modell der "differenzierten Hochschule" nun unterschiedliche Möglichkeiten in Form von modularen weiterführenden Studiengängen zur Verfügung. Dieses modulare System besteht aus in sich geschlossenen Studieneinheiten, von denen man a) nur eine wählen kann, b) zwei oder mehr nacheinander oder c) gar gleichzeitig absolvieren kann, oder in die man d) auch jederzeit aus der Berufstätigkeit heraus wieder einsteigen kann. Jeder dieser modularen Studiengänge führt zu einem akademischen Abschluß, der natürlich aufgrund der jeweils vermittelten Studieninhalte auch unterschiedliche Arbeitsmarktrelevanz besitzt. Die Dauer eines dieser Studienmodule sollte - mit Ausnahme des akademischen Studiengangs (mit Promotion) - nicht länger als zwei Jahre dauern. Nur so wären die Vorteile der Modulidee verwirklichbar, wie im Anschluß deutlich werden wird.

Denkbare Module wären: der "Akademische Studiengang": Studierende dieses Studiengangs arbeiten eng mit dem Doktorvater in einem gemeinsamen Forschungsprojekt zusammen. Der hier angestrebte Abschluß ist die Promotion. Geht man davon aus, daß - angesichts der anderen Module - nur (vergleichsweise) wenige Studierende den Weg in die Wissenschaft anstreben, so sollte hier eine weitaus stärkere individuelle Betreuung der Doktoranden als bisher möglich sein. Dadurch könnte es gelingen, diesen Studienabschnitt auf drei Jahre zu raffen und damit der "Überalterung" der deutschen Promovierten zu begegnen. "Lehrbefähigende Studiengänge": Hier werden über das Fachwissen hinaus Lehrkompetenzen vermittelt, die in unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft einsetzbar - und wünschenswert - wären. Zu denken wäre hier z.B. an eine Lektorenausbildung für das Basistudium, wobei während des Studiums bereits aktive Erfahrungen als Tutor gemacht werden könnten. Andere Einsatzfelder wären die Erwachsenenbildung, die Berufsbildung, Schulungen etc.

"Praxisorientierte Studiengänge": Ziel dieses Moduls ist es insbesondere, Brücken zu einer anwendungsorientierten Ausbildung zu schaffen. Beispiele dafür wären eine stärkere Ausrichtung auf Berufstätigkeiten in der Industrie, bei den Naturwissenschaften oder eine stärkere Ausrichtung auf Managementtätigkeiten oder die empirische Sozial- und Marktforschung in den Sozialwissenschaften. Primäre Grundidee dieser Studiengänge ist es, frühzeitig Anwendungsorientierungen in das Studium zu integrieren (z.B. durch Praktika, Phasen des "on-the-job" Trainings oder die Einbeziehung von Industriedozenten in Lehrveranstaltungen).

"Interdisziplinäre Studiengänge": Mit Hilfe dieses Moduls könnte auf die Anforderung von Berufskarrieren mit interdisziplinären Arbeitsaufgaben oder in interdisziplinären Arbeitszusammenhängen reagiert werden. Sie könnten ferner dazu beitragen, die Flexibilität der Absolventen für wechselnde Arbeitsanforderungen zu erhöhen. Hier könnten in einer beliebig denkbaren Vielfalt ein Zusatzstudium in einer weiteren Fachrichtung absolviert und Doppel- oder gar Mehrfachqualifikationen erlangt werden, die auf dem Arbeitsmarkt heute immer häufiger nachgefragt werden (z.B. Patentrecht für Naturwissenschaftler, Biologie für Physiker oder Chemiker und umgekehrt, Betriebswirtschaft für Sozialwissenschaftler usw.). Dieses Modul könnte auch in bezug auf das lebenslange Lernen und Anpassungen im späteren Berufsleben von besonderer Bedeutung sein. Wichtig ist es, nochmals zu betonen, daß die einmal eingeschlagenen Studienwege kein "dead end" sind.

Vielmehr gestattet dieses Modulsystem - zu jeder Zeit- immer wieder neue Einstiege in andere Module. Eine zeitliche Eingrenzung auf zwei Jahre trüge ferner dazu bei, daß von dieser Möglichkeit - da zeitlich kalkulierbar - auch Gebrauch gemacht werden könnte. Findet man mit der erworbenen Qualifikation keine Beschäftigung oder eine, die nicht den eigenen Vorstellungen und Ansprüchen entspricht, so sind frühere Entscheidungen "revidierbar", können neue Versuche unternommen werden. Darüber hinaus muß es, damit die Universitäten und anderen Hochschuleinrichtungen (wieder) eine Stätte des lebenslangen Lernens werden, vielfältige Möglichkeiten geben, an Studiengängen des modularen Systems berufsbegleitend (d.h. bei Fortsetzung der Erwerbstätigkeit) teilzunehmen - so z.B. in Form von Abend- und/oder Wochenendveranstaltungen.

Bei der Skizzierung dieses Modells der "differenzierten Hochschule" wird zugleich deutlich, wie die oben angesprochenen Aspekte in bezug auf die "Lehrenden" ihre Beachtung finden. In der Realität unserer Hochschuleinrichtungen finden wir heute bereits unter den Professoren und Professorinnen solche, deren Stärke vor allem die Lehre ist, sowie solche, deren Stärken eher in der Grundlagen- und/oder anwendungsorientierten Forschung liegen. Und auch unter den Personen, die sich um Lehrstühle bewerben, finden wir Personen, deren Fähigkeiten in diesem Sinne differieren. Diese unterschiedlichen Stärken werden für eine gute Ausbildung an unseren Hochschulen gleichermaßen benötigt und müssen dort vereint agieren können. In dem oben dargestellten Modell könnten sie optimiert genutzt werden, in dem man jede Person genau das an den Hochschulen tun läßt, wofür sie am besten geeignet ist. Das setzt allerdings voraus, daß keine Statusunterschiede zwischen Professoren und Professorinnen mit unterschiedlichen Aufgabenbereichen gemacht werden. Vielmehr sollte man die jeweilige Spezialität der anderen als gleichwertig und gleichbedeutend anerkennen.

Qualität und Evaluation von Lehre und Forschung

Das zuletzt Gesagte deutet bereits darauf hin, daß sich mit dem Modell einer differenzierten Hochschule auch neue Möglichkeiten der Evaluation von Lehre und Forschung verbinden (siehe Abbildung 1). Hochschuleinrichtungen sind institutionelle Räume, in denen sich handelnde Personen mit unterschiedlichen Aufgaben und Zielen - Studierende und Lehrende - begegnen. Für eine produktive Interaktion zwischen beiden sind jedoch gewisse Voraussetzungen notwendig, die bisher nicht immer vorhanden (gewesen) sind. Anforderungen für ein gutes Gelingen des Studiums, die an die werdenden Studierenden zu stellen sind, sind unter anderem eine bessere Vorbildung sowie eine bewußtere Studienfachentscheidung (die durch Berufspraktika oder die Kontaktsuche zur Universität und einen höheren Informationsstand über das Fach erreicht werden könnte). Diese Entscheidung könnte auch durch die Einführung eines Basisstudiums mit anerkanntem Abschluß erleichtert werden, da insbesondere jene Studierende, für die das Studium eine bloße "Notlösung" oder "Parksituation" darstellt, nun genauere Ziele für ein zu wählendes Studium entwickeln könnten. Anforderungen an die Hochschullehrer sind unter anderem Motivation, Engagement und Kompetenz für ihre Tätigkeit, Studierende auszubilden. Basierend auf der bereits oben erwähnten studiengangspezifischen Differenzierung von notwendigen Kompetenzen könnten sich hierfür wesentlich bessere Konstellationen ergeben.

Zugleich ermöglicht das Modell der differenzierten Hochschule eine zielgenauere und damit gerechterer Evaluation der Tätigkeit der jeweiligen Hochschullehrer. Die Bewertung des Lehrkörpers könnte nun entsprechend den unterschiedlichen Modulanforderungen erfolgen. Publikationen und Vorlesungen/Seminare würden z.B. nicht - wie bisher - in einem nie zu lösenden Konkurrenzverhältnis stehen. Eine auf die jeweiligen Aufgaben bezogene Bewertung könnte nun verstärkt erfolgen. Vorlesungen und Seminare könnten und sollten auch durch die Studierenden bewertet werden. Die Forschungsleistungen sowie die Erwerbung von Projektmitteln und die Einbeziehung von Studierenden in Lehre bzw. Forschung, die mit den einzelnen Modulen der Aufbaustudiengänge verknüpft sind, sind so ebenfalls gerechter - da gezielter - evaluierbar. Gelingt es, eine derart aufgabenspezifische und -differenzierte Evaluation durchzuführen, dann ist bei (möglicherweise) negativen Ergebnissen auch das Mittel der "Sanktionen" legitimer und wirkungsvoller einsetzbar. Vorstellbar wäre z.B., daß alle Hochschullehrer nur noch ein Sockelgehalt erhalten und Aufstockungen/Prämien in Abhängigkeit von der Evaluation ihrer Tätigkeiten gezahlt werden. Außerdem könnten Berufszusagen (d.h. finanzielle und personelle Mittel) zeitlich begrenzt werden und in Abhängigkeit von der Qualität der geleisteten Arbeit dann auch darüber hinaus zur Verfügung gestellt werden.

All dies könnte langfristig zu einer Erhöhung der Qualität des Studiums beitragen, was sich auch in einer Verringerung der Abbruchquoten niederschlagen könnte (zumal man jetzt auch die Wahl hätte, mit dem Basisstudium zu enden). Die Qualität des Studiums könnte sich auch dadurch verbessern, daß in den Modulstudiengängen die Studierenden früher mit den jeweils arbeitsmarktrelevanten Aufgaben in Kontakt kommen, und die jeweiligen Hochschullehrer besser in der Lage wären, dies zu unterstützen - zumal dies nun zum Bestandteil der Evaluation ihrer Tätigkeit gehören könnte und würde.

Studieninhalte - Die Ausbildung von spezialisierten Generalist/innen

Nachdem der institutionelle Rahmen und Regelungen der Evaluation vorgestellt wurden, ist abschließend auf das "inhaltliche" - und wichtigste - Element der "neuen" Hochschulausbildung, die zu vermittelnden Studieninhalte, einzugehen. Als Mängel des Ist-Zustands sind v.a. folgende Sachverhalte hervorzuheben:

  • Die Universitäten bilden vorwiegend für sich selbst aus!
  • Es findet eine zu frühe und starre Spezialisierung statt, es werden zu wenig fachübergreifende Kompetenzen vermittelt!
  • Intelligente Praxisorientierungen im Studium gibt es zu selten!
Neben der Vermittlung von Spezialwissen ist mehr als bisher das Erlernen von "generalen" Fähigkeiten zu integrieren (und zwar sowohl in Vorbereitung auf ein Berufsleben in der Wissenschaft als auch ein Berufsleben in der Wirtschaft und anderen gesellschaftlichen Bereichen). Themen eines solchen "Studium Generale" wären z.B. das Erlernen der Methodik wissenschaftlichen Arbeitens (Methodenkompetenzen), Kommunikationstraining und interaktives Lernen (kommunikative Kompetenzen), Projektmanagement, fach- und fakultätsübergreifendes Lernen (interdisziplinäre Kompetenzen) sowie die Beschäftigung mit relevanten ethischen Fragestellungen. Anstelle von "Spezialist versus Generalist" könnten so "spezialisierte Generalisten" herangebildet werden. Betrachtet man diese Forderungen vor dem Hintergrund des oben skizzierten Modells der "differenzierten Hochschule", so sind Wege zu ihrer Verwirklichung erkennbar. Erinnert sei an das Basisstudium, in dem es insbesondere auch darum geht, das selbständige Lernen zu lernen; an das interdisziplinäre Studienmodul. Lehrbefähigende Modul; oder in bezug auf das Projektmanagement an den akademischen Studiengang und dem praxisorientierten Modul, in denen dies unter anderem Gegenstand des Studiums sein könnte. Dies sind sicherlich nicht mehr als erste Anregungen zu weiterem Nachdenken. Insbesondere den notwendigen Veränderungen bei den Studieninhalten und ihren Vermittlungsformen ist in zukünftigen Diskussionen größere Aufmerksamkeit zu schenken, um die - hier vorgestellte - "Hülle" der differenzierten Hochschule mit "Leben" füllen zu können.

Schlußbemerkung

Unsere Antworten auf die gegenwärtigen Probleme der deutschen Hochschulen klingen einfach - vielleicht zu einfach oder gar utopisch -, doch Visionen waren erlaubt. Dennoch hoffen wir, daß diese Überlegungen Gehör finden und in anderen Diskussionszusammenhängen aufgegriffen werden. Und vielleicht gehört dann doch die eine oder andere Überlegung zur Realität zukünftiger Generationen. Viele der hier vorgestellten Ideen sind nicht neu, sondern in der einen oder anderen Form bereits Gegenstand der Hochschuldebatte. Wir haben in unserer Diskussion versucht, diesen doch vielfach getrennt diskutierten Dingen einen gemeinsamen Bezugsrahmen zu geben und sie in einem Modell zu integrieren. Betonen möchten wir am Ende nochmals eindringlich, daß wir nicht eine Verschulung des Studiums fordern. Die grundlegende Idee unseres Modells einer "differenzierten Hochschule" ist vielmehr, daß sie durchlässig sein sollte, vielfältigen Optionen für die Verwirklichung unterschiedlicher Interessen anbieten sollte und Menschen formen sollte, die zielbewußt und selbständig lernen können und an der Aufnahme neuer Dinge interessiert sind. Kurz: mündige, interkulturell leistungsfähige und kreative Bürger und Bürgerinnen. Zugleich möchten wir hervorheben, daß unser "Studium Generale" sowie das modulare Studiengangsystem der differenzierten Hochschule eine fachübergreifende Bildung unterstützt und damit dem ursprünglichen Anspruch der Universität, nämlich ein Ort universeller Bildung zu sein, wieder mehr Gewicht verleiht.

Dr. Christine Gieraths, Generalverwaltung der Max-Planck Gesellschaft, München - Dr. Heike Solga, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin

Abstract:
Il modello universitario "differenziato"

Questo periodo non sembra quello più adatto per prospettare nuovi modelli di università, soprattutto a causa della situazione economica globale e dei relativi tagli finanziari alla formazione universitaria. Il numero di studenti va ovunque aumentando, così come il tempo impiegato per ottenere la laurea. Mentre fino a qualche tempo fa il laureato era sicuro di trovare un posto di lavoro commisurato agli studi compiuti, oggi quel posto di lavoro è tutt'altro che certo. La formazione universitaria è troppo teorica, rigida, uniforme e si concentra su un solo tipo di specializzazione che l'attuale mondo del lavoro non richiede. Al giorno d'oggi per essere competitivi non basta essere specialisti; da un laureato ci si aspetta la conoscenza di più lingue, la dimestichezza nell'usare i moderni mezzi di comunicazione (computer, internet), esperienze di lavoro pratico ecc. Per ovviare a queste lacune non è sufficiente riformare il vecchio sistema universitario: bisogna crearne uno nuovo, orientato alla formazione individuale sia teorica che pratica, un "sistema universitario differenziato", come l'ha chiamato un gruppo di giovani ricercatori esperti del settore, che si è confrontato su questi temi nell'ambito di un incontro organizzato dalla Max-Planck-Gesellschaft a Kloster Banz in Germania. Tale sistema universitario differenziato è basato sulle seguenti tesi:

  • un sistema di studio che permetta agli studenti di scegliere il tipo o meglio i diversi tipi di specializzazione (moduli) da loro preferiti. Soltanto un'offerta didattica modulare, dove ognuno può scegliere il proprio percorso formativo, garantisce una formazione individuale e permette allo stesso tempo anche a coloro che si sono già laureati di specializzarsi in un altro settore;
  • la possibilità di conseguire "minilauree" con un forte orientamento pratico;
  • la differenziazione del personale didattico in professori, ricercatori con esperienze pratiche ed "docenti provenienti dall'industria";
  • la possibilità di una valutazione differenziata del lavoro didattico e di ricerca in base alla quale viene scelto e pagato il personale docente.


  The latest issue
 

 
 
Copyright © EURAC 2008 Send page Print page Top of page