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Artikel7
Der Alpenraum: ein natürliches Experiment zur Erprobung einer interdisziplinären Regionalforschung
von Gottfried Tappeiner
Weder Ökonomen noch Ökologen können in ihren Gebieten Experimente wie etwa die Physik oder die Chemie durchführen: die Kosten wären viel zu hoch. Sie sind für die Prüfung ihrer Modelle daher auf die Analyse verschiedener Einflüsse angewiesen, die sich „von sich aus“ ergeben haben. Der Alpenraum in seiner räumlichen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Vielfalt bietet dafür Ansätze in einer Fülle, die bisher kaum genutzt wurde. Eine Arbeitsgruppe in der Europäischen Akademie Bozen versucht nun diese Vielfalt für ihre Forschung zu
Der Alpenbogen stellt eine unübersehbare geographische Einheit im Zentrum Europas dar. Betrachtet man seine Teilregionen aber unter dem kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen oder ökologischen Gesichtspunkt, so bietet sich ein Bild, das vielfältiger und unterschiedlicher nicht sein könnte. Nicht zuletzt der Wohlstand und die Lebensqualität weisen große Unterschiede auf. Dies legt die Frage nach den Ursachen dieser Unterschiede nahe: Sind es die naturräum-lichen Gegebenheiten, die Kultur der Bevölkerung, historische Einzelereignisse oder doch eher kurzfristige wirtschaftliche Weichenstellungen? Die Frage wird noch komplexer aber auch interessanter, wenn man berücksichtigt, daß Wohlstand keine unveränderliche Größe ist: er steigt und fällt ständig. Kann man einen bevorstehenden „Abstieg“ einer Region an bestimmten Symptomen erkennen oder kann man ihn erst im nachhinein feststellen? Kann man den Wohlstand sichern und dem Abstieg entgegenwirken oder muß man den historischen Gang der Dinge mehr oder minder erleiden? Auf diese Fragen gibt es nur wenige Antworten: die Wirtschaftswissenschaften lassen in den meisten Theorien Raum und Zeit vollständig außer Betracht oder verstümmeln sie durch Abstraktion bis zur Unkenntlichkeit. Die Ökologie ist weit besser darin, kleinräumige Systeme zu modellieren, als großräumige Zusammenhänge theoretisch zu durchleuchten und die Soziologie hat erhebliche Probleme, die von ihr postulierten gesellschaftlichen Veränderungen zeitlich und räumlich zu lokalisieren. Will man versuchen diesen beträchtlichen dunklen Fleck im Bereich der Sozialwissenschaften wenigstens ein bißchen zu erhellen, so ergeben sich zumindest drei absolute Notwendigkeiten:
- Nur ein interdisziplinärer Ansatz hat eine Chance erfolgreich zu sein, denn es ist unübersehbar, daß die Entwicklung eines Gebietes durch starke Wechselwirkungen zwischen den natürlichen Rahmenbedingungen, der sozialen und kulturellen Basis sowie den aktuellen wirtschaftlichen Aktivitäten geprägt wird.
- Nur ein Erklärungsansatz ist erfolgversprechend, der die Zeit als Einflußfaktor ernst nimmt: Wann ein Gebiet mit dem Fremdenverkehr beginnt, in welcher histori-schen Zeit die Geburtenraten zurück-gehen und wann die heutigen Almflächen gerodet worden sind, um nur einige Beispiele für lang anhaltende zeitliche Wirkungen zu nennen. Natürlich ist die Zeitskala der beteiligten Disziplinen sehr unterschiedlich. Denkt der Ökonom in Jahren oder bestenfalls Jahrzehnten, sind schon für den Fortswirt oder den Ökologen Jahrhunderte die richtige Betrachtungsweise und die Historiker und Kulturwissenschaftler weisen zurecht darauf hin, daß die kulturelle Basis für das Erbrecht, das die heutigen Möglichkeiten der Landwirtschaft immer noch stark beeinflußt, vor 1000 – 2000 Jahren gelegt wurde. Dieser Unterschied in den Zeitskalen ist eines der großen Probleme, wenn interdisziplinär gearbeitet werden soll.
- Schließlich wäre es unergiebig, die wissenschaftliche Analyse des oben beschriebenen Fragen-komplexes lediglich theoretisch oder kulturphilosophisch angehen zu wollen: Die vermuteten Zusammenhänge und dynamischen Gesetz-mäßigkeiten müssen an einer Vielfalt von Gebieten geprüft werden, um sie zumindest ansatzweise zu untermauern oder zu widerlegen. Für diese Aufgabe bieten sich die vielen Kleinregionen des Alpen-raumes besonders an.
- Eine herausfordernde wissenschaftliche Fragestellung mit einem interdisziplinären Ansatz, die Alpen als Bezugsrahmen, ein unmittelbarer Südtirolbezug und die praktische Relevanz der Fragestellung – dies alles klingt wie ein Auszug aus dem Leitbild der Europäischen Akademie Bozen.
Auf Anregung und unter der Leitung von Giorgio Pasquali hat sich im Bereich „Alpine Umwelt” der Akademie eine Arbeitsgruppe zusammengefunden, in der Ökologen, Geographen, Forstwirte, Raumplaner, Soziologen und Volkswirte vertreten sind. Ihr Ziel ist es am Beispiel Südtirols, das in vielerlei Hinsicht Besonderheiten aufweist, Hypothesen über die Ursachen dieser Besonderheiten und des heutigen Wohlstandes zu entwickeln und diese Hypothesen auf ihre Verallgemeinerbarkeit anhand anderer Gebiete im Alpenbogen zu prüfen (vgl. Pasquali, 1996). Dies ist einfacher gesagt als getan; die Gruppe versucht dieses Ziel durch die folgenden Arbeitsschritte zu erreichen:
- Alle vertretenen Fachrichtungen versuchten eine integrierte Analyse der heutigen Situation Südtirols in bezug auf seine Umweltsituation, seine wirtschaftliche Lage, und seine sozialen und institutionellen Stärken und Schwächen auszuarbeiten. Es war ausgesprochen aufschlußreich zu erkennen, wie unterschiedlich bestimmte Fakten von den einzelnen Richtungen (obwohl alle Experten aus Südtirol stammen) eingeordnet und interpretiert wurden. Ganz offensichtlich haben die Konstruktivisten (der interessierte Leser sei etwa auf Paul Watzlawick: „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“, als amüsante Bettlektüre verwiesen) nicht ganz unrecht: ein Stück der „Wirklichkeit“ entsteht durch die Wahrnehmung des Beobachters.
- Im zweiten Schritt wurden die Befunde aufeinander abgestimmt und notwendige quantitative Indikatoren gesammelt. Auf diese Weise entsteht ein umfassendes Gesamtbild unserer Provinz, in das die fachspezifischen Aspekte integriert sind.
- Im dritten Schritt wird es darum gehen, Wirkungszusammenhänge zu suchen, die die spezielle Situation Sütirols ursächlich erklären sollen. Selbsverständlich wurden solche Vermutungen bereits in den beiden ersten Phasen gesammelt; in diesem Arbeitsschritt muß aber die Zusammenführung der Einzelwirkungen in einen konsistenten Argumenta-tionsrahmen erfolgen.
- Schließlich muß dieses Modellgerüst mit den Gegebenheiten anderer Regionen des Alpenbogens verglichen und höchstwahrscheinlich modifiziert werden.
Realistischer Weise kann man nicht erwarten, daß eine verhältnismäßig kleine Arbeitsgruppe ein bisher so wenig bearbeitetes Problem umfassend und definitiv lösen wird. Es zeigt sich aber, daß bereits der bisherige Arbeitsprozeß soviel Erfahrungen in der interdisziplinären Kooperation gebracht hat, daß sich der Einsatz lohnt. Darüber hinaus wird die Arbeit mit Sicherheit ein besseres Verständnis für die ökonomisch-ökologischen Zusammenhänge in Südtirol und für deren Stabilität oder Labilität erbringen. Wissenschaftlich erhoffen wir uns zumindest einen groben Modellansatz für eine interdisziplinäre Regionalforschung, der nach unserem Wissen bisher lediglich in wenigen Rudimenten existiert.
Dem interessierten Leser soll aber auch nicht verschwiegen werden, daß eine wichtige Motivation für die Arbeit neben dem Versuch, einen neuen Forschungsansatz zu finden, auch das Vergnügen ist, Einblick in die Standardsichtweisen der anderen Disziplinen zu bekommen (vgl. Fumai auf Seite 21). Das Projektteam wird sich bemühen, die Leser der ACADEMIA auch in Zukunft an diesem Vergnügen teilhaben zu lassen.
Univ.-Prof. Dr. Gottfried Tappeiner, Professor am Institut für Wirtschaftstheorie an der Universität Innsbruck, WIFO Bozen
Né gli economisti, né gli ecologi possono condurre esperimenti nel loro ambito di studio, come invece è possibile nella fisica e nella chimica: i costi sarebbero decisamente troppo alti. Per la valutazione dei loro modelli, quindi, essi devono analizzare i vari influssi esterni che si manifestano in settori affini allo studio stesso. L'arco alpino, nella sua molteplicità territoriale, culturale, sociale ed economica, rappresenta un campo di osservazione esemplare che fino ad ora non è stato sfruttato in tutte le sue potenzialità a scopo di ricerca. Un gruppo di lavoro all'interno dell'Accademia Europea si prefigge ora proprio questo obiettivo e Gottfried Tappeiner, Professore all'Istituto di Teoria e Politica Economica dell'Università di Innsbruck, spiega come esso potrà essere raggiunto.
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