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Zur Bewässerung im Vinschgau
Eine Suche nach romanischen Spuren in der Tiroler Bewässerungsterminologie
von Julia KuhnIm niederschlagsarmen Vinschgau war und ist Bewässerung in der Landwirtschaft von alters her eine Notwendigkeit, und so sind die dortigen Bewässerungseinrichtungen wie Waale, Tobel, Kandeln, Tschötten, Pitzen etc. in langer Tradition gewachsen und den lokalen Gegebenheiten angepaßt. Trotzdem laufen sie heute Gefahr, von modernen Beregnungsanlagen verdrängt zu werden. Wie bei genauerer Betrachtung der Namen dieser Einrichtungen deutlich wird, handelt es sich nicht um deutsche Appellativa, sondern vielmehr um vordeutsche, romanische Relikte. Bei ihrer Untersuchung wird sprachlich von der Prämisse eines einst geschlossenen rätoromanischen Sprachgürtels zwischen Graubünden und Friaul, in den auch Tirol fällt, ausgegangen.
1. Grundlagen / Voraussetzungen Was war nun die Basis dieses seinerzeit geschlossenen rätoromanischen Sprachgürtels? Das vor dem Deutschen im untersuchten Raum um den Reschen gesprochene Protoladinisch resultiert aus der Eroberung des Gebiets durch die Römer, deren Sprache die eingesessene Bevölkerung - das waren im Vinschgau Venosten - annahm. Im Jahre 16 v. Chr. wurde der Vinschgau innerhalb der Provinz Rätien Teil des Römischen Reiches. Unter den neuen Herren wurde der Straßenbau in Angriff genommen, es entstand die Via Claudia Augusta über den Reschen. Über diesen neuen Verkehrsweg zogen nicht nur römische Händler durchs Land, er führte auch Zuzügler in die Alpentäler: Das waren teilweise aus dem Norden kommende romanische Flüchtlinge, die sich aus der nunmehr von Germanen überschwemmten Ebene, dem heutigen Schwaben und Bayern, zurückzogen, außerdem aber auch germanische, alemannische Siedler.
So entstand in der Provinz Rätien innerhalb des Römischen Reiches eine Vorform des heutigen Rätoromanischen, das bald starken anderssprachigen Einflüssen ausgesetzt wurde. Ab dem 4. Jh. finden sich Alemannen, ab dem 6. Jh. Baiern, im 13. Jh. Walser im Gebiet. Doch ist es den Neuankömmlingen nicht gelungen, das Rätoromanische völlig zurückzudrängen, geschweige denn zu ersetzen. Die Ablösung des Rätoromanischen durch das Deutsche im Gebiet um den Reschen ist ein ganz allmählicher Prozeß, der vielfältigen Einflüssen ausgesetzt ist. So bietet der rätoromanischsprachige Nachbar im Westen, das protestantische Churrätien, einen starken Rückhalt für das Romanentum östlich des Ofenpasses, gegen dessen religiöse und politische Gesinnung sich jedoch bald das mächtige, deutschsprachige, katholische Kloster Marienberg im oberen Vinschgau stark macht.
2. Romanische Relikte Trotz der politischen Wirren lebten Deutsche und Romanen lange Jahre friedlich nebeneinander und es kam zu kulturellem und sprachlichem Austausch. In den Bereichen, die die unmittelbare Umgebung des alpinen, bäuerlichen Bewohners betrafen, somit von stark lokalem Bezug und Interesse und dem germanischen Neuankömmling sachlich und sprachlich unbekannt waren, wurde mit der Sache auch die bodenständige Bezeichnung, ein oft aus dem eingesessenen Romanischen stammendes Wort, übernommen. Dieses konnte sich u. U. als Reliktwort bis zum heutigen Tag erhalten.
2.1.1 Der Waal Die wohl bedeutendste und bekannteste Einrichtung der Vinschgauer Bewässerung ist der Waal. Das Wort ist eine Ableitung aus lat. AQUALIS und lebt bis zum heutigen Tag in Tirol fort. Wirft man einen Blick über die Schweizer Grenze in das romanischsprachige Engadin und ins Münstertal, trifft man auf Formen, wie ual, aual zur Bezeichnung des Bachs, Formen, die ohne Zweifel die Verwandtschaft reflektieren.
Das Wort und seine Herkunft Das Etymon AQUALIS 'Wasserkrug' ist seit dem 4. Jh. auch in der Bedeutung 'Bach, Kanal' belegt. Das Etymon hat im Munde der Sprecher zahlreiche Veränderungen erfahren, ist aber im Gebiet um den Reschen nach wie vor faßbar. So finden sich Formen in den Tiroler Mundarten, im (Räto)Romanischen Graubündens sowie im mittlerweile davon abgetrennten Zentralladinischen.
In Nordtirol ist für Pettnau bei Telfs im Oberinntal das Wort der Qual belegt. Das hier noch erhaltene Qu- im Anlaut zeigt deutlich die Verwandtschaft mit romanisch aquale. Dieses anlautende qu- = kw- ist im sonst im Vinschgau und Oberinntal verbreiteten Wort Waal nur mehr in abgeschwächter Form als w- erhalten. Wie schon angedeutet, lebt das Wort auch im westlich angrenzenden rätoromanischen Graubünden. Typisch ist die Übertragung von aual, das in der Regel 'Bach' bedeutet, auf den 'Bewässerungsgraben' für die Engiadina bassa, für ein Gebiet, in dem, ähnlich dem Vinschgau, früher nahezu jeder Bach für die künstliche Bewässerung genützt wurde.
Der deutschtiroler Waal hat auch im Dolomitenladinischen Entsprechungen. So finden sich hier u.a. für das Gadertal agà und für Gröden aghèl. Im Grödnerischen hat sich das Wort lautlich völlig normal entwickelt, während man im Gadertal, wo das Wort im Unterland einschließlich Enneberg völlig fehlt , eigentlich *aghè statt agà erwarten würde. Diese Unregelmäßigkeit kann durch das Vorhandensein zahlreicher Ortsnamen vom Typ agá bedingt sein, die die normale lautliche Weiterentwicklung von -à zu -è verhindert haben könnten. In Fassa bezeichnet eine Ableitung von èga < AQUA den Bewässerungsgraben: oberfass. egacél, unterfass. agacál, moen. egaciàlch. Am Nonsberg und im Friaul sind mit acàl und gài wiederum AQUALIS - Ableitungen belegt.
Was ist ein Waal und wie wird er geführt? Ein Waal ist ein Bewässerungskanal, der das Wasser meist von einem Bach, in seltenen Fällen von einem See, abzweigt und zu den zu bewässernden Kulturen 'trägt'. Daher auch Tragwaal. Die einfachste Form eines Waals ist ein in die Erde gegrabener Kanal. Da schnell fließendes Wasser hohe erodierende Wirkung hat, hält man das Gefälle in der Regel gering. Wo der Waal trotzdem erosionsgefährdet ist, in steilerer Hanglage oder Kurven, werden Boden und Seitenwände durch Verbauungen befestigt. Zur zusätzlichen Sicherung sind Waale am Hang in der Regel von Dämmen gesäumt. Auf diesen Dämmen können auch sogenannte Waalsteige verlaufen, die den Waal leicht zugänglich machen und so die Instandhaltung einfacher gestalten. Verlaufen Waale auf felsigem Gelände, werden entweder offene Kanäle entlang des Felsens gemeißelt, oder es kann auch ein Tunnel durch den Fels geschlagen werden. Dieser kann klein oder aber auch so groß sein, daß der Waalsteig ebenfalls durch den Tunnel führt. Dies ist der Fall beim Frauwaal bei Prad, beim Tscharser Schnalswaal und beim Verdinser Waal. Am häufigsten allerdings ist eine weitere Möglichkeit der Wasserführung, wenn Felsen zu überwinden sind: Es werden Holzrinnen, sogenannte Kandeln (s.u.), mit Eisenhaken an der Felswand aufgehängt.
Im Normalfall sind Waale oben offen. Sind sie allerdings durch Steinschlag, Muren- oder Lawinenabgänge gefährdet, werden sie durch ein Gewölbe gesichert. Dieses besteht in der Regel aus Steinplatten, die manchmal zusätzlich mit Erdreich abgedeckt sind. In Lawinenstrichen gelegene Leitungen (aus Holz) werden häufig im Winter, in dem sie ohnehin kein Wasser führen, abgebaut und im Frühjahr neu angebracht. Das alljährliche Instandsetzen und Reinigen der Waale im Frühjahr ist das sogenannte Waalauftun. Ein Hindernis für Waale stellen Gräben und Schluchten dar. Sie werden ähnlich den Felswänden mit Holzrinnen, sogenannten Lawaden oder Nueschen (s. u.), überbrückt. In diesem Fall sind die Rinnen aber nicht mit Eisenhaken aufgehängt, sondern von Mauern oder Pfeilern aus Holz, in der Art eines Aquädukts, gestützt.
Woher stammt das Wasser? Wie eingangs schon erwähnt, stammt das Wasser in den seltensten Fällen aus Seen, sondern meist aus Bächen. Dabei wurde die Wasserführung der einzelnen Bäche oft vernachlässigt, und auch dann Wasser abgezweigt, wenn das untere Bachbett in der Folge austrocknete. Von großer Bedeutung war und ist die Qualität des Wassers. Weniger gern wässert der Bauer mit dem oft sandigen Wasser der Gletscherbäche, da dort mitgeführter abgelagerter Sand beim Wässern auf Wiesen und Äcker transportiert wird und die charakteristischen Bichel (kleine, längliche Erhebungen) inmitten der Fluren bildet.
Wo verlaufen Waale? Die meisten verlaufen im unteren Teil der Talflanken. Im oberen Vischgau finden sich noch einige wenige, zum Teil aufgelassene Waale auch entlang der Talsohle. Obergrenzen scheint es keine zu geben, denn wo es noch Höfe und Almen gibt, stößt man auch auf Waale. Sogar im Ödland der Hochgebirge versprach man sich von ihrer Errichtung zusätzliches Wasser. So verlaufen der Tarscher Jochwaal und der Schnalser Klammwaal in einer Höhe von 2500-2700 Metern. Wenig tiefer liegt der Tellawaal im Münstertal. Die Fassung des Breitenspitzwaals in der Texlergruppe liegt nahe bei 3000 Metern. Somit verlaufen Waale im Gebiet um den Reschen in einer Höhe von 300 bis 3000 Metern Seehöhe.
Wie lang sind Waale? Wurzelwaale oder auch Ilzen sind kleine, verästelte Waale, deren Funktion es ist, an die Fluren herangebrachtes Wasser gleichmäßig im Acker oder der Wiese zu verteilen. Diese sind nur wenige Meter lang. Südtirols längster Waal ist der Marlinger Waal bei Meran mit 12 km Länge, wenig kürzer ist der Tscharser Schnalswaal mit 10,8 km Länge. Beide sind noch erhalten und wasserführend.
Welche Funktionen haben Waale? Die Hauptfunktion der Waale liegt in der Bewässerung. (Trag-)Waale tragen das Wasser an die Fluren heran, kleine Waale, die oben erwähnten Wurzelwaale oder Ilzen, sorgen für die gleichmäßige Verteilung in den Feldern. Oft wird das Wasser der Waale, wie bei den sogenannten Mühlkandeln, zum Betreiben von Mühlen oder Sägen genützt. Auf Weiden und Almen wird das Vieh mit ihrem Wasser getränkt. Das Wasser eines Waals kann zur Ausbringung von Stallmist dienen. Ein Waal kann Löschwasser bringen und konnte früher ein Dorf mit Trinkwasser versorgen. So erhielt Laatsch im Vinschgau noch 1935 sein Trinkwasser aus zwei Waalen, die von der jungen Etsch abgezweigt wurden. Wie mir mündlich mitgeteilt wurde, gab es aus diesem Grunde genaueste Bestimmungen darüber, ab wo unterhalb des Dorfes das Wasser der Waale als Nutzwasser, wie zum Wäschewaschen etc., verwendet werden durfte.
2.1.2 Leitungen aus Holz Wie schon oben erwähnt, muß das Wasser nicht selten über unwegsames Gelände hinweg zu den zu bewässernden Fluren geführt werden. An Felsen entlang oder über Schluchten hinweg können keine Waale gegraben werden, und so müssen hier Holzleitungen angebracht werden. Dies ist nicht selten eine extrem schwierige Aufgabe. In den Felswänden werden die Holzleitungen mit Eisenhaken verankert, deren Anbringung riskant ist. Für die Leitungen sind zwei Bauweisen üblich: sie können entweder aus einem Baumstamm (meist Lärchen) ausgehackt oder aus einzelnen Brettern zusammengesetzt sein. Zur ihrer Bezeichnung gibt es verschiedene Termini, so Kandel, Fuhre, Lawad, Wiere, Rinne und Nuosch. An zwei dieser Bezeichnungen, Kandel und Lawad, leben, wie schon oben am Beispiel des Waals gezeigt, Spuren der vordeutschen, romanischen Sprachschicht fort.
2.1.2.1 Kandel Kandel ist auf lat. CANALE m. + f. zurückzuführen. Für das Deutsche findet sich althochdeutsch chánali, mittelhochdeutsch kanel, neudeutsch einerseits der mit größerem Bedeutungsumfang versehene hochsprachliche Kanál und andererseits der semantisch auf die ‘Rinne aus Holz zu Zwecken der Bewässerung’ eingeschränkte, dialektale Kándl. Die unterschiedliche Betonung auf erster Silbe beim dialektalen Wort und auf Endsilbe beim hochsprachlichen Wort zeugen vom unterschiedlichen Zeitpunkt der Übernahme des Wortes aus dem Romanischen (in dem generell die Endsilbe betont wird) ins Germanische (in dem seit ca. 1000 n. Chr. die erste Silbe betont wird). Kándl, das den Akzentsprung mitgemacht hat, muß also vor dem Übergang zur Erstsilbenbetonung ins Deutsche gekommen sein, Kanál erst danach. Analog zu den Vinschgauer Formen existieren im westlich angrenzenden Graubünden die rätoromanischen Formen chanal, chanel f. (im Engadin), canal f. (in der Surselva). So sind westlich und östlich des Reschen Reliktwörter aus lat. CANALIS in der Bedeutung 'Rinne aus Holz, zum Zwecke der Bewässerung' faßbar. Ableitungen vom Etymon CANALIS leben auch weiter östlich, in den ladinischen Tälern der Dolomiten und am Nonsberg fort, bezeichnen dort aber nicht explizit die 'Holzrinnen zur Bewässerung', sondern sind semantisch weiter gefaßt. Diese Tatsache rührt wohl auch von dem Umstand her, daß in diesen weiter östlich gelegenen Gebieten durch die dortigen Niederschlagswerte die Bewässerung nicht die zentrale Rolle spielt wie im niederschlagsarmen Gebiet um den Reschen.
2.1.2.2 Lawad Ein anderes Wort vordeutschen, romanischen Ursprungs zur Bezeichnung einer Holzrinne zu Bewässerungszwecken ist die Lawad. Als Etymon setze ich die feminine Form des Partizips: LEVATA, zu LEVARE 'heben' an. Die Lawad ist somit 'die Gehobene'. Im deutschsprachigen Tirol ist Lawad bereits 1713 für Taufers als „runst oder lafath“ belegt und noch heute im Vinschgau in der Form Lawad gebraucht. Auch im angrenzenden, romanischsprachigen Gebiet westlich des Reschen ist das Wort heute noch lebendig, so ist [lavá:da] als 'Wassergraben, Gerinne aus Brettern' in der Val Müstair gebräuchlich.
3. Schluß Die hier dargestellten Einrichtungen zur künstlichen Bewässerung sind nur ein kleiner Bereich eines heute noch im Einsatz befindlichen, traditionsreichen Bewässerungssystems im niederschlagsarmen Gebiet um den Reschen und den angrenzenden Tälern, dessen Alter und Kontinuität an den Bezeichnungen seiner Einrichtungen, die zu einem guten Teil vordeutschen Ursprungs sind, deutlich wird. Da aber leider dieses jahrhundertealte Bewässerungssystem zunehmend durch moderne Beregnungsanlagen ersetzt wird, werden mit den altbewährten Einrichtungen wohl auch traditionsreichen Namen bald in Vergessenheit geraten.
Mag. Julia Kuhn, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich „Sprache und Recht“ an der Europäischen Akademie Bozen
Vaste parti delle odierne Austria, Svizzera e Germania furono colonizzate dai Romani e denominate 'Noricum' e 'Raetien'. Soltanto a partire dal VI sec., con l'invasione dei popoli nordici, bavaresi e alemanni, si impose sempre di più la lingua germanica, limitando l'uso degli idiomi romanzi. Gli attrezzi e gli oggetti che i nuovi invasori non conoscevano mantennero però la denominazione romanza, che in alcuni casi si è tramandata fino ai giorni nostri. Un esempio è la secolare terminologia del sistema d'irrigazione dell'alta valle Venosta in Alto Adige e dell'alta valle dell'Inn nel Tirolo del nord. Nel suo contributo l'autrice illustra le tracce delle lingue romanze ricorrendo ad un esempio in particolare: il termine Waal, che denota un tipico canale d'irrigazione di quelle valli.
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