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Inseln für den Naturschutz

Großflächige Schutzgebiete im Alpenraum

von Mario F. Broggi, Rudolf Staub und Flavio V. Ruffini

Mit den großflächigen Schutzgebieten des Alpenraums beschäftigte sich eine Studie, welche im Bereich „Alpine Umwelt” unter der wissenschaftlichen Leitung des Beirat-Mitglieds Dr. Mario Broggi, Direktor des Forschungszentrums für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf (CH), ausgearbeitet wurde. Die Studie wird noch im Herbst in Buchform im Blackwell-Wissenschaftsverlag erscheinen.
Ausgangssituation

Auch im Alpenraum hat die Anzahl an großflächigen, zusammenhängenden, ungestörten und unzerschnittenen Gebieten in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen. Die Gründe hierfür liegen im verstärkten Druck auf Natur- und Landschaftsräume durch unterschiedliche Formen der menschlichen Tätigkeiten (Freizeit, Verkehr, Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Siedlung usw.). Gerade vor diesem Hintergrund kommt den großflächigen Schutzgebieten als Instrumente des Naturschutzes und der Raumordnung eine besondere Bedeutung zu.
Ausgangspunkt für die Ausarbeitung der Studie war die Annahme, daß großflächige Schutzgebiete hauptsächlich in Gebieten eingerichtet werden, in denen wenige Konflikte mit anderen Raumnutzungen (Freizeit, Tourismus, Landwirtschaft usw.) zu erwarten sind. Bezogen auf den Alpenraum und den Nutzungspotentialen dieser Landschaftsräume würde dies bedeuten, daß solche Naturschutzvorrangflächen bevorzugt im Hochgebirge anzutreffen sein müßten. Bei der Bearbeitung dieser zentralen Hypothese wurden u.a. auch die räumliche Verteilung der ausgewiesenen Schutzgebiete und die Palette der geschützten Landschafts- und Lebensraumtypen eingehender untersucht. Abschließend wurde noch ein Anforde-rungsprofil für die zukünftige Ausweisung von Schutzgebieten und notwendige Strategien zur Beseitigung der aktuellen Defizite ausgearbeitet.

Welche Schutzgebiete wurden untersucht?

Die unterschiedlichen politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen, die große Variation an Naturräumen, die unterschiedlichen Formen an Nutzungskonflikten, die soziokulturellen und gesellschaftlichen Eigenheiten des direkten Umfeldes bedingen, daß in den einzelnen Alpenregionen jeweils eigene Anforderungen gegenüber großflä-chigen Schutzgebieten herrschen. Die Alpen-staaten versuchten diesen Anforderungen mit Hilfe einer eigenen Palette an Schutzkatego-rien und dazugehörenden Schutzinhalten gerecht zu werden. Dadurch wird auch erklärbar, daß Schutzgebiete mit gleichlautender Bezeichnung in den verschiedenen Alpenstaaten oft unterschie-dlichen Zielsetzungen entsprechen. Selbst in ein und demselben Staat werden auf regionaler Ebene mit derselben Bezeichnung verschiedene Dinge verstanden. So entspricht das Verständnis für die Funktionen eines Naturparks in der Region Lombardei nicht denen der Südtiroler Nomenklatur.
Deutliche Unterschiede lassen sich auch zwischen den Generationen von Schutzgebieten erkennen. So weisen Schutzgebiete älteren Datums oftmals eine andere Ausrichtung auf als ihre jüngeren Nachfolger.
Für das Schaffen eines transparenten und nachvollziehbaren Rasters zur Auslese der zu untersuchenden Schutzgebiete kam man deshalb überein, nur jene Gebiete zu erfassen, in denen der Erhalt der natürlichen Ökosysteme und der dort vorkommenden Arten im Vordergrund der Schutzbemühungen steht und in denen zumindest die rechtlichen Rahmenbedingungen für das Erreichen dieser Zielsetzungen gegeben sind. In Betracht genommen wurde dabei jene Alpenfläche, wie sie durch die Alpenkonvention definiert wurde.

Die Bedeutung der Großflächigkeit

„Großflächig” kann im Naturschutz über verschiedene Ansätze definiert werden. Innerhalb des Artenschutzes ist „Großflächigkeit” an die Lebensraumansprüche der betrachteten Tierart gebunden und kann demnach stark varieren. So besitzt beispielsweise eine Waldspitzmaus mit einer Lebensraumgröße von ungefähr 4 ha im Vergleich zum Luchs einen sehr geringen Flächenanspruch. Der Luchs durchstreift auf seinen Wanderungen regelmäßig Gebiete in der Größenordnung von 10.000–45.000 ha. Der König der Lüfte, der Steinadler wiederum gibt sich hierzu vergleichsweise bescheiden, überfliegt er doch ein Territorium von nur 2.000-10.000 ha. In der Regel gilt, daß kleinere Tiere einen geringeren Raumbedarf aufweisen.
Mit der Größe eines Lebensraumes steigen darüber hinaus die in ihm vorkommenden Arten- und Individuenzahlen. Kleine Gebiete weisen bestimmte Nachteile auf, wie geringeres genetisches Potential (Inzucht), größere Aussterbewahrscheinlichkeit und geringeres Pufferpotential gegenüber Einwirkungen aus der Umgebung (Randeffekte). Großflächige Gebiete wiederum sind gegenüber Störungen unempfindlicher und bieten auch eine bessere Voraussetzung für den Ablauf natürlicher dynamischer Prozesse (Sukzession, Felsstürze, Lawinen, Muren, usw.). Insgesamt entscheidend sind somit die Ansprüche des zu schützenden Lebensraumes und seiner Lebensgemeinschaften.
„Großflächigkeit” ist letztlich auch in Zusammenhang mit der natürlichen Verbreitung des betroffenen Lebensraums zu sehen. So sind in unseren Breitengraden 500 ha für ein Moorgebiet eine stattliche Größe, während dieselbe Fläche für einen Gebirgswald keine außergewöhnliche Dimension darstellt.
Aus Gründen der Umsetzbarkeit wurde bei der Durchführung der Studie auf eine lebensraumabhängige Definition der Flächengröße verzichtet. Vielmehr wurde in einem pragmatischen Ansatz auf die gutachterlich durch die IUCN (International Union for Nature Conservation) definierte notwendige Mindestgröße für die Aufnahme in die UN Liste der geschützten Gebiete von 1.000 ha zurückgegriffen.

Ergebnisse der Studie

Im betrachteten Alpengebiet gibt es derzeit insgesamt 115 Schutzgebiete mit einer Größe von min. 1.000 ha. Dadurch sind im Alpenraum an die 24.150 km2 – dies entspricht rund 12,6 % – durch solche Schutzgebiete geschützt. Die Anzahl der Schutzgebiete setzt sich aus 13 Nationalparks, 68 Naturschutzgebiete und 34 Regionalparks (italienischer und französischer Diktion) zusammen.
Europa besaß 1994 1.007 Schutzgebete der IUCN Kategorie I, II und IV (siehe Tab. 1), welche 3,7 % der Fläche des europäischen Kontinents einnahmen. Im Vergleich mit anderen europäischen Großregionen ist im Alpenraum somit ein großer Flächenanteil dem Naturvorrang vorbehalten. Die Gründe hierfür dürften einerseits in den vergleichsweise geringeren Konflikten mit anderen Raumnutzungen und andererseits auch in der außergewöhnlich hochwertigen naturräumlichen Ausstattung der Alpen liegen.
Der großflächige Gebietsschutz im italienischen und französischen Alpenraum erfolgt zu einem erheblichen Anteil durch Naturparks, welche der Verwaltungskompetenz der Regionen bzw. Departements unterstellt sind. Auffallend ist, daß auf der Alpennordseite hierzu kein wirklich vergleichbares Pendant zu finden ist. In Österreich, der Schweiz und Deutschland finden sich hingegen eine größere Anzahl von Naturschutzgebieten. Ein nicht unwesentlicher Teil davon weist Flächengrößen von über 1.000 ha auf.
Heterogen ist auch die Verteilung der Schutzgebietsgrößen. So sind in Deutschland und der Schweiz mehr als die Hälfte der untersuchten Schutzgebiete kleiner als 5.000 ha, während beispielsweise in Frankreich und Italien der Großteil darüber liegt.
Bei einer näheren Betrachtung der Schutzgebiete fällt außerdem auf, daß insbesondere Höhenlagen zwischen 1.000 und 2.500 m.ü.M. vertreten sind. Betroffen sind dadurch überwiegend alpine und nivale Vegetationsstufen. Weiters sticht das Fehlen der Tieflagen ins Auge. Eklatante Defizite bestehen somit im Laub- und Mischwaldbereich. Gleichermaßen fällt auf, daß sich die strengen Schutzkategorien (Naturschutzgebiete und Nationalparks) vor allem auf die Hochlagen konzentrieren. In den Tieflagen finden sich dagegen hauptsächlich Schutzkategorien (Bsp. Landschaftsschutzgebiete), welche neben den Schutzaufgaben auch andere Zielsetzungen in den Vordergrund stellen. Als Faustregel für den Alpenraum kann demnach festgehalten werden: Je strenger die zugewiesene Schutzgebietskategorie ist, desto höher ist das Schutzgebiet gelegen.

Ausblicke

Die in der Studie aufgezeigten Defizite gilt es im Rahmen der Umsetzung einer alpenüber-greifenden Strategie (Alpenkonvention, Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie) und bei der Neuausweisung von Schutzgebieten bzw. der Neustrukturierung und Aufwertung bestehender Schutzgebiete zu begegnen. Neu ausgewiesene oder strukturierte großflächige Schutzgebiete im Alpenraum sollten demnach folgende Charakteristiken aufweisen:

  • Flächengröße: Die Ausdehnung ist so zu wählen, daß natürliche Prozesse genügend Spielraum finden;
  • Totalreservate: In großflächigen Schutzgebieten sollen auch Zonen ohne jeglicher Nutzung ihren Platz finden;
  • Integration in ein alpenweites bzw. europäisches Netz: Schutzgebiete sind verstärkt in ihrer überregionalen Relevanz für den Naturschutz zu sehen (Trittsteinbiotope, Repräsentanz der Lebensräume des Alpenraums, Rückzugsraum seltener Arten usw.);
  • bevorzugter Schutz für Defizitbereiche: Vor allem in neu auszuweisenden Schutzgebieten ist darauf Rücksicht zu nehmen, daß nicht nur Hochlagenbereiche, sondern auch Tal- oder Hangfußlagen vertreten sind;
  • Umsetzung und Management: Durch geeignete gesetzliche Rahmenbedingungen und einer entsprechenden budgetären Ausstattung ist dafür Sorge zu tragen, daß die Umsetzung der Schutzinhalte entsprechend den Zielsetzungen erfolgen kann;
  • Integration in die Raumentwicklung: Großflächige Schutzgebiete sind nicht mehr allein als Inseln des Glücks für den Naturschutz zu sehen, sondern verstärkt als wichtiger Faktor in die gesamte Raum- und Regionalentwicklung zu integrieren.

Großflächige Schutzgebiete in Südtirol

In Südtirol sind derzeit acht großflächige Schutzgebiete (siehe Tab. 2) eingerichtet, deren hauptsächliche Zielsetzung der Schutz des Naturraumes ist. Zu diesen Schutzgebieten sind noch 168 Biotope und 94 unter Landschaftsschutz stehende Gebiete zu zählen. Ein weiterer Naturpark, nämlich die Sarntaler Alpen, befindet sich derzeit noch in einem Planungsstadium.
Diese großflächigen Schutzgebiete geben zwar ein Abbild aller Höhenstufen, doch ist auch in Südtirol eine sehr hohe Vertretung der Lagen über 2.000 m erkennbar. Defizite herrschen demnach im montanen Nadel-waldgürtel, im Misch- und Laubwaldbereich, und vor allem in den Tallandschaften. Diese sind aber wegen der dort vorzufindenden hohen Nutzungsintensitäten für den großflächigen Gebietsschutz kaum geeignet.

Eine Sonderrolle nimmt der Nationalpark Stilfserjoch ein. So konnte erst 1995 das bereits in der Durchführungsverordnung aus dem Jahr 1974 vorgesehene Verwaltungs-konsortium eingerichtet werden. Nach einem vielversprechenden Auftakt (Einrichtung des Außenamtes in Glurns, erfolgreicher Arbeit in den verschiedenen Gremien, Konvention über Aufsicht im Park mit der Forstbehörde) kam es gegen Mitte dieses Jahres zum Rücktritt des Präsidenten. Weiterhin ungelöst sind die Probleme der Neuabgrenzung, der Ausweisung von Zonen unterschiedlichen Schutzniveaus, der Wildregulierung, der Ausarbeitung eines Forschungsprogramms für den Park sowie auch eine verbesserte Integration des Parks in die gesamte Regionalentwicklung. Nichtsdestotrotz ist seit der stärkeren Einbindung von Vertretern der lokalen Bevölkerung ein deutlicher Anstieg der Akzeptanz gegenüber dem Park spürbar.

Im Vergleich zu Naturparks in anderen Regionen oder im benachbarten Ausland, unterscheidet sich das Südtiroler Naturparkkonzept durch das bewußte Ausklammern von Dauersiedlungen und intensiv genutzte Wirtschaftsflächen, durch das Verbot jeglicher Bautätigkeit (außer in Zusammenhang mit erlaubter land- und forstwirtschaftlicher Tätigkeit), den Beibehalt der traditionellen
land-, alm- und forstwirtschaftlichen Nutzung sowie deren Anpassung an die Zielsetzungen des Natur- und Landschaftsschutzes.
Auch für die Südtiroler Naturparke wird es künftig notwendig sein, sich über Verwaltungsaufgaben hinaus zunehmend mit Entwicklungsplänen zu befassen, um den vielfältigen neuen Anforderungen (dynamischer Naturschutz, Vermarktung, Forschung, Regionalentwicklung usw.) gerecht werden zu können. Hierzu ist zunächst eine Evaluie-rung der Schutzinhalte und der Zielerfüllung notwendig. Dadurch werden Anhaltspunkte geliefert, inwieweit die bestehenden Schutzbestimmungen ausreichen, um die naturräumliche Qualität in den Parks zu erhalten.
Solche Pläne haben jedoch auch die Aufgabe, die Parks als Entwicklungsfaktoren für die Regionalentwicklung nutzbar zu machen. Durch eine entsprechende Analyse des Umfeldes sollte versucht werden, die Parks mit ihren besonderen Attributen in die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der umliegenden Gemeinden besser zu integrieren. Marketing für die Parks, Bildungsurlaub, Fortbildungszentren für Lehrer, Biologen, Studenten, Erlebnistourismus, naturräum-liche Trekkingtouren u.a.m. wären einige Schlagwörter hierzu.

Mario F. Broggi, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Europäischen Akademie Bozen und Direktor des Forschungszentrums für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf (CH),
Rudolf Staub, freiberuflicher Biologe und Planer, RENAT AG, Achaan Liechtenstein,
Flavio V. Ruffini, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich „Alpine Umwelt” an der Europä-ischen Akademie Bozen

Die Ergebnisse der Studie werden im folgenden Buch veröffentlicht:
Europäische Akademie Bozen-Fachbereich „Alpine Umwelt“ (1998): Großflächige Schutzgebiete im Alpenraum. Daten – Fakten- Hintergründe. Autoren: Broggi M.F., Staub R., Ruffini F.V.. Blackwell Wissen-schaftsverlag, Berlin-Wien (im Druck).

Abstract:
Le grandi aree protette

Le Alpi sono un ambiente naturale estremamente vario: si passa dai ghiacciai ai querceti sub-mediterranei attraverso una molteplicità di paesaggi naturali e culturali. Questa molteplicità si riflette anche in un'enorme ricchezza di specie animali e vegetali, che è nostro compito preservare per le generazioni future. Per questo scopo assumono fondamentale importanza le zone protette.
Nello studio presentato, la politica delle zone protette dei diversi Paesi dell'arco alpino e le grandi aree protette attualmente esistenti vengono sottoposte ad un'analisi dettagliata. Un confronto sistematico del potenziale naturale con il patrimonio ambientale nelle aree protette mostra i punti di debolezza delle attuali politiche di protezione della natura. Vengono quindi presentati suggerimenti ed indicazioni per la futura organizzazione delle aree protette. Questa prima panoramica della situazione nell'arco alpino costituirà un irrinunciabile strumento per la futura pianificazione nelle aree protette.


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