Terminologie ohne Grenzen
von Felix Mayer, Francesca Maganzi
d'Angiò und Bruno Ciola
Im Rahmen des Interreg-II-Programms arbeitet die Arbeitsgruppe Terminologie der Europäischen Akademie Bozen zusammen mit Projektpartnern an der Universität Innsbruck Terminologie-Glossare aus, um die zwischen Nord- und Südtirol bestehenden Verständigungsprobleme im wirtschaftlichen und rechtlich-administrativen Bereich zu reduzieren. Ziel ist es, Unternehmern in KMUs, Verwaltungsfachleuten in halbstaatlichen Organisationen und Behörden sowie Juristen und Sprachmittlern eine einfachere und effizientere grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu ermöglichen.
Verwaltungstechnische, juristische und wirtschaftliche Texte (Erlasse, Urteile, Satzungen usw.) weisen von Sprache zu Sprache bzw. Rechtsordnung zu Rechtsordnung inhaltliche und sprachliche Unterschiede auf. Diese Unterschiede behindern, wenn sie nicht erkannt werden, die Kommunikation zwischen Partnern verschiedener Länder und erschweren so die Zusammenarbeit. Dies gilt in besonderer Weise für benachbarte Regionen wie Nord- und Südtirol, die zwar auf gemeinsame Traditionen zurückblicken, aber unterschiedlichen Rechtsordnungen angehören.
Eine besondere Schwierigkeit stellt die Fachterminologie dar, was sich an einem Beispiel aus dem Gesellschaftsrecht gut darstellen läßt. So ist die in Südtirol gebräuchliche Bezeichnung Gesellschafterversammlung (assemblea sociale), die das wichtigste Beschlußorgan bei Aktiengesellschaften, Gesellschaften mit beschränkter Haftung und Genossenschaften darstellt, für einen Nordtiroler nicht ohne weiteres verständlich. Funktionale Entsprechungen im österreichischen Gesellschaftsrecht stellen nämlich die Gesellschafter- oder Generalversammlung bei Gesellschaften mit beschränkter Haftung, Hauptversammlung bei Aktiengesellschaften sowie Generalversammlung bei Gesellschaften mit beschränkter Haftung und Genossenschaften dar. In Deutschland und der Schweiz verhält es sich übrigens nochmals anders
1.
Aus methodischer Sicht müssen also zunächst systematische, vergleichende Untersuchungen im Hinblick auf die Terminologie durchgeführt werden. Diese betreffen einerseits die beteiligten Rechtsordnungen - italienisches Recht vs. österreichisches Recht - und andererseits das Sprachenpaar Italienisch-Deutsch mit den verschiedenen Varianten im Deutschen, nämlich Südtiroler Deutsch vs. österreichisches Deutsch. Die Untersuchungen, die jeweils in relativ klein abgegrenzten Fachgebieten durchgeführt werden, führen zur terminologischen Beschreibung der relevanten Begriffe (auch Institute genannt). In enger Zusammenarbeit mit den Projektpartnern sind diese Untersuchungen derart angelegt, daß der Nordtiroler Partner von der österreichischen Rechtsordnung und die Terminologiegruppe in Bozen von der italienischen Rechtsordnung ausgeht. In den gemeinsamen Projektsitzungen werden dann die Ergebnisse zusammengeführt.
Nach der terminologischen Beschreibung wird die erarbeitete Terminologie zielgruppenspezifisch aufbereitet: So sollen Glossare hergestellt werden, deren Inhalt und Informationsumfang sowie deren Zugänglichkeits- bzw. Produktionsform (Papierglossar, CD-ROM, WWW-Zugriff usw.) zielgruppengerecht ist. Als Zielgruppen kommen in Frage: Führungskräfte und Mitarbeiter in KMU, Unternehmensberater, Entscheidungsträger und Sachbearbeiter im Rechtswesen und in der Verwaltung usw. Um die Glossare möglichst praxisnahe zu gestalten, werden sie durch zweisprachige Sammlungen einschlägiger Gebrauchstexte in den ausgewählten Bereichen ergänzt. Darüber hinaus sollen zielgruppenspezifische Fortbildungsveranstaltungen konzipiert werden, um fachsprachlich bedingte Kommunikationsprobleme in den Griff zu bekommen.
Als vordringliche Arbeitsgebiete wurden für das erste Jahr Gesellschaftsrecht (Kapitalgesellschaften, Personengesellschaften, Genossenschaftswesen) und Schuldrecht ausgewählt. In den beiden kommenden Projektjahren soll das Arbeitsrecht (Gewerkschaftsrecht, Arbeitsverhältnis, Arbeitsmarkt) und Sozialrecht behandelt werden. Die genauen Arbeitsgebiete werden insbesondere von den Ergebnissen einer Umfrage abhängen, die z.Zt. bei Sprachmittlern, Verwaltungs- und Wirtschaftsfachleuten sowie Juristen in Italien und Österreich durchgeführt wird. Dabei wird u.a. erhoben, in welchen Bereichen ein besonders dringlicher Bedarf besteht und welche Informationen ihn decken können.
2 Neben der konkreten Terminologie und den sog. Gebrauchstexten sollen im Rahmen des Projekts auch Problemlösungsstrategien erarbeitet werden, die Einsichten in die verschiedenen Denk- und Argumentationsstrukturen der beiden Nachbarländer vermitteln.
Das von der Europäischen Union im Rahmen des Interreg II-Programms geförderte Projekt erlaubt dem Bereich „Sprache und Recht", die Arbeiten im Bereich Terminologie verstärkt zu betreiben und die für Süd- und Nordtirol wirtschaftlich relevanten Bereiche terminologisch auszuwerten. Damit wird nicht zuletzt ein weiterer Beitrag zur Sicherung der Autonomie in sprachlicher Hinsicht geleistet.
Dr. Felix Mayer, Dr. Francesca Maganzi d'Angiò, Dr. Bruno Ciola, wissenschaftliche Mitarbeiter im Bereich „Sprache und Recht" , Sektion „Terminologie", an der Europäischen Akademie Bozen
Fußnoten:
1 Dort spricht man zwar von Gesellschafterversammlung, doch wird dieser Terminus lediglich im Zusammenhang mit der GmbH gebraucht. In den anderen Fällen handelt es sich um die Generalversammlung – in der Schweiz bei Aktiengesellschaften und Genossenschaften, in Deutschland nur bei Genossenschaften - oder um die Hauptversammlung, die es in Deutschland lediglich bei Aktiengesellschaften gibt.
2 An der Umfrage Interessierten senden wir gerne einen Fragebogen zu.
Abstract:
Terminologia senza confini
Nell'ambito del progetto Interreg-II, il gruppo di ricerca terminologica dell'area "Lingua e diritto", in collaborazione con l'Università di Innsbruck, si occupa della classifi-cazione e dello studio della terminologia giuridica, amministrativa ed economica in uso in Alto Adige, al fine di confrontarla con i patrimoni terminologici tipici degli ordinamenti giuridici tedescofoni (austriaco, tedesco federale e svizzero). I risultati di tale ricerca saranno pubblicati in forma di glossari che, per il primo anno, riguarderanno il diritto societario e la disciplina contrattuale e contribuiranno, speriamo, a facilitare la cooperazione transfrontaliera tra gli operatori dei settori oggetto d'indagine.