Lernen in digitalen Netzwerken
von Heidi Niedermair
Die Beschleunigungsgesellschaft trifft sich von nun an im Internet zum Plausch und zum lebenslangen Lernen. Die neuen Medien sind auf dem Vormarsch und werden in Zukunft die Möglichkeiten im Weiterbildungsbereich entscheidend erweitern, ergänzen und verändern.
Vom 11. bis 14. November'98 fand der 4. Internationale Kongreß der Erwachsenenbildung unter dem Motto "Le@rn Net - Bildung im Netz" in Meran statt. Im Lauf des dreitägigen Kongresses wurden in Vorträgen, Workshops und Seminaren die Chancen, aber auch die Risiken der neuen Medien in allen Bereichen der Fort- und Weiterbildung aufgezeigt. Gleichzeitig wurde ein "Multimediales Dorf" aufgebaut, um den Besuchern praktische Einblicke in die zukünftige von den neuen Medien mitbestimmte Welt zu geben. Die Europäische Akademie präsentierte in diesem Rahmen das Wissenschaftsnetz Südtirols.
Der zunehmende technologische Fortschritt fordert hohen Tribut. Sich Fachwissen "auf Vorrat" anzueignen ist bereits heute obsolet, denn das gelernte Wissen verliert zu schnell an Gültigkeit. Das Wissen, das sich ein Student in den ersten Jahren des Studiums erarbeitet, ist bereits am Ende des Studiums zum Teil nicht mehr aktuell. So z.B. beträgt die Halbwertzeit des Fachwissens in den Sozialwissenschaften ungefähr 7 bis 8 Jahre.
Das Fenster zum globalen Dorf öffnet sich per Computer und Datenleitung.
Dies bedeutet, daß die einzige Chance darin besteht, sich kontinuierlich fortzubilden und sich auf das sogenannte "lebenslange Lernen" vorzubereiten. Das Fachwissen muß somit in kurzer Zeit auf kostengünstigem Weg aufgefrischt und erweitert werden. Die neuen Kommunikationsmöglichkeiten bieten dafür eine interessante und attraktive Lösung. In nächster Zukunft werden nicht mehr Personen zu den meist überfüllten Lehrveranstaltungen transportiert, sondern die Informationen zu den Studierenden. Die neuen Medien faszinieren durch die einwandfreie Übertragung von Daten, Bilder und Ton. Die physischen Distanzen schrumpfen auf Null. Viele Studenten sitzen schon jetzt daheim und holen sich den Unterrichtsstoff einfach vom Bildschirm. Texte, Graphiken, Fotos, Filme, alles kann über das Internet abgerufen werden.
Erde All und zurück - eine ganz normale Vorlesung!
Heim-Studenten können am PC auch gemeinsam lernen. Die Vernetzung ermöglicht Gruppen- und Seminararbeit, den Zugang zur digitalisierten Bibliothek, zur Administration der Universität wie zu Informations- und Beratungssystemen. Weiters ermöglicht die Videokommunikation nicht nur die Übertragung von Unterlagen in Echtzeit, sondern die effektive Interaktion zwischen entfernten Personen. Auch das sogenannte "Documentsharing" wird in Zukunft möglich sein. Das heißt ein Dokument kann gleichzeitig von zwei Personen, die an örtlich getrennten Schreibtischen sitzen, bearbeitet werden. Mit einer Videokamera ausgestattet kann man seinen Gesprächspartner auch sehen und telefonisch kommunizieren.
Medienkompetenz ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für netzwerkorientiertes Lernen.
Um herauszufinden, wie die Studenten mit dieser neuen Lernsituation zurecht kommen, wurde eine Studentenbefragung an der Fernuniversität Hagen durchgeführt. Die Auswertung hat ergeben, daß die Studenten eine umfangreiche Einführung in die verwendeten Medien als die wichtigste Voraussetzung sehen, um den Einstieg leicht zu schaffen. Darüber hinaus begrüßen die Studenten die räumliche und zeitliche Unabhängigkeit der Vorlesungen, empfinden aber die Lernatmosphäre als sehr künstlich, sachlich und nüchtern.
Distance Learning - Lernen auf oder mit Distanz?
"Auch wenn virtuelle UniCafeterias eingerichtet werden, um den Studenten die Gelegenheit zu geben sich zum gemütlichen Gespräch zu treffen so fehlt trotzdem die unmittelbare Nähe des Gegenübers" berichtet ein Student. Der typische Online-Student ist männlich und zwischen 30 und 40 Jahren. Ein Hauptaugenmerk wird in Zukunft auf der Art und Weise, wie eine Vorlesung abgehalten wird, liegen. Die Vorlesung sollte abwechslungsreich, interessant und interaktiv gestaltet werden. Die Fernuniversität Hagen hat bereits Erfahrung gesammelt und den idealen Ablauf festgelegt. Zu Beginn wird ein Video zum Thema gezeigt. Im Anschluß daran referiert der Dozent mit Overheadfolien, und die Studenten tauschen in Kleingruppen unter der Leitung des Fachtutors ihre Meinungen aus. Die interaktive Vorlesung endet schließlich in einer Diskussion mit den gesamten Teilnehmern und den Dozenten. Wesentlich bei diesem Ablauf ist die professionelle und kompetente Betreuung der Studenten durch sogenannte "TeleNetCoach".
Das digitale Nirwana
Die Euphorie an den neuen Medien wurde am Ende des Kongresses vom Referenten, Bernd Guggenberger, gebremst. Als Philosoph und Professor für Politikwissenschaften an der Freien Universität in Berlin setzt er sich kritisch mit den neuen Medien auseinander, von denen er behauptet, daß sie in eine Sackgasse führen. Er vertritt den Standpunkt, daß die Informationsflut im Internet zu einer Inflation von Information und infolgedessen zu einer Entwertung der Information führt. Denn wie die alte Wirtschaftstheorie bereits besagt, ist nur ein knappes Gut ein wertvolles Gut. Ein weiterer Kritikpunkt am Internet ist, daß der Zeitaufwand für die Suche gewisser Information wesentlich größer ist als die effektive Zeit, die benötigt wird, um sich das Wissen anzueignen.
Anstatt an besseren Suchmaschinen zu arbeiten, wird versucht die Übertragungsgeschwindigkeit der Daten zu erhöhen. In absehbarer Zeit soll das Datennetz nicht mehr nur in der Lage sein, ein 400 Seiten Buch pro Sekunde zu verschicken, sondern 30 Bände der Enzyklopädie sollen im Sekundentakt übertragen werden können. Bleibt die Frage offen, was mit dem Über-angebot an Information geschehen soll?
Detaillierte Informationen zu diesem Kongreß werden in Form einer CD-ROM ab April 1999 beim Amt für Weiterbildung erhältlich sein.
B. Sc. Heidi Niedermair, Öffentlichkeitsarbeit Europäische Akademie Bozen