Immersion made in Finnland
Interview mit Christer und Ulla Laurén
Christer Laurén, Professor für Skandinavistik an der finnischen Universität Vaasa (in der Stadt Vaasa/Vasa*) und seine Frau Ulla Laurén, ebenfalls Dozentin an der Universität Vaasa, haben ihre Forschungsarbeit auf den Gebieten Mehrsprachigkeit, Terminologie, Fachsprachen und Immersion für ein Jahr an die Europäische Akademie Bozen verlegt. In Finnland zählen Christer und Ulla Laurén zu der Minderheit der "Finnlandschweden", wie sie sich selbst nennen. Im folgenden Interview sprechen sie über eine Minderheit, die strenggenommen keine ist, über die Sprachregelung und Verwaltung in einem zweisprachigen Staat und über ein von ihnen erstmals in Vaasa eingeführtes Immersionsmodell, das in Finnland "Schule macht".
Wie groß ist der Anteil der Finnlandschweden an der finnischen Bevölkerung und wo lebt diese Minderheit?
Christer Laurén: Finnland hat rund 5 Millionen Einwohner. Von diesen sprechen ca. 6% Schwedisch als Muttersprache. Die "Finnlandschweden" leben fast ausschließlich in drei Siedlungsgebieten in West-Finnland (rund um die Stadt Vasa), Süd-Finnland (rund um die Hauptstadt Helsinki/Helsingfors), Südwest-Finnland (rund um Turku/Åbo) sowie auf den sprachlich autonomen schwedischsprachigen Åland-Inseln. Juristisch gesehen handelt es sich bei dem schwedischsprachigen Bevölkerungsteil jedoch nicht um eine Minderheit, da gemäß finnischer Verfassung Finnisch und Schwedisch gleichermaßen Nationalsprachen und damit auch Amtssprachen sind.
D.h. also daß ein schwedischsprachiger Finne, bzw. Finnlandschwede, in sämtlichen öffentlichen Ämtern in ganz Finnland Anrecht auf Gebrauch seiner Muttersprache hat?
Christer Laurén: Grundsätzlich gilt es zwischen öffentlichen Ämtern auf staatlicher und Gemeindeebene zu unterscheiden. Die finnische Verfassung schreibt vor, daß alle Gesetze, Verordnungen, Gesetzesentwürfe usw. in Finnisch und Schwedisch abzufassen sind. Auf staatlicher Ebene, also vor Gericht oder bei staatlichen Verwaltungsbehörden, kann der schwedischsprachige Bürger seine Muttersprache benutzen, auf kommunaler Ebene hängt es von den jeweiligen Gemeinden ab, ob es eine zweisprachige oder einsprachige Gemeinde ist. V.a. in komplizierten Fragen ist es natürlich immer wichtig, daß ich meine Muttersprache verwenden darf.
Wie werden ein- und zweisprachige Gemeinden festgelegt?
Ulla Laurén: Eine Gemeinde ist zweisprachig, wenn die dort lebende Minderheit mehr als 8% der Wohnbevölkerung ausmacht. In Finnland gibt es demnach Gemeinden die einsprachig Finnisch, einsprachig Schwedisch, zweisprachig mit einer schwedischsprachigen Minderheit und zweisprachig mit einer finnischsprachigen Minderheit sind.
Besondere Sprachkenntnisse im Öffentlichen Dienst sind also in Abhängigkeit von Ämtern auf Staats- und Gemeindeebene, bzw. ein- oder zweisprachige Gemeinden erforderlich. Demnach sind nicht alle Finnen zweisprachig?
Ulla Laurén: Genau, ein Richter muß in jedem Fall beide Sprachen beherrschen, ebenso ein Beamter einer zweisprachigen Gemeinde. Der Nachweis der Zweisprachigkeit ist ähnlich wie in Südtirol durch eine Zweisprachigkeitsprüfung zu erbringen. Was die Bevölkerung im allgemeinen betrifft, so sprechen nicht alle Finnen Schwedisch und nicht alle Finnlandschweden Finnisch, obwohl grundsätzlich das Erlernen der jeweils anderen Nationalsprache in der Schule Pflicht ist.
Stichwort Schule: Wie ist das finnische Schulsystem bzw. Bildungswesen grundsätzlich geregelt?
Christer Laurén: Je nach Muttersprache kann der Schüler eine finnische oder schwedische Schule von der Grundschule über das Gymnasium bis hin zur Matura besuchen. In mehrsprachigen Gemeinden wählen die meisten finnischen Schüler Schwedisch als erste Fremdsprache und umgekehrt genauso. Im Hochschulbereich gibt es eine schwedischsprachige Universität in Åbo und zwei zweisprachige Universitäten in Helsingfors, wo es auch eine schwedische Wirtschaftsuniversität gibt. Unsere Stadt Vasa hat eine finnischsprachige Universität, d.h. die unsrige (!), und mehrere Fakultäten, die zu den schwedischen Universitäten in Süd- und Südwest-Finnland gehören.
Können finnischsprachige Eltern ihr Kind in eine schwedische Schule schicken und umgekehrt? Und wie sieht es bei zweisprachigen Familien aus?
Christer Laurén: Grundsätzlich können die Eltern ihr Kind in die Schule der anderen Sprachgruppe schicken, was aber eher die Ausnahme als die Regel darstellt. Ulla Laurén: Interessanter scheint, daß Kinder aus zweisprachigen Familien vorzugsweise die schwedische Schule besuchen.
Woran liegt das?
Christer Laurén: Hierfür gibt es mehrere Gründe. Zum einen liegt es sicher am schwedischen Schulsystem, das im allgemeinen ein gutes Ansehen hat, aber sicherlich auch an der schwedischen Sprache, die dem Schüler im internationalen Vergleich mehr Türen öffnet als das Finnische. Ulla Laurén: Und die schwedische Schule ist eher auf die besonderen Anforderungen zweisprachiger Schüler eingerichtet, so können die Schüler z.B. auf Wunsch nicht nur Schwe-disch, sondern zusätzlich auch Finnisch als Schulfach-Muttersprache haben. Der restliche Unterricht ist natürlich auf Schwedisch, weil sie die schwedische Schule gewählt haben.
Einleuchtende Gründe, warum finnischsprachige und zweisprachige Kinder in schwedische Schulen geschickt werden.
Christer Laurén: Einleuchtend ja, aber gleichzeitig stellen sie ein Problem für das schwedische Schulsystem dar. Die Schwedischkenntnisse von Kindern finnischer Muttersprache oder bisweilen sogar von zweisprachigen Familien sind häufig unzureichend. Der Lehrer wird also auf diese Kinder in seinem Unterricht besondere Rücksicht nehmen, und es besteht das Risiko, daß die schwedischsprachigen Schüler unterfordert sind.
Ulla Laurén: Es gibt mehrere besondere Maßnahmen, um den Kindern von zweisprachigen Familien in der schwedischen Schule zu helfen. Sie werden als demographischer Zuwachs betrachtet.
Frau Laurén, Sie waren mit Ihrem Mann die Begründerin der schwedischen Immersionsschule für finnischsprachige Kinder.
Ulla Laurén: Aufgrund des erwähnten Problems im schwedischen Schulsystem haben wir uns nach möglichen Lösungen in Form von Immersionsunterricht umgesehen. Ein interessantes Modell bot sich uns im Kanadischen Montreal, wo bereits in den Sechzigerjahren der französische Immersionsunterricht für englischsprachige Kinder mit großem Erfolg eingeführt worden war. Vor 11 Jahren haben wir den ersten Immersionsunterricht für Schwedisch in einem finnischsprachigen Kindergarten angeboten. Auch im finnischen Schulsystem hat uns der Erfolg recht gegeben.
Wie sieht dieser Immersionsunterricht aus?
Ulla Laurén: Eigentlich beginnt der Immersionsunterricht "Schwedisch für finnischsprachige Kinder" bereits im Kindergarten. Zwei Jahre lang sprechen die Kindergärtner/Innen ausschließlich Schwedisch mit den finnischsprachigen Kindern. In diesem Alter lernen Kinder, selbst wenn sie am ersten Tag kein Wort Schwedisch verstehen, "spielend" eine Fremdsprache. In der Pflichtschule, die in Finnland aus einer neunjährigen Grundschule besteht, nimmt der Anteil von finnischen Unterrichtsstunden bis zur 5. Klasse mit jeder Klasse um 10% zu (siehe Graphik1). Von der 5. bis zur 9. Klasse werden 50% der Fächer auf Schwedisch und 50% auf Finnisch unterrichtet.
Was passiert nach Abschluß der Grundschule?
Christer Laurén: Unser Immersionsmodell sieht derzeit nur die neunjährige Grundschule vor, doch planen wir in nächster Zukunft dieses Schulmodell auf das dreijährige Gymnasium mit abschließender Matura zu erweitern. Die Abgänger des derzeitigen Immersionsmodells müssen sich für ein schwedisch- oder finnischsprachiges Gymnasium entscheiden. Die meisten Schüler wählen ein finnisches Gymnasium. Aber selbst wenn sie sich für ein schwedisches entscheiden, so sind ihre Schwedischkenntnisse nach Abschluß der Immersionsschule mit Sicherheit ausreichend.
Und wie steht es um ihre Finnischkenntnisse im Verhältnis zu den Gleichaltrigen, die eine finnische Schule besucht haben?
Ulla Laurén: Es mag verwunderlich klingen, aber Sprach- und Assoziationstests bei Immersionsschülern der 9. Klasse haben ergeben, daß ihre Finnischkenntnisse sogar noch besser sind als jene ihrer Altersgenossen, die eine rein finnische Schule besucht haben. Einige von diesen Tests wurden im übrigen von Immersionsgegnern durchgeführt und ausgewertet, sind also mehr als objektiv.
Wie können Sie sich das erklären?
Christer Laurén: Die Kinder werden sich früher als sonst ihrer Erstsprache bewußt. Sie nehmen ihre Welt durch zwei Sprachen wahr, sind offener und sozialisieren leichter. Das bringt kognitive Vorteile. Phänomene aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten zu können und zu verstehen, daß man dazu fähig ist, ist ein Vorteil. Ulla Laurén: Unser Immersionsmodell legt sehr großen Wert auf die Aus- und Weiterbildung des Lehrpersonals. D.h. wir bereiten die Lehrer, egal welches Fach sie unterrichten, auf die didaktischen Besonderheiten eines im Grunde genommen "Fremdsprachenunterrichts" vor. Neben ihrer Fachkompetenz liegt in der Ausbildung für Immersionslehrer also auch stets die sprachdidaktische Kompetenz im Vordergrund. Dies ist auch mit ein Grund.
Bietet die finnische Hochschule einen Lehrgang für Immersionsdidaktik?
Christer Laurén: Ja, an unserer Universität gibt es heuer zum erstenmal einen Lehrgang für Immersionsunterricht (Schwedisch für Finnen). Was natürlich auf den baldigen Ausbau unseres Schulmodells hoffen läßt. Zur Zeit ist die Nachfrage noch größer als das Angebot. Die Fortbildung an unserer Universität ist vielseitig und wird auch international angeboten. Es gibt sie seit 1991. Gibt es ähnliche Immersionsmodelle außerhalb von Vasa?
Ulla Laurén: In Finnland gibt es noch Immersionsschulen in beinahe 20 Gemeinden, die sich auf unser Modell stützen: die ersten Immersionsschulen außerhalb von Vasa entstanden in Åbo (seit 1989) und im Helsingforsgebiet (seit 1990). Christer Laurén: Versuche eines Immersionsunterrichts gibt es auch in Spanien, allerdings haben sie letztendlich zu der Vermischung zweier Schulsysteme (dem Katalanischen und Spanischen) geführt, was ihrem Ansehen geschadet hat. In Kiel (D) hat Professor Henning Wode, immer in Anlehnung an unser Modell, erst kürzlich ein begrenztes Immersionsmodell eingeführt. Es handelt sich um Englisch für deutschsprachige Kinder. Eine Sprachkombination, die unserer Ansicht nach nicht unproblematisch ist. Wir glauben, daß es für einen Immersionsunterricht ein großer Vorteil ist, daß beide Sprachen in der unmittelbaren Umgebung der Schüler aktiv gesprochen werden.
Ein Immersionsmodell, das also auch für Südtirol von Interesse sein könnte?
Christer Laurén: Auf jeden Fall, allerdings gilt es zunächst einmal alle Vorurteile hierzu abzubauen. Das Wort Immersion wird in Südtirol allzuleicht mit Vermischung verwechselt. Dabei geht es in unserem Schulmodell, wie auch im kanadischen, nicht um die Vermischung zweier Schulsysteme, sondern um das Erkennen und gezielte Nutzen von Vielfalt. Umgekehrt wird die Immersion von seiten des finnlandschwedischen Lehrpersonals als eine Lösung betrachtet; sonst würden nämlich viel mehr einsprachig finnische Familien ihre Kinder in die schwedische Schule einordnen wollen, was pädagogisch problematisch wäre.
Unser Forschungsjahr hier in Südtirol konzentriert sich allerdings weniger auf die Immersion als vielmehr auf Themen, die auch von der Europäischen Akademie Bozen im Bereich "Sprache und Recht" vorrangig behandelt werden, nämlich Fremdsprachenerwerb, Fachsprachendidaktik, fachsprachliche Kommunikation und Terminologie.
Das Interview führte Mag. Sigrid Hechensteiner, Öffentlichkeitsarbeit Europäische Akademie Bozen
*) Vaasa auf Finnisch und Vasa auf Schwedisch
The Finnish immersion school
According to the Finnish Constitution the national languages of Finland are Finnish and Swedish; 6% of the population is Swedish-speaking; Finland's two main cultures are Scandinavian ones. Each individual has the right to use Finnish or Swedish in a proceeding before a court of law or an administrative agency. The language of teaching in school is either Finnish or Swedish, i.e. there are two separate school systems. In 1987 Prof. Christer Laurén and his wife, Dr. Ulla Laurén, introduced the first immersion school (Swedish for Finnish children) within a Finnish school. The model for the Finnish immersion school was the Canadian model for early total immersion developed in the mid sixties in Montreal. The Finnish immersion school starts with a two-year kindergarten in Swedish followed by a nine-year elementary school. From the 1st to the 5th class children have increasingly (every year by 10%) more lessons in their mother tongue Finnish. In the last four years, 50% of the lessons are in Swedish, 50% in Finnish. Language tests with immersion children have shown that their knowledge of Finnish is even better than for those coming from a regular Finnish program.