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Academia 19 
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Do you speak français? Der Mehrsprachenunterricht in Kanada
Academia Nr: 19 (Juni - September / giugno - settembre 1999 1999)

von Sigrid Hechensteiner
Kinder lernen ihre Erstsprache mit spielerischer Leichtigkeit. Dasselbe gilt für die Zweit- und sogar Drittsprache, wenn diese im sozialen Umfeld des Kindes gesprochen wird. Das kanadische mehrsprachige Schulmodell zielt darauf ab, für Kinder ein dem Erstspracherwerb ähnliches soziales schulisches Umfeld zu schaffen, das sie auf natürliche Weise motiviert, in der Fremdsprache zu kommunizieren.

Die ersten zwei- bzw. mehrsprachigen Schulmodelle wurden 1965 in Montreal, Quebec, eingeführt. Quebec ist die einzige kanadische Provinz mit einer französischsprachigen Mehrheit von 85%. 15% der Bevölkerung gehören der englischen Muttersprache an. Schon früh erkannten die kanadischen Schulbehörden, Lehrer, Eltern und Sprachwissenschaftler, daß der herkömmliche französische Fremdsprachenunterricht von einigen Stunden in der Woche nicht ausreicht, um englischsprachigen Kindern auch im Hinblick auf ihr späteres Berufsleben ausreichende Kenntnisse in Französisch zu vermitteln. Und da es für Kinder in einem zweisprachigen Umfeld, wie jenes von Quebec, von vornherein einfacher ist, von klein auf zwei Sprachen zu lernen, nutzte man diesen Umstand auch im schulischen Bereich und zwar in Form eines zwei-, später hinaus auch mehrsprachigen, Schulmodells.

Das zweisprachige Schulmodell
Zweisprachig ist laut kanadischem Schulmodell eine Schule dann, wenn mindestens 50% der Unterrichtsfächer in der Zweitsprache, im Falle Quebecs also Französisch, unterrichtet werden. Erwähnenswert an dieser Stelle ist die Tatsache, daß das zweisprachige Modell innnerhalb des englischen Schulsystems angeboten wird. Man vermischt also nicht zwei Schulsysteme, sondern bietet englisch-muttersprachigen Kindern innerhalb des englischen Schulsystems einen zweisprachigen Unterricht an. Der große Vorteil besteht darin, daß alle Kinder aus demselben sprachlichen Umfeld stammen und sich im Unterricht nicht ausgeschlossen fühlen, wie es z.B. der Fall wäre, wenn ein englischsprachiges Kind eine rein französische Schule besuchen würde. Die anfängliche Angst vieler Eltern, durch einen so großen Anteil an Unterrichtsstunden in der Fremdsprache, würde die Muttersprache auf der Strecke bleiben, zeigte sich bald als unbegründet. Sprach- und Assoziationstests bei Schülern höherer Klassen haben ergeben, daß ihre Englischkenntnisse ebenso gut - wenn nicht gar besser waren - als jene ihrer Altersgenossen, die eine rein englische Schule besucht haben. Der Grund hierfür liegt einerseits darin, daß sich die Kinder viel früher ihrer Muttersprache bewußt werden und einen ganz anderen, besseren Zugang zur Muttersprache entwickeln, andererseits in der pädagogisch- didaktischen Ausbildung für Lehrer einer zwei- oder mehrsprachigen Schule. Neben ihrer Fachkompetenz liegt in der Ausbildung für Lehrer mehrsprachiger Schulsysteme also auch stets die sprachdidaktische Kompetenz im Vordergrund. Weiters wichtig ist, daß in den ersten Schuljahren die Schüler beim Unterricht in ihrer Zweit- oder auch Drittsprache nicht fortwährend korrigiert werden. Die Kinder lernen schneller, und was noch wichtiger ist „angstfrei", wenn sie nicht unter Druck gesetzt werden. Das dreisprachige Schulmodell
In Montreal ist man in den 80er Jahren noch einen Schritt weiter gegangen und hat innerhalb der englischen Schule ein dreisprachiges Schulmodell eingeführt, nämlich Französisch und Hebräisch für englisch-muttersprachige Kinder jüdischer Herkunft. Auch in diesem Falle handelt es sich um drei Sprachen, die im unmittelbaren Umfeld der Kinder gesprochen bzw. gepflegt werden. Ähnlich wie bei zweisprachigen Schulmodellen gibt es auch bei drei- sprachigen unterschiedliche Ansätze. Grundsätzlich kann man in Montreal bei dreisprachigen Schulmodellen zwischen zwei Modellen unterscheiden:
1 das frühe zweifache Sprachbad, bei dem Kinder in den ersten drei Schuljahren nur in den beiden Fremdsprachen (Französisch und Hebräisch) unterrichtet werden und erst ab dem 4. Schuljahr auch in der Muttersprache,
2 das dreifache Sprachbad, bei dem vom ersten Schuljahr an alle drei Sprachen unterrichtet werden. Nun werfen sich hier gleich einige Fragen auf: Wenn Studien über das zweisprachige Schulmodell in Montreal ergeben haben, daß die Muttersprachenkenntnisse der Schüler in der 9. Klasse jenen einer einsprachigen Schule um nichts nachstehen, wie verhält es sich bei Schülern einer dreisprachigen Schule? Und gibt es Unterschiede in der Spracherlernung zwischen Modell 1 und 2? Ähnlich wie bei zweisprachigen Schulmodellen haben Studien für dreisprachige Modelle ergeben, daß die Muttersprachenkenntnisse nicht unter dem mehrsprachigen Unterricht leiden. Dennoch, Mutter- und Fremdsprachen- kenntnisse sind besser, wenn die Kinder in den ersten Schuljahren nur in der Zweitsprache lesen und schreiben lernen. Beim gleichzeitigen Lernen von Lesen und Schreiben in mehreren Sprachen treten häufiger Interferenzen auf, weil das Verhältnis zwischen Lautsystem und Schrift je nach Sprache verschieden ist.
Wie bei zweisprachigen Schulmodellen, in denen in den ersten Schuljahren nur in der Zweitsprache unterrichtet wird, machen Kinder den Rückstand beim Lesen und Schreiben in der Muttersprache, was sie ja erst ab dem 4. Schuljahr lernen, auch in dreisprachigen Schulmodellen in kürzester Zeit wett. Wichtig scheint an dieser Stelle auch anzumerken, daß bei den Kindern das Fachwissen nicht unter der sprachlichen Besonderheit des Unterrichts leidet. Tests haben ergeben, daß z.B. die Mathematikkenntnisse von Kindern einer zwei- oder auch mehrsprachigen Schule jenen von gleichaltrigen Kindern einer einsprachigen Schule entsprechen. Was die Kenntnisse in der Zweit- bzw. Drittsprache betrifft, so sind diese sehr gut, reichen aber verständlicherweise nicht ganz an jene in der Muttersprache heran. Man redet hier von funktionaler Mehrsprachigkeit. Grundsätzlich richtet sich das kanadische mehrsprachige Schulmodell an Kinder aus rein englischsprachigem Elternhaus.

Abschließend
Für den Mehrsprachenunterricht gelten in jedem Fall zwei grundlegende Prinzipien: • Optimal ist er dort, wo Mehrsprachigkeit auch im Umfeld des Kindes vohanden ist. • Die Art des Mehrsprachenunterrichts wird von der jeweiligen Realität bestimmt. Was gut für das kanadische Schulmodell ist, muß z.B. nicht unbedingt eins zu eins auf die Südtiroler Realität mit ihrem mehrsprachigen ladinischen Schulmodell umgemünzt werden können. Mit Sicherheit jedoch können andere mehrsprachige Schulmodelle interessante Anreize und Erfahrungswerte für die ladinische Schule bieten.
Für den Unterricht in einer Zweitsprache bietet Kanada in jedem Fall die international gesehen vielfältigsten Erfahrungen. Bereits 317.000 Schüler (1997- 98) wurden im Rahmen von zwei- bzw. mehrsprachigen Schulmodellen ausgebildet. Hinzu kommt, daß diese Schulmodelle von Forschern gründlicher untersucht worden sind als andere mehrsprachige Schulmodelle weltweit. Wer sich also bei der Realisierung eines mehrsprachigen Schulmodells an das kanadische Modell halten kann, geht ein geringeres Risiko ein. Im Zeitalter der Internationalisierung sind mehrsprachige Schulmodelle in jedem Fall auch für Europa interessant.
Mag. Sigrid Hechensteiner, Öffentlichkeitsarbeit, Europäische Akademie Bozen
Sigrid.Hechensteiner@eurac.edu





Vom 19.-20. März fand in St. Ulrich die von der Europäischen Akademie und dem Ladinischen Pädagogischen Institut organisierte Tagung zum Thema „Mehrsprachigkeit und Schule" statt. Die Tagung richtete sich in erster Linie an ladinische Eltern und Lehrer der Grundschule und zielte darauf ab, ihnen Einblicke in ähnliche schulische Realitäten zu vermitteln und damit verbunden Anregungen für die Weiterentwicklung der ladinischen Schule zu geben. Auf der Veranstaltung referierte u.a. Fred Genesee, Mehrsprachigkeitsexperte aus Kanada, über das zwei- bzw. dreisprachige Schulmodell von Montreal. Dieses Modell ist heute überall in Kanada im Einsatz.


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