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Das virtuelle Klassenzimmer Interview mit Prof. Nejdl, Universität Hannover Academia Nr: 19 (Juni - September / giugno - settembre 1999 1999)Johann Gamper Die enorme Geschwindigkeit, mit der neues Wissen produziert und an immer mehr Menschen verteilt wird, stellt neue Anforderungen an Aus- und Weiterbildung. Mediengestütztes Lernen ist ein Schlagwort, welches unter Anwendung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien und unter Berücksichtigung neuer lernpsychologischer Erkenntnisse diesem Anspruch gerecht zu werden versucht. Prof. Wolfgang Nejdl, Leiter des Institutes für Rechnergestützte Wissensverarbeitung sowie Sprecher des fachbereichsübergreifenden Schwerpunktes Educational Technology an der Universität Hannover, forscht seit mehreren Jahren intensiv an der Entwicklung und Erprobung von neuen Werkzeugen in der mediengestützten Lehre. Im folgenden Interview gibt er einen Einblick in die Arbeit mit dem Hyperbuch, dem Lehrbuch der Zukunft.
Gamper: Herr Prof. Nejdl, „Mediengestütztes Lernen" ist ein Schlagwort, das in jüngster Zeit viel zitiert wird. Was verstehen Sie darunter?
Nejdl: Das „Mediengestützte Lernen" hat im Zeitalter von Computer und Internet eine völlig neue Dimension erlangt. Früher hat sich das multimediale Lernen auf relativ statische Medien wie den Rundfunk oder das Fernsehen gestützt. Zwar haben diese Medien den Unterricht aufgelockert, doch konnten Lehrer und Lernende nur bis zu einem gewissen Grad diese Medien nach ihren persönlichen Interessen steuern und einsetzen. Von der lernpsychologischen Seite her wissen wir heute, daß es nicht möglich ist, durch passive Rezeption Wissen aufzunehmen Oder zu erweitern. Lernende müssen sich aktiv mit den Inhalten befassen, um auf diese Weise individuelles Wissen zu konstruieren. Die technischen Möglichkeiten von Computern und Internet gerade in Bezug auf interaktives Arbeiten bieten uns nun die Möglichkeiten, diese wesentlichen Grundlagen des Lernens zu berücksichtigen und zu unterstützen. In virtuellen Klassenräumen stellen sich die Studierenden ihr eigenes Lehrbuch, das sog. adaptive Hyperbuch, aus einer Unmenge an vernetzten Informationen und Daten zusammen. Sie haben die Möglichkeit aktiv in den Lernprozeß einzugreifen und können ihn je nach Interesse und Fähigkeiten ganz individuell steuern.
Gamper: Einen Schwerpunkt Ihrer Forschung bilden die von Ihnen eben erwähnten adaptiven Hyperbücher. Worum handelt es sich dabei?
Nejdl: Adaptive Hyperbücher sind nichts anderes als die Weiterführung herkömmlicher Lehrbücher. Sie stellen eine neue Form dar, Lehrinhalte aufzubereiten und dem Lernenden zur aktiven Nutzung zur Verfügung zu stellen. Im Unterschied zu Lehrbüchern oder Skripten ist das Hyperbuch nach Inhalten und Informationen vernetzt und nicht wie ein Buch nach Kapiteln gegliedert. Der Benutzer eines Hyperbuchs hat über dieses Medium auch direkten Zugriff auf die Praxis z.B. durch Links auf aktuelle Projekte oder auf Chat-Seiten, wo Studenten ihre Probleme zur Diskussion stellen können. Darüber hinaus kann der Lernende stets mit dem Lehrpersonal, Fachleuten und anderen Studenten aufnehmen. Diese Möglichkeiten unterstützen die Nutzung und Erweiterung der Lehrmaterialien im Rahmen aktiven Lernens, sowie die Anpassung und Personalisierung eines Hyperbuchs an Vorwissen und Ziele eines Lernenden. via E-mail Kontakt aufnehmen.
Gamper: Zwei besonders interessante Aspekte von Hyperbüchern sind meines Erachtens Adaptivität und Interaktivität. Können Sie diese beiden Konzepte ausführlicher erklären?
Nejdl: Im Rahmen von projektorientierten Lernformen unterstützt das Hyperbuch den Lernenden z.B. bei den folgenden Fragestellungen: „Was muß ich wissen, um ein Projekt zu lösen?", durch Generierung einer persönlichen Lernsequenz für ein gewähltes Projekt und durch Vernetzung der Lerneinheiten für weitergehende Fragen, oder „Mit welchem Thema/Projekt könnte ich mich als nächstes beschäftigen?", durch Annotierung von Lerneinheiten abhängig vom Wissensstand des Lernenden („schon bekannt", „als nächstes Thema geeignet", „wahrscheinlich noch zu schwierig") und durch Vorschläge für weitere geeignete Projekte oder Themenbereiche. Interaktivität schließlich passiert einerseits außerhalb des Hyperbuchs (das Hyperbuch wird als Informationsresource für aktives Lernen, z.B. innerhalb von Projekten, eingesetzt), aber auch innerhalb des Hyperbuchs, indem Studentenprojekte, Fragen, Antworten und Tips von den Studenten selbst im Hyperbuch integriert werden.
Gamper: Sie verwenden seit mehreren Jahren ein eigenes Hyperbuch im Unterricht. Wie ändert sich dadurch der Lernprozeß und wie wird dieses Medium von den Studenten aufgenommen?
Nejdl: Wir setzen unsere Hyperbücher als Informationsresource im Rahmen eines aktiven, projektorientierten Unterrichts ein. Unsere Erfahrungen zeigen, daß diese Lernform und das Hyperbuch als Informatio n s r e s o u r c e von den meisten Studenten sehr gut angenommen werden, und sich ein aktiver Lernprozeß positiv auf Motivation und Erfolg der Studierenden auswirkt. Ferner stellen die positiven, aber auch die kritischen Rückmeldungen der Studenten für uns eine wichtige Anregung für die Weiterentwicklung unseres Systems dar.
Gamper: Was muß der Autor bei der Erstellung dieser Lehrmaterialien b e s o n d e r e s berücksichtigen?
Nejdl: Eigentlich das gleiche wie beim Schreiben eines Buches. Welche Inhalte will ich vermitteln, wie hängen die einzelnen Lerneinheiten zusammen, in welchem Kontext werden die Inhalte angewendet? Im Unterschied zu konventionellen Skripten und Büchern erfordert die Erstellung eines Hyperbuchs aber die explizite Darstellung dieser Überlegungen, ähnlich wie ich mir bei der Entwicklung einer Datenbank auch vorher überlegen muß, welche Art von Daten ich abspeichern möchte. Diese Explizitmachung von Strukturen, Inhalten und Vernetzung ist also eine zusätzliche Aufgabe, die sich allerdings dann durch die erweiterten Funktionalitäten des Hyperbuchs bezahlt macht.
Gamper: Herr Prof. Nejdl, Sie arbeiten seit ca. 4 Jahren auf diesem noch jungen Forschungsgebiet. Können Sie aus der kurzen Geschichte dieses Bereichs einige markante Voraussagen für weitere Entwicklung andeuten?
Nejdl: Es ist schwierig, diese Frage in einem Absatz zu beantworten, und ich möchte dazu vielleicht auf ein Buch von Seymour Papert, dem Lernpionier am MIT Media Lab, verweisen, mit dem Titel „Revolution des Lernens", das dieses Thema erschöpfender behandelt. Ein Aspekt, der dort sehr stark betont wird, und den ich hier herausgreifen möchte, ist die selbstverständliche Nutzung von Computern und Internet als Informationsresource im Rahmen eines aktiven Lernprozesses. Computer, Internet und neue Medien werden selbstverständliches Lernmittel sein für selbstorganisiertes und auch fachübergreifendes Lernen, und nicht in einer Computerecke oder einem Computerlabor abgegrenzt sein vom Rest des Lernprozesses. Unsere Arbeit an den adaptiven Hyperbüchern und der Vernetzung von Wissenseinheiten ist ein Puzzlestein auf dem Weg zu diesem Ziel.
Gamper: Abschließend wirft sich natürlich die Frage auf, welche Rolle künftig der Lehrer einnehmen wird?
Nejdl: Den Lehrer wird es natürlich auch weiterhin geben. Die neuen Medien werden seinen Unterricht nicht ersetzen sondern ergänzen. Sollte sich ein Lehrer für den Einsatz eines Hyperbuchs entscheiden, so muß er dieses didaktische Werkzeug natürlich nutzen können, wie man bisher von einem Lehrer verlangt hat, daß er sein Lehrbuch oder Skript kennt, mit dem er arbeitet. Dennoch wird der Lehrer durch das mediengestützte Lernen in Zukunft eine neue Funktion übernehmen: als Coach wird er den Studenten bei der Erstellung individueller, personifizierter Lehrmaterialien behilflich sein und ihn während seines Lernprozesses unterstützend begleiten.
Gamper: Herr Prof. Nejdl, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Das Interview führte Dr. Johann Gamper, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich „Sprache und Recht" an der Europäischen Akademie Bozen. Johann.Gamper@eurac.edu
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