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Die Situation der sorbischen Minderheit in Deutschland - Interview mit Ludwig Elle
Academia Nr: 21 (Dezember - März / dicembre - marzo 2000)

Günther Rautz
Im Osten Deutschlands, an der Grenze zu Polen lebt die slawische Minderheit der Sorben. Im Gegensatz zur heutigen Situation waren die umfangreichen staatlichen Förderungen in der ehemaligen DDR verbunden mit politischer Anpassung an das kom-munistische System. Die in die deutsche Einigung gesetzten Hoffnungen haben allerdings an der rechtlichen Situation dieser Minderheit unmittelbar nicht viel geändert.

Herr Elle, die Sorben sind neben den Dänen, Friesen, sowie Sinti und Roma die vierte anerkannte Minderheit in Deutschland. Wie sieht die geographische Lage und die zahlenmäßige Zusammensetzung aus?
Elle: Die Lausitz ist die geographische Bezeichnung des sorbischen Siedlungsgebietes, das sich über das südöstliche Brandenburg und östliche Sachsen erstreckt. Da sich jeder Bürger frei als zur Minderheit angehörig bekennen kann, ist es schwierig, eine genaue Zahl festzulegen. In der ehemaligen DDR wurde die Minderheitenstärke mit 100.000 vom Staat festgelegt. Auf Grundlage einer Befragung aus dem Jahr 1987, die an über 2000 Personen durchgeführt wurde, kann die Zahl der Sorben auf 60.000 hochgerechnet werden. Diese Hochrechnung geht von der Sprachkompetenz der Bevölkerung aus und schließt auch bloße Passivkenntnisse mit ein. Die Zahl der Aktivsprecher, also Minderheitenangehörige die das Sorbische in Wort und Schrift beherrschen, ist jedoch viel geringer: Sie beträgt maximal 30.000.

Der aktive Gebrauch der sorbischen Sprache scheint also abzunehmen. Welche Gründe führen Sie dafür an?
Elle: Es gibt kein geschlossenes sorbisches Siedlungsgebiet. In sehr vielen Gemeinden ist der Anteil der sorbischen Bevölkerung unter 10%, der Höchstanteil von 80-85% Sorben beschränkt sich auf fünf Gemeinden. Sowohl in Sachsen als auch in Brandenburg wurde das Siedlungsgebiet der Sorben, in dem sie die ihnen eingeräumten Rechte ausüben können, gesetzlich festgelegt. So zählt das sachsische Gesetz die Gemeinden und Gemeindeteile namentlich auf. Die starke Durchmischung mit der deutschsprachigen Bevölkerung läßt sich auf die Germanisierungspolitik vor 1945 aber auch auf die Zeit nach dem II. Weltkrieg zurückführen. Durch die Ansiedlung von deutschen Vertriebenen und durch den Kohleabbau kam es zu einem starken Zustrom an deutschen Arbeitern, sodaß sich der Bevölkerungszuwachs in einzelnen Städten verzehnfachte. Außerdem sind die Rahmenbedingungen zum Spracherwerb im derzeitige Schulsystem mangelhaft.

Können Sie kurz das sorbische Schulmodell und die damit verbundenen Probleme beschreiben?
Elle: Bis 1964 galt generell Sorbischunterricht für alle. Es gab in der DDR auch eigene sorbische Sprachschulen für Erwachsene. Heute bietet unser Schulsystem Schulen mit sorbischer Unterrichtssprache an, in denen in der Grundschule 6 Stunden in der Woche Deutsch und in der Mittel- und Gymnasialstufe Sorbisch und Deutsch unterrichtet wird, sowie Schulen mit fakultativem sorbischen Sprachunterricht. Aber nur letztere Schulform ist flächendeckend – also auf dem ganzen sorbischen Siedlungsgebiet – zu finden. Derzeit besuchen 1.500 Schüler die sorbischen Schulen, mehr als 3.000 Schüler erlernen das Sorbische jedoch nur als Zweitsprache. Weitere Probleme gibt es bei der Erarbeitung von Lehrbüchern, der Berücksichtigung von sorbischsprachigen Lehrern bei der Dienststellenvergabe oder dem verpflichtenden, aber nur mangelhaft durchgeführten Unterricht der sorbischen Geschichte an allen Schulen. Allerdings hat sich in den letzten Jahren die Zahl der Schüler in Sachsen stabilisiert und in Brandenburg ist sie leicht ansteigend. Große Hoffnungen setzen wir in die Kindergarteninitiative „WITAJ", die durch Immersionsunterricht die zweisprachige Erziehung im Vorschulalter fördern soll.

Wie sieht diese zweisprachige Kindergartenerziehung in der Praxis aus?
Elle: „WITAJ" ist eine Initiative des Sorbischen Schulvereines, unterstützt von kommunalen wie auch staatlichen Behörden, und heißt auf deutsch „WILL-KOMMEN". Es gibt nur mehr ganz wenige Kinder mit sorbischer Muttersprache; für diese und für Kinder deutschsprachiger Eltern, welche die sorbische Sprache erlernen wollen, bietet die Immersionsmethode eine gute Möglichkeit zum effizienten Spracherwerb. Die Erfahrung aus Kanada und diese inzwischen von Katalanen, Basken, Finnen und Bretonen in Europa übernommene Immersionsmethode zeigt, daß Kinder im Vorschulalter eine Zweit- oder Drittsprache mit gleicher Mühelosigkeit wie die erste erlernen können. Deutschsprachige Kinder, die in unseren Kindergartenstätten in vorwiegend sorbischsprachiger Umgebung ganztägig betreut werden, lernen schnell die sorbische Sprache zu verstehen und zu sprechen, wobei die deutsche Erstsprache nicht vernachläßigt wird. Auch wenn diese Kinder infolge der Immersion einen größeren Teil des Tages vom Sorbischen umgeben sind und diese Sprache verstärkt verwendet wird, bleibt die Muttersprache keineswegs zurück. Das sprachliche Vorbild – also die Kontaktperson – bleibt für das Sorbische die Kindergartenstätte und für das Deutsche das Elternhaus und die großteils deutschsprachige Umgebung.

Welche weiteren Minderheitenrechte genießen die Sorben und was wäre Ihrer Meinung nach für das Weiterbestehen dieser Minderheit zu tun?
Elle: Es gibt zweisprachige Ortsschilder und Straßenbezeichnungen. Der Anspruch auf den Gebrauch des Sorbischen bei den Ämtern besteht allerdings nur theoretisch. Obgleich gesetzlich festgelegt, wird das Sorbische bei den Behörden praktisch nicht verwendet. Sorbischkenntnisse sind keine Aufnahmekriterien für Beamte, weshalb Sorben oder Bewerber mit Sorbischkenntnissen nicht bevorzugt behandelt werden. Man stößt also mehr oder weniger zufällig – auf dem Land häufiger – auf einen Beamten, der sorbisch spricht. Für die Zukunft wäre es wichtig, eine Bestimmung zum Minderheitenschutz auf nationaler Ebene in das Grundgesetz aufzunehmen. Auf Länderebene wurden zwar sowohl in Sachsen als auch in Brandenburg Minderheitenschutzbestimmungen erlassen, die allerdings zum Teil nicht effektiv umgesetzt wurden. Eine Bestimmung im Verfassungsrang für alle in Deutschland anerkannten Minderheiten, die meiner Meinung nach auch die neuen Minderheiten miteinschließen könnte, würde die Umsetzung der Sprachencharta und der Rahmenkonvention des Europarates erleichtern, welche die Bundesrepublik beide ratifiziert hat. Trotz der guten Zusammenarbeit mit der Bundesregierung würde die Einrichtung eines Minderheitenbeauftragten die Anliegen der Minderheiten in Deutschland stärker betonen und oftmals zielführender behandeln.

Haben die Sorben eine Möglichkeit politisch für diese Ziele einzutreten?
Elle: In den Landtagen von Sachsen und Brandenburg wurden auch Abgeordnete der CDU, SPD und PDS gewählt, die sorbischer Herkunft sind. Auf Gemeindeebene gibt es sowohl sorbische Mandatare dieser Parteien als auch eigene sorbische Wahlgruppierungen, die vereinzelt sogar den Bürgermeister stellen. In beiden Ländern wurden außerdem Räte für sorbische Angelegenheiten eingerichtet, die zum Großteil von sorbischen Verbänden entsendet werden, die wiederum in einem Dachverband „Domowina" zusammengeschlossen sind. Diesem gehören fünf regionale und acht überregionale Vereine mit rund 6.000 Mitgliedern an, der die nationalen und kulturellen Interessen der Sorben in Sachsen und Brandenburg vertritt.

Als FUEV-Vizepräsident besuchen Sie Südtirol nicht zum ersten Mal und auch Ihren diesmaligen Aufenthalt verbinden Sie mit Studienzwecken. Was macht Südtirol für eine kleine Minderheit wie die Sorben interessant?
Elle: Als Sorbe interessiert mich besonders die Lage der Ladiner, da es meiner Meinung nach zahlreiche Parallelen gibt. Sowohl die Sorben als auch die Ladiner haben keinen Nationalstaat, der als Schutzmacht auftritt, wie Österreich für die deutschsprachigen Südtiroler oder die BRD für die Deutschen in Dänemark. Ein weiterer Anknüpfungspunkt ist die Teilung der Minderheit auf verschiedene Regionen – wie die Ladiner sind auch die Sorben auf zwei Länder aufgeteilt, die den Minderheitenschutz verschieden regeln.

Das Interview führte Dr. iur. Günther Rautz, Bereich „Minderheiten und regionale Autonomien" an der Europäischen Akademie Bozen.
günther.rautz@eurac.edu

Logo der Iniziative für zweisprachige Kindergärten. Witaj ist ein sorbisches Wort und heißt WILLKOMMEN.
Zweisprachige Orts- und Straßenschilder in Päckelwitz bei Kamenz
Im Rahmen der FUEV (Union Europäischer Volksgruppen) – Präsidiumssitzung am Samstag, dem 24. Juli 1999 in Bozen und dem anschließenden Studienaufenthalt in Ladinien besuchte FUEV-Vizepräsident Dr. Ludwig Elle die Europäische Akademie Bozen. Dr. Ludwig Elle ist Angehöriger der sorbischen Minderheit und arbeitet seit 1998 an einem Projekt über Minderheitenorgani-sationen in Europa am Sorbischen Institut in Bautzen. Seit April 1992 sendet der ORB monatlich im Regionalfernsehen das Magazin „Luzyca" in niedersorbischer Sprache


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