contact | site map | imprint           9.7.2008
Logo EURAC  
  NEWS ARCHIVE    
      Events    
      Education courses    
      On research    
      New print releases    
      Job openings    
SITE SEARCH  
 

Academia 22  
Home  |  Press  |  Academia  |  22  |  art_0  

Intensiv - abhängig – zukunftslos?
Perspektiven für die Südtiroler Berglandwirtschaft.
Academia Nr: 22 (März - Juni / marzo - giugno  2000)

Flavio V. Ruffini
Jahrelang gilt die Lage der Südtiroler Landwirtschaft im Vergleich zu den anderen Alpenregionen als außerordentlich gut: Betriebszahlen und Flächengrößen sind stabil, die Bauern sind gesellschaftlich anerkannt.
Mit dem Fall der Grenzen wächst der Einfluss des Weltmarktes und Südtirols Bauern müssen sich einer neuen politischen und wirtschaftlichen Realität stellen. Eine Studie der Europäischen Akademie analysiert die Zukunftsperspektiven der Südtiroler Bauernhöfe.


Südtirols Landwirtschaft – kleinstrukturiert und intensiv

Im europäischen Vergleich ist die Südtiroler Landwirtschaft äußerst kleinstrukturiert. In den Tallagen mit günstigen Produktionsbedingungen bewirtschaften kleine "Spezialbetriebe" mit Obst- oder Weinbau im Mittel 2-3 ha Nutzfläche, in den höheren Lagen dominieren Milchproduktionsbetriebe mit durchschnittlich 11 ha Fläche.
Die Südtiroler Landwirtschaft zählt dabei zu den intensivsten Landwirtschaften im Alpenbogen. Dies hängt einerseits mit den Obstbauintensivkulturen zu-sammen. Diese wurden in den letzten Jahren bis in Lagen über 1.000 m.ü.M. ausgedehnt und gehören auch dort mittlerweile zum Landschafts-bild. Neue Züchtungen, Spritzmittel und Dünger haben außerdem eine Erhöhung der durchschnittlichen Hektarerträge mit sich gebracht.
Andererseits ist auch das Südtiroler Grünland sehr intensiv genutzt. So haben die Viehbestände zwischen 1980 und 1990 stärker zugenommen als die Grünlandfläche; und das, obwohl ein großer Anteil der landwirtschaftli-chen Nutzfläche durch die geographisch hohe Lage als ökologisch wenig belastbar einzustufen ist. Für Bergge-biete ist aus ökologischen Gesichtspunkten eine Viehdichte weit unter 2 DGVE pro Hektar gewünscht. Der Südtirolweite Mittelwert liegt deutlich unter diesem Grenzwert. Werden die Betriebe jedoch einer genaueren Analyse unterzogen, ist zu erkennen, dass z.B. 1990 fast die Hälfte der Tierhaltungsbetriebe zu hohe Viehdichten aufwiesen. (Bild mit vielen Kühen)
Intensive Milchwirtschaft - auch in ökologisch wenig belastbaren Lagen - prägt die Südtiroler Landwirtschaft. Können Südtiroler Landwirte überhaupt umweltschonend produzieren? Die Südtiroler Landwirtschaft ist nur vordergründig stabil. Hinter den Kulissen ist ein deutliches Knistern zu hören: Die Betriebszahlen sind zwar konstant, aber der Ersatz von menschlicher Arbeit durch Maschinen, die Intensivierung, die Zunahme der Bedeutung außerlandwirtschaftlicher Einkommen und Teilzeitbeschäftigung sind Anzeichen für Instabilitäten im System.

Abhängig vom globalen Kontext

Ein Blick über die Landesgrenzen hinaus zeigt, dass sich die internationalen Rahmenbedingungen für den Handel mit Agrarprodukten massiv ändern. Zu den wichtigsten externen Faktoren zählen die steigende weltweite Nachfrage nach Lebensmittel und die fortschreitende Entwicklung hin zu einem liberalen Handel. Letzterer setzt die europäische Landwirtschaft zunehmende unter Druck. So müssen Preise für Agrarprodukte wahrscheinlich weiter gesenkt und noch bestehende Beschränkungen für den Marktzutritt außereuropäischer Produkte noch mehr abgebaut werden. Auch die EU Agrarpolitik setzt weiter auf die Verringerung der gestützten Preise landwirtschaftlicher Produkte und wird von den notwendigen Weichenstellungen für die anstehende Osterweiterung beeinflusst. Den Regeln des internationalen Marktes kann auch Südtirol sich nicht auf Dauer entziehen. Dabei können die anstehenden Herausforderungen künftig in noch geringerem Umfang als bisher im Land selbst beeinflusst werden.
Aufgrund der sinkenden Preise, des erschwerten Absatzes und des Wachstum der übrigen Wirtschaft wird die ökonomische Relevanz der Landwirtschaft weiter abnehmen. Durch die große Anzahl der betroffenen Flächen wird jedoch die ökologische und soziokulturelle Bedeutung zunehmen. Die Entscheidungsträger sind gefordert, diesem umfassenden Anspruch der Landwirtschaft für eine flächendeckend ausgewogene Entwicklung stärker als bisher Rechnung zu tragen und ihn als grundlegende Voraussetzung in Fördermaßnahmen zu integrieren.

Herausforderung für die Südtiroler Agrarpolitik
Das wesentliche Ziel der künftigen Agrarpolitik muss sein, eine nachhaltig Landwirtschaft im Herzen eines lebendigen ländlichen Raums zu erhalten und zu fördern. Die Politik darf sich somit nicht nur an den Landwirte selbst richten, sondern muss die ländlichen Strukturen insgesamt berücksichtigen.
Agrarpolitische Anreize sind so auszubauen, dass ökologisch sinnvolles Wirtschaften eine Selbstverständlichkeit wird. Die Praxis zeigt, dass der Zusammenhang zwischen finanziellen Anreizen und den gewünschten ökologischen Wirkungen nicht linear sondern sprungförmig ist. Nur wenn der Förderung wirklich attraktiv ist und ein Zuwiderhandeln entsprechende Sanktionen nach sich zieht, bewirtschaftet der Landwirt seine Flächen tatsächlich umweltschonend. Für Südtirol stellt die Massenproduktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse keine Perspektive dar. Die Zukunft liegt im Ausbau des ökologischen Anbaus von Spezial- und Nischenprodukten. Dieser muss nach strengen Qualitätskriterien erfolgen.
Die bisherige Strukturerhaltungspolitik ist in eine Strukturanpassungspolitik zu wandeln. Sie muss die Anpassung der Landwirtschaft an neue Anforderungen wie Umweltverträglichkeit, Aufrechterhaltung dörflicher Strukturen und Steigerung der Lebensqualität unterstützen und sozial abfedern. Eine gegen den wirtschaftlichen Anpassungsdruck gerichtete Politik ist teuer, auf Dauer erfolglos und verschärft wahrscheinlich die Anpassungsprobleme.
Innerhalb der Südtiroler Agrarpolitik gibt es Widersprüche in den Zielen. So steht das Hauptziel, die "Erhaltung möglichst aller bäuerlichen Familienbetriebe" im Konflikt mit langfristigen ökologischen und wirtschaft-lichen Zielsetzungen. Es ist nicht schlüssig alle Betriebe unbedingt erhalten zu wollen, wenn dafür eine Intensivierung auf den kleinstrukturierten Flächen, eine abnehmende Wettbewerbsfähigkeit und eine zunehmende Abhängigkeit von der öffentlichen Hand in Kauf genommen werden müssen.
Der Südtiroler Weg muss auf den Eckpfeilern Nachhaltigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Qualitätsorientierung gründen.

Soeben erschienen:
Langfristige Entwicklung der Agrarstrukturen in Südtirol
Arbeitshefte – Quaderni No.15
flavio.ruffini@eurac.edu
Priska Baur
Marco-G. Pezzatti
Peter Rieder
Isabelle Schluep
1999, -363 S./p.
Deutsch/Tedesco
ISSN 1125 - 3827


  The latest issue
 

 
 
Copyright © EURAC 2008 Send page Print page Top of page