Fachchinesisch will gelernt sein
Academia Nr: 22 (März - Juni / marzo - giugno 2000)
Anny Schweigkofler, Stefania Cavagnoli
In maßgeschneiderten Sprachkursen lernen Studenten der Freien Uni Bozen Wirtschaftsdeutsch, -englisch und –italiensch. Vokabelpauken alleine reicht aber nicht aus.
Lehrveranstaltungen und Prüfungen in drei Sprachen problemlos zu bewältigen, sollte für die Wirtschaftsstudenten der Freien Universität Bozen zum Alltag gehören. Aber nicht für alle ist diese Realität ein Kinderspiel. Eine Befragung gegen Ende des ersten Studienjahrs hat gezeigt, dass viele Studenten in ihren mangelnden Sprachkenntnissen ein Hauptproblem bei der Bewältigung des Studiums sehen. Fachsprachenspezifische Kurse sollen den Studenten weiterhelfen.
Hohe fachliche und sprachliche Anforderungen an den Studenten
Für Studienanfänger ist vielfach bereits das Fach und seine Teildisziplinen ein Buch mit sieben Siegeln: An der Freien Universität Bozen (FUB) kommt hinzu, dass die Inhalte in drei Sprachen vorgetragen werden. In drei Sprachen studieren heißt in drei Sprachen denken, schreiben und diskutieren. Zum Wechsel der Sprache kommt der Wechsel der Professoren. Sie bringen die Vortragskultur und Arbeitstraditionen ihrer Heimatuniversitäten mit. Vortragende aus dem anglo-amerikanischen Raum fordern die Studenten zur Diskussion auf und brillieren durch ihren beinahe erzählerischen Vortragsstil. Italienische Professoren sind daran gewöhnt, vor 500 Zuhörern zu sprechen und strukturieren den Lernstoff dementsprechend schematisch. An Abwechslung fehlt es also nicht: Ein spezieller Sprachkurs soll diesen anspruchsvollen Studienbedingungen Rechnung tragen.
Hands on! Gearbeitet wird mit tatsächlichen Vorlesungsunterlagen
Neben den obligatorischen Sprachkursen gibt es an der Freien Universität Bozen seit Jänner 2000 auch fachspezifische Sprachkurse. Was erwartet die Studenten in einem sogenannten Fachsprachenkurs? In einer Einführung werden zunächst Besonderheiten der Wissenschaftssprache geübt. Die Sprache der Wirtschaftswissenschaften hat jeweils klar erkennbare Muster und Strukturen: spezifische Terminologie, bestimmte Textstrukturen und gehäuft auftretende grammatikalische Merkmale (siehe Kasten). Diese Muster für Deutsch, Italienisch und Englisch zu trainieren, ist ein Ziel der Kurse. Das allein reicht aber noch nicht. In den Übungseinheiten werden die Fertigkeiten Hörverstehen, Lesen, Schreiben und Sprechen speziell gewichtet. Der Kurs geht von den primären Bedürfnissen der Studenten aus, die die Vorlesungen und Übungen zunächst einmal besser verstehen wollen. Ausgegangen wird also von den sogenannten rezeptiven Fertigkeiten: Vorlesungen werden aufgezeichnet, im Kurs gemeinsam gesehen, diskutiert und analysiert. Lehrbuchtexte, Skripten und Zeitungsartikel werden zuerst inhaltsbezogen und dann sprachbezogen gelesen und besprochen. Im Laufe der Kurswochen nimmt die Arbeit an den produktiven Fertigkeiten zu. Hier werden Telefongespräche, Sprechstunden und Vorträge simuliert sowie Zusammenfassungen und Notizen verfasst. Gearbeitet wird vorwiegend mit authentischen – von den Studenten im jeweiligen Fach benutzten – Unterlagen.
Mehr als nur so nebenbei....
Da in den Vorlesungen auch anderssprachige Texte verwendet werden, bedeutet Spracharbeit nicht nur striktes Arbeiten an einer Sprache. Englische Basisliteratur wird zwar heutzutage in jedem Fach an fast allen europäischen Universitäten ganz selbstverständlich verwendet: Weniger selbstverständlich ist es allerdings, die Texte der verschiedenen Sprachen zu vergleichen und das Schreiben mit verschiedensprachigen Ausgangstexten zu thematisieren. Das kontrastive, also vergleichende, Arbeiten an verschiedensprachigen Texten und das Üben von spezifischen Sprachstrukturen tragen zweifellos zu einer ganz besonderen Art von Studienkompetenz bei. Die Absolventen der Bozner Uni werden nicht nur fachkompetent, sondern auch sprach- und kulturkompetent sein. Denn ein Studium in drei Sprachen ist mehr als ein paar Sprachkurse neben dem Studium.
Denken wird durch Sprache möglich. Deshalb ist es wichtig, dass die Sprache des Faches bewußtgemacht, reflektiert und individuell diskutiert wird.
Laut Studienführer bedeutet Mehrsprachigkeit an der FUB die Fähigkeit, „in den drei [...] Sprachen unterschiedlos zu denken, zu sprechen und zu schreiben". Fachsprachenkurse sind ein Muss, wenn dieses Ziel erreicht werden soll.
Englisch einfach – Deutsch komplex?
Ein Trimester Spracharbeit hat gezeigt, dass die Studenten sehr schnell von einer Sprache in die andere wechseln können. Die Fachsprachenkurse haben allerdings auch gezeigt, dass die Leichtigkeit im Sprachwechsel nicht notwendigerweise gutes Sprachverständnis bedeutet. Gezieltes Arbeiten an Begriffen und Textstrukturen, an Lesestrategien und am Formulieren sind äußerst wichtig. Interessante Unterschiede haben sich in den Meinungen über den Schwierigkeitsgrad der einzelnen Sprachen gezeigt: Während Englisch als leicht gilt, hat Deutsch das Image einer komplizierten und schwierigen Sprache. Dementsprechend sind auch die Meinungen der Studenten über ihre Sprachkompetenz in diesen Sprachen: Bei genauer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass Englisch nicht so leicht und Deutsch vielleicht doch nicht so schwierig ist.
Das Feedback zu den Kursen ist sehr positiv. Die Studenten nehmen regelmäßig teil und arbeiten motiviert mit.
Der Kurs „Fachsprache Wirtschaft" wird von der Europäischen Akademie konzipiert und evaluiert. Durchgeführt wird er von Stefania Cavagnoli und Anny Schweigkofler (Europäische Akademie) in Zusammenarbeit mit den LehrerInnen des Sprachenzentrums. Die Kurse finden 2 Mal pro Woche statt. Pro Sprache haben sich zwischen 6 und 17 Studenten angemeldet.
Wissenschaftliche Fachsprache: ein Beispiel
„Die traditionelle Finanzwissenschaft geht bei der Bestimmung der Besteuerung in zwei Schritten vor. Zunächst wird der Finanzbedarf der Gemeinde ermittelt. Dann wird geprüft, über welche Steuer dieser Bedarf am besten abgedeckt werden kann. Kriterium für die Wahl der Steuer sind wiederum die zu vermeidenden allokativen Verzerrungen."
(Charles B. Blankart: Öffentliche Finanzen in der Demokratie. Vahlen 1998, S. 292)
In diesem kurzen Textauszug finden sich einige typische Merkmale der deutsche Wissenschaftssprache:
- Verben der Allgemeinsprache werden zu Substantiven: bestimmen > Bestimmung, verzerren > Verzerrung;
- Passiv: wird ermittelt
- Fachausdrücke/Fachterminologie: allokativ
- Satzstruktur: Informationsverdichtung durch Präposition+Substantiv: bei der Bestimmung, Kriterium für die Wahl;
- Attributive Ergängung statt Nebensatz: die zu vermeidenden allokativen Verzerrungen
- Textstrukturierung: 2 Schritte > ... zunächst ermitteln...> dann prüfen ....> ... Kriterium > Wahl/Entscheidung
Beantworten Sie folgende Fragen!
1. How many yen would a resident of Japan expect to earn from each yen invested in U.S. bonds for 1 year?
2. Che differenza c'è fra causa e motivo nel negozio giuridico?
3. Warum greift das Coase-Theorem in der Praxis im allgemeinen nicht?Zugegeben es fällt schwer, Antworten auf Fragen zu finden, die man nicht versteht.
Von einem englischen Wirtschaftsstudenten setzt man voraus, dass er auf Frage 1 inhaltlich antworten kann. Von einem italienischen Studenten dasselbe bei Frage 2 usw. Was passiert aber, wenn von ein- und demselben Wirtschaftsstudenten verlangt wird, dass er auf alle drei Fragen problemlos antworten kann? Sprachkenntnisse in allen drei Sprachen reichen hier nicht mehr aus. Der Student muss die Fachsprache und den Inhalt verstehen.
Der Pilotkurs „Fachsprache Wirtschaft" – organisiert vom Sprachenzentrum der Freien Universität Bozen und der Europäischen Akademie – zeigt den Wirtschaftsstudenten den sprachlichen Weg zu ihrem Fach.
Anny Schweigkofler / Stefania Cavagnoli
Europäische Akademie Bozen
Sprache und Recht
Anny.Schweigkofler@eurac.eduStefania.Cavagnoli@eurac.eduhttp://www.eurac.edu/Projects
Corsi di linguaggio scientifico economico
Nuovi corsi presso la Facoltà di Economia della Libera Università di Bolzano: da gennaio 2000 gli studenti possono avvicinarsi al linguaggio scientifico economico italiano, tedesco e inglese e approfondire le strutture della lingua e dei suoi testi. Si parte da abilità recettive (capire testi economici e lezioni universitarie) per arrivare a abilità produttive (scrivere testi e tenere interventi orali). Il materiale utilizzato è sempre autentico e proveniente dalla bibliografia utilizzata nelle lezioni disciplinari.
Ogni corso previsto nel piano di studi delle facoltà viene svolto in una lingua ufficiale, per esempio, diritto privato e pubblico in italiano), anche se, durante l'anno, è prevista la presenza di un docente che fa lezione in una delle altre due lingue. Anche per questo motivo nei corsi di linguaggio specialistico non si lavora solo su una lingua, ma si cerca di riflettere, in modo contrastivo, su testi di lingua diverse. È questa un'abilità che va allenata come vanno allenati gli usi di determinati caratteristiche della lingua. Perché un corso di lingua: è uno strumento per avvicinarsi al modo di pensare e di agire tipico di una materia.