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„…dieses strohdumme Gesabbere über die FPÖ…" Academia Nr: 22 (März - Juni / marzo - giugno 2000)Stephanie Risse - Lobis Über sprachliche Strategien des FPÖ-Politikers Jörg Haider
Die Attacken der Haider-FPÖ auf Andersdenkende sind bösartig, zumeist unter der Gürtellinie. Wer Wind sät, wird nicht nur Sturm ernten, sondern eben alles, vom „strohdumme(n) Herumgerede und Gesabbere" (Haider in einem Interview am 31.01.2000) bis hin zu handfesten Sanktionen. Die Sprachstrategie Jörg Haiders ist ein geradezu dankbares Objekt für die politische Sprachwissenschaft und es existieren bereits seit mindestens zehn Jahren exzellente und ausführliche Analysen seiner Reden und besonders der Interviews. Schade nur, dass offensichtlich wenig Journalisten diese Arbeiten kennen, denn mit schöner Regelmäßigkeit tappen sie in die rhetorischen Fallen ihres Gegenüber. Nein, Jörg Haider als Nazi zu beschimpfen, das greift sicherlich zu kurz. Aus seinen früheren „Fehlern", sich direkt auf die Zeit des sogenannten Dritten Reichs zu beziehen, hat er schon lange gelernt. Er verwendet statt dessen sprachliche Strategien, die vielen Rechts-Populisten und in gesteigerter Form gerade den Nationalsozialisten gedient haben, um die Wählerschaft von sich zu überzeugen.
„Wir, die tüchtigen und fleißigen Österreicher" und die anderen
Dies sind hauptsächlich sprachliche Formen der Vereinfachung, verknüpft mit Versprechen und einer starken Polarisierung von „wir", die Guten und die „anderen", die Bösen. Haider baut sich selber sein „gutes Volk", das der „tüchtigen und fleißigen Österreicher", die er gegen allerlei Unbill von außen, gegen Ausländer, gegen Künstler, gegen böse Europäer beschützen will. „Wir" sind die Modernisierer der FPÖ– „jene" sind die Vertreter des verkrusteten Proporzsystems, ÖVP und SPÖ, wir sind eine „Bewegung", die anderen sind „alte Parteien". „Wir" das ist aber auch – je nach Belieben, die Kärntner FPÖ und die anderen, die Bundes-FPÖ. Die Schwarz- Weiß- Malerei ist grundsätzlich ein beliebtes sprachliches Mittel in der Politik, nur wird sie von nicht-populistischen, seriösen Politikern nicht in dieser zugespitzten Vereinfachung verwendet. Die Probleme werden vereinfacht und implizit auch deren Lösungen.
Politik als theatralische Inszenierung
Eine weitere Strategie, die Haider mit seltener Unverfrorenheit beherrscht, ist die des konsequenten Nicht-Antwortens auf Fragen von Journalisten. Dies fällt oft gar nicht auf, da Interviews in den anschließenden Fernseh- und Radioberichten meist auf einen Bruchteil ihrer EchtZeit zusammen geschnitten werden. Aber gerade auf der Pressekonferenz, die Wolfgang Schüssel und Jörg Haider nach Unterzeichnung des Koalitionsvertrags am 30.01. abgehalten haben, konnte dies mit aller Deutlichkeit verfolgt werden, da die Übertragung live und daher ungeschnitten gesendet wurde. Während Schüssel einigermaßen bemüht war, bei den Fragen der Journalisten eine Antwort zu geben, die zumindest im selben inhaltlichen Bereich lag, spulte Haider vorgefertigte Antwortschablonen ab, wies Fragen einfach zurück oder antwortete überhaupt nicht. Dies war gerade im Fall der beiden Journalisten aus Israel auffällig, deren Fragen überhörte Haider schlichtweg. Haider setzt gezielt auf das schwache Gedächtnis seiner Wählerinnen und Wähler, auf dass sie sich an seine politischen Windungen, Kapriolen und Unwahrheiten nicht mehr erinnern. Was zählt ist nicht der Inhalt, sondern die Form, die Inszenierung von Politik mit billigen Showeffekten. Ein beliebtes Stilmittel von allen Populisten und „Volkstribunen", man denke an den Einzug der „Helden" auf Parteitagen, meist begleitet von dröhnender Fanfaren-Musik.
Wörterbuch des Unmenschen?
Utz Maas war einer der ersten Sprachwissenschaftler im deutschsprachigen Raum, der den Blick nicht nur auf einzelne Sprachphänomene während des Nationalsozialismus gerichtet hat, sondern besonders die Art und Weise der Darstellung analysiert hat. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Sprachwissenschaft in der Tradition des Zeitzeugen Viktor Klemperer mit einzelnen Begriffen der NS-Zeit beschäftigt. Man ging davon aus, es habe eine Sprache des Nationalsozialismus gegeben (Lingua Tertii Imperii, die sogenannte LTI). Dementsprechend glaubte man, einen Kanon von unliebsamen Worten, das „Wörterbuch des Unmenschen" (Dolf Sternberger) aufstellen zu können und dann die Benutzung einzelner Worte oder Parolen als „politisch nicht korrekt" zu verpönen. Also werden Vokabeln wie „Endlösung", „völkisch", „rassisch", „Arbeit macht frei" usw. nicht mehr oder allenfalls als Zitate in Anführungszeichen verwendet.
Dies allein genügt jedoch nicht, um dem Phänomen eines „faschistischen" Sprachduktus näher zu kommen. Will man untersuchen, was mit Hilfe von Worten getan wird, stehen nicht einzelne Wörter oder Sätze im Mittelpunkt der Analyse, sondern die damit ausgedrückten Sprechhandlungen. Diese Analysemethode – basierend auf Ludwig Wittgensteins Philosophie, weiter entwickelt v.a. von J.L. Austin und J.R. Searle - ermöglicht es, den Punkt zu bestimmen, an dem Sprache zur Handlung wird, zur Drohung, Beschimpfung oder auch zu Gewalt führt. Jörg Haiders sprachliche Äusserungen sind – im Gegensatz zu denen seriöser PolitikerInnen– gespickt mit offenen und versteckten Drohungen („Wer nicht arbeitet, wird sich wieder ans Arbeiten gewöhnen müssen." 29.10.1998; „Die, die da hinten schreien, werden – wenn ich etwas zu sagen habe – ihre Luft noch brauchen. Zum Arbeiten." 05.10.1994); Beschimpfungen („Wenn der Klima für die Osterweiterung ist, soll er gleich in Tschechien kandidieren!" 01.10.1999); Verharmlosungen („Es ist der richtige Versuch, in der Ausländerdebatte zu differenzieren…" am 24.11.1999 zum Vorschlag einer FPÖ-Abgeordneten eine verpflichtende Identifikationskarte für Ausländer mit Fingerabdrücken einzuführen). Ganz zu schweigen von den offensichtlich falschen Behauptungen, die Haider immer wieder aufstellt und die er dann – im Notfall wieder revidieren und entschuldigen muss. Ein grosses Problem bei allen Versuchen von Moderatoren und Interviewern, Jörg Haider zu „entzaubern" liegt darin, dass sie sich zu stark auf die Suche nach den markigen Aussprüchen, nach den offensichtlichen Zitaten der Sprache der Nazis begeben, anstatt die subtilen Handlungsmechanismen zu entlarven. Es müsste dem Fernsehzuschauer oder Radiohörer klar gemacht werden, dass Haider gerade auf die konkreten Fragen nicht antwortet, dass er geschickt vom Thema des Fragenden ablenkt, um seine Schablonen unter zu bringen. Und – last but not least - müssten gerade die fragenden Journalisten exzellent vorbereitet und schlagfertig genug sein, um die offensichtlichen Lügen zu widerlegen und um der Haiderschen Taktik entgegen zu steuern, Fragen auf eine ihm angenehme Ebene zu ziehen und damit das Interview zu bestimmen. Die Interviewer werden zu oft zu den Steigbügelhaltern seiner Selbstdarstellung: Frage: Würden Sie eine Jüdin heiraten, wenn Sie nicht verheiratet wären? Haider: Ich bin so gut verheiratet, dass sich dieses Thema nicht stellt für mich. Frage: Sie wollen meine Frage nicht beantworten? Haider: Äh naja, ich glaub, des soll ma nicht tun, wenn man mit einer Frau so gut verheiratet ist. (aus der „Pressestunde" 12.10.1986 zitiert nach R. Wodak/ F. Menz (Hg): Sprache in der Politik – Politik in der Sprache. Analysen zum öffentlichen Sprachgebrauch, Klagenfurt 1990).
STEPHANIE RISSE-LOBIS Europäische Akademie Bozen Minderheiten und regionale Autonomien stephanie.risse@eurac.edu
Spachwissenschaftliche Literatur zum Thema:
- Franz Januschek: Rechtspopulismus und NS-Anspielungen am Beispiel des österreichischen Politikers Jörg Haider, Köln, 1992
- Utz Maas: „Als der Geist der Gemeinschaft eine Sprache fand" Sprache im Nationalsozialismus. Versuch einer historischen Argumentationsanalyse, Opladen 1984
- Ruth Wodak et al.: „Wir sind alle unschuldige Täter!" Diskurshistorische Studien zum Nachkriegsantisemitismus, Frankfurt, 1990 (Suhrkamp)
Bild „Österreich braucht keinen Westen- taschen-Napoleon des 21. Jahrhunderts!" (Haider über Jacques Chirac am 08.03. auf einer FPÖ-Versammlung in Kärnten) . Wer nur auf den Schatten starrt, übersieht den kleinen Mann davor (Charlie Chaplin in dem Film „Der große Diktator") Le strategie linguistiche del "fenomeno Haider" Gli attacchi da parte dei "Freiheitlichen" di Jörg Haider a coloro che la pensano diversamente sono per la maggior parte colpi bassi. Chi semina vento, non raccoglie solo tempesta, ma piuttosto, "schifose e stupidissime" (intervista ad Haider del 31.01.2000) nonché pesanti sanzioni. La strategia comunicativa di Jörg Haider dovrebbe essere quasi oggetto di ringraziamento da parte della scienza linguistica applicata alla politica, che già da almeno dieci anni ha prodotto eccellenti e particolareggiate analisi dei suoi discorsi ed in particolare delle sue interviste. Peccato solo che, a quanto pare, siano pochi i giornalisti che conoscono davvero queste analisi, poiché continuano a cadere con regolarità nelle trappole retoriche del loro interlocutore. La mera definizione di Jörg Haider come un nazista non basta certo a cogliere il fenomeno nella sua interezza. Egli ha già imparato molto dai sui precedenti "errori", allorché faceva diretto riferimento all'epoca del Terzo Reich; per conquistare gli elettori, al posto di tale strategia comunicativa, preferisce ora rivolgersi ai molti populisti di destra e a coloro i quali hanno sostenuto spiritualmente il nazionalsocialismo.
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