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Tschetschenien in Harlem Academia Nr: 23 (Juli / luglio 2000)JENS WOELK Mehr als 500 Wissenschaftler aus der ganzen Welt trafen sich im April in New York, um über Nationalitätenkonflikte zu diskutieren. Schwerpunkte waren Tschetschenien und der Balkan. Trotz unterschiedlichster Herkunft und Fachgebiete der Teilnehmer gab es keine Berührungsängste.
Wie lange müssen alteingesessene Minderheiten in ihren Gebieten gesiedelt haben, um historische Ansprüche geltend machen zu können? Diente der zweite Tschetschenienkrieg nur der Wahl Putins zum russischen Präsidenten, oder hatte er vor allem wirtschaftliche Ursachen? Ist die NATO-Intervention im Kosovo ein Mittel zur langfristigen Kolonialisierung des Balkans? Worauf gründet sich „europäische Identität"? Antworten auf diese Fragen zu finden, ist äußerst schwierig, vielleicht sogar unmöglich. Die Association for the Study of Nationalities (ASN) bemüht sich jedoch um Antworten und veranstaltet dazu einmal im Jahr ein Diskussionsforum in New York. Unter dem Titel „Identity and the State: Nationalism and Sovereignty in a Changing World" wurden die komplexen Fragen diesmal gebündelt. Mitte April kamen an der Columbia Universität über 500 Wissenschaftler aus der ganzen Welt zusammen, um sich über ihre Arbeit und die neuesten Entwicklungen auszutauschen und einige Antworten zu suchen. Beeindruckend war nicht nur die Zahl der Teilnehmer und Veranstaltungen (über 90 Panels, Vorträge und Filme in knapp drei Tagen), sondern auch der multi- und interdisziplinäre Ansatz. Dies und die unterschiedliche Herkunft der Teilnehmer machen die New Yorker Veranstaltung zu einer wichtigen Ideen- und Kontaktbörse.
Schwerpunkt: der Krieg in Tschetschenien Hauptthemen der Konferenz waren in diesem Jahr die Konflikte im Kaukasus und auf dem Balkan sowie Europa. Stellvertretend für die nahezu unüberschaubare Zahl der Vorträge, Panels und Filme zur Russischen Föderation und zum Kaukasus soll hier Tschetschenien erwähnt werden. Mit den strategischen Folgen des zweiten Tschetschenienkrieges beschäftigten sich in einem Panel ausschließlich (ehemalige) amerikanische Offiziere verschiedener Militärakademien. Ausgangspunkt waren die Entwicklungen, die seit Beginn der 90er Jahre und der Auflösung der Sowjetunion zu diesem Konflikt am Kaukasus geführt haben. Durch die Verwicklung von Einheiten des Innenministeriums in zunächst begrenzte Vergeltungsschläge auf terroristische Aktionen und Entführungen entwickelte der Konflikt eine Eigendynamik. Schon bald schaltete sich auch die Armee ein. Aus dieser Konkurrenz der Sicherheitskräfte erwuchsen erste, auch militärische Probleme. Zusätzlich waren die Kriegsziele völlig unklar. Ursprünglich ging es um eine Eindämmung der terroristischen Aktivitäten. Im Laufe des Konfliktes wurden die Ziele jedoch erweitert: zunächst auf die Besetzung von Teilen des Territoriums der „abtrünnigen Republik", schließlich wurde sogar verkündet, dass in Tschetschenien die Integrität der gesamten Russischen Föderation auf dem Spiel stehe. Diese Steigerung ist einerseits mit ökonomischen Interessen, andererseits mit dem Präsidentschaftswahlkampf in Rußland zu erklären. Im Falle eines Scheiterns bzw. einer langen Dauer des Konfliktes birgt sie jedoch ein erhebliches politisches Risiko. Genau diese Folgen sind jedoch aus militärischer Sicht wahrscheinlich. In ihren Vorträgen stellten die amerikanischen Offiziere die militärische Taktik beider Seiten genauestens dar. Die russische Armee scheint zwar aus ihren Fehlern im ersten Krieg gelernt zu haben, doch ist ein völliger, militärischer Sieg gegen die tschetschenischen Rebellen unwahrscheinlich, insbesondere wegen des schwierigen gebirgigen Geländes. Mit einem langdauernden Guerillakrieg ist daher zu rechnen. Nachrichten über Hinterhalte mit hohen russischen Verlusten bestätigen diese Prognose. Interessant war an diesem Panel die militärische „Innensicht", zumal es offensichtlich häufige Kontakte zwischen russischen und amerikanischen Militärs gibt. Aus europäischer Sicht war ungewöhnlich, dass Wissenschaftler und Militärs ohne Berührungsängste und sicherlich mit beiderseitigem Nutzen diskutierten. Das Thema Tschetschenien wurde schließlich durch einige Filme vertieft. Der 1999 gedrehte Film „Blokpost" zeigt eine Gruppe russischer Soldaten, die irgendwo im Kaukasus eine Straßensperre einrichten und bewachen. Inmitten einer idyllischen, aber feindlichen Umgebung (ein Heckenschütze beschießt sie mehrmals am Tag) läuft ein typischer Soldatenalltag ab. Dieser besteht zum größten Teil aus Warten und gelegentlichen, selten unkomplizierten Begegnungen mit Einheimischen. Der Sinn der Straßensperre wird weder den Soldaten noch den Zuschauern deutlich und steht damit symbolisch für die Fragwürdigkeit des Krieges. Auffallend ist der Realismus der Darstellung, der durchaus amerikanischen Antikriegsfilmen über den Vietnamkrieg nahekommt. In der anschließenden Diskussion blieb allerdings unklar, welche Verbreitung und welchen Einfluß derartige Filme in Rußland haben, was sie also in der politischen Diskussion bewegen können.
Zukunft auf dem Balkan und europäische Integration Die Lage auf dem Balkan, insbesondere die Möglichkeiten der regionalen Stabilisierung und Kooperation, sowie die europäische Integration und Osterweiterung bildeten weitere Themenschwerpunkte. Die Idee zu einem Panel des Bereiches „Minderheiten und regionale Autonomien" lag daher nahe und wurde von den Veranstaltern sofort akzeptiert. „European Identity Formation at the Crossroads: Ethnic Homogeneity or Multicultural Diversity? The Cases of Bosnia, Kosovo and South Tyrol compared": Welches Modell kann als Grundlage einer (zukünftigen) europäischen Identität angesehen werden? Durch den Vergleich sollte der Gegensatz von ethnischer Homogenität und multikultureller Unterschiedlichkeit deutlich werden. Nach Thesen zur aktuellen Lage in Bosnien-Herzegowina und zur zukünftigen Entwicklung im Kosovo/ a wurden die Optionen dargestellt, die Südtirol als „Modell" für die Lösung von Konflikten in anderen Regionen zu bieten hat. Darauf folgte ein Überblick über den Minderheitenschutz im Rahmen des EU-Stabilitätspaktes für Südosteuropa. Den Abschluß bildeten Anmerkungen zur (positiven) Rolle der europäischen Integration. Die intensive Diskussion kreiste vor allem um den zukünftigen Status für Kosovo/a und um die Möglichkeiten stärkerer regionaler Kooperation in Südosteuropa. Zumal sie während der Balkankonflikte häufig als Patentlösung empfohlen worden waren, stießen auch die Südtiroler Autonomieregelungen auf reges Interesse. Unter dem Thema „Sprachengesetzgebung" berichtete das Flensburger ECMI (European Center for Minority Issues) über die jüngste Gesetzgebung zu Amtssprache, Sprachgebrauch und Sprachenrechten in den baltischen Staaten, Ungarn und Kalmückien. Beispielhaft wurde die Bedeutung von Sprache (und Sprachenrechten) für Nation Building, ethnische Abgrenzung bzw. Management von (ethnischer) Differenz gezeigt. Das Zusammentreffen mit den Kollegen vom ECMI konnte auch genutzt werden, um weitere Pläne zu diskutieren (z.B. eine Tagung im Herbst in Bozen). Ein weiterer, guter Bekannter des Bereiches war in New York aktiv vertreten: Fernand de Varennes, der 1998 für einige Monate als visiting professor an der Akademie arbeitete. Er sprach zum Verhältnis von (demokratischer) Herrschaft der Mehrheit und Rechten von Minderheiten und betonte dabei vor allem die gegenläufigen Tendenzen von Demokratisierung und ethnischen Konflikten in Osteuropa und Zentralasien. In einer eigenen Sektion wurden Studien zur Propaganda in den Medien (vor allem TV-Nachrichten und Filme) während der jüngsten Balkankonflikte vorgestellt. Gerade durch sie wurde deutlich, wie wichtig ein umfassender und interdisziplinärer Ansatz ist, um das komplexe Thema „Nationalität und Nationalismus" zu erfassen. Dies ist der Vereinigung zum Studium der Nationalitäten auf ihrer fünften Jahrestagung hervorragend gelungen. Die Organisation war amerikanisch pragmatisch, trotz der großen Zahl der Teilnehmer verlief alles reibungslos. Eine gute Idee war der Verkauf der Manuskripte der Beiträge: Informationshunger konnte so unmittelbar gestillt werden, der Erlös diente als Beitrag zur Finanzierung der Konferenz. Ein besonderer Reiz war das Studium und die Diskussion der Nationalitätenfragen in einem multikulturellen Kontext wie dem New Yorker Stadtteil Harlem, in dem der Tagungsort Columbia Universität liegt. Nicht nur die Konferenz bot Gelegenheit zum Zusammentreffen mit Teilnehmern aus der ganzen Welt. Schon die Fahrt mit der U-Bahn von und nach Harlem war jedesmal ein Eintauchen in eine multikulturelle Gesellschaft und Anlaß zum Nachdenken darüber.
JENS WOELK Europäische Akademie Bozen Minderheiten und regionale Autonomien jens.woelk@eurac.edu Weitere Informationen über ASN und die New Yorker Konferenz: http://asn.uno.edu/
Ethnische Homogenität oder multikulturelle Gesellschaft? Minarett und Kirchturm in Sarajewo
Cecenia ad Harlem
Più di 500 ricercatori e studiosi provenienti da tutto il mondo si sono incontrati in aprile a New York. L'atmosfera fra le persone era tranquilla e serena, nonostante le diverse origini e i differenti ambiti scientifici di lavoro. I temi principali sono stati i conflitti di nazionalità, soprattutto di quelle cecene e balcane. Un particolare stimolo è venuto dalla scelta del luogo del convegno, la Columbia University, nel quartiere newyorkese di Harlem, noto per il suo contesto multiculturale. Multiculturalità su tutta la linea, quindi, e non solo durante la conferenza. A New York ogni viaggio in metropolitana è un tuffo in una società multiculturale, che offre continui spunti di riflessione.
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