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 Academia 23 
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Gell, Sie wollen sich einen Bauern angeln?
Academia Nr: 23 (Juli / luglio  2000)

BRITTA HACKENBERG

Mit einem Rucksack voller Fragen und festem Schuhwerk hab ich mich im letzten Sommer im Südtiroler Passeiertal auf Wanderschaft begeben, um die Bauern im Rahmen eines Forschungsprojektes nach Art und Nutzung ihrer Bewirtschaftungsflächen zu befragen. Ihre Reaktionen auf eine Wissenschaftlerin waren unterschiedlich, aber durchaus positiv.

„Von mir kriegen sie kein Geld! Immer bloß auf uns arme Bauern! Ach Auskunft? Nein, Auskunft gebe ich Ihnen auch keine", erbost wendet sich der knorrige ältere Mann von mir ab und stakst den steilen Hang Richtung Heuschuber hinauf. Ein aufmerksamer Blick würde ja schon ausreichen, um einen Teil meines Fragebogens selber auszufüllen: Höhe des Bergbauernhofs, Art der Bewirtschaftung usw. Wie oft der Bauer allerdings seine Mähwiesen schneidet, ob er sie auch als Weide benutzt, wie er sie bewässert und düngt, das kann nur er mir sagen. Und so pack ich meinen Fragebogen in den Rucksack und lauf ihm hinterher. Das geschäftige Interview von einer Wissenschaftlerin und noch dazu einer Fremden (ich komme aus Bayern!) war wohl der falsche Ansatz. Aber ich bin ja lernfähig.
Der Bauer knurrt noch immer ein wenig, als ich eine zeitlang schnaufend neben ihm hergehe. Zögerlich setze ich zu einem zweiten Anlauf an, rede übers Wetter und über Bayern. Sein Knurren legt sich allmählich. Eine halbe Stunde später sitz ich bei ihm in der Kuchl bei Kaffee und Strudel und weiß nicht nur über Bewässerung und Düngung Bescheid, sondern auch, dass sein Sohn, der Jungbauer, der eigentliche Eigentümer ist. „Aber mit dem Hof alleine kann er heut kaum mehr seine Familie ernähren. Der Ludwig ist wie so viele andere im Passeiertal ein Nebenerwerbsbauer und kann nur am Abend oder am Wochenende zupacken. Wochentags schauen Ludwigs Frau und ich, dass am Hof alles passt."

Was geht Sie als Deutsche das an, was ich mit meinen Viechern mache?
Wenn man mich so direkt gefragt hat: eigentlich nichts, was den einzelnen Bauern betrifft. Aber im großen Überblick nimmt die Art und Weise wie bäuerliche Flächen genutzt oder aufgelassen werden Einfluss auf die Entwicklung der Landschaft (Erosion, Muren- und Lawinenabgänge usw.), wie es sich im ECOMONT Projekt (vgl. Beitrag S.11) herausgestellt hat. Die Befragung vor Ort war Teil dieses Projekts. Meine Teilaufgabe im letzten Sommer bestand darin, die Grundbesitzstruktur und die Nutzung des Gebietes unterhalb der Waltner Mähder, ein Einzugsgebiet von 20 km2 , zu erfassen und zu analysieren. Als Grundlage für meine Arbeit habe ich zunächst eine digitale Katasterkarte des Tales erstellt. Um eine Struktur der Besitzverhältnisse zu erfassen, mussten die Grundbesitzer der Parzellen festgestellt werden.
Da es sich bei diesem Gebiet um über 1000 Parzellen handelte, erwies sich die geplante Vorgehensweise, die Besitzer im Grundbuch- oder Katasteramt ausfindig zu machen, als zu zeitaufwendig. Es erschien mir sinnvoller, die beiden Untersuchungsthemen Besitzstrukturerfassung und Nutzungskartierung zusammenzufassen. Was für mich also bedeutete, alle Bauern im Tal aufzusuchen und sie nach den zu ihrem Hof gehörigen Parzellen zu befragen. Zeitgleich führte ich noch eine Befragung zur Bewirtschaftung durch, für die ich einen Fragebogen zu folgenden Themen erstellt hatte:
  •  Art der Bewirtschaftung (Wald, Brache, Weide, Mahd, Aufforstung),
  • Anzahl der Schnitte der Mähwiesen,
  • Nutzung der Weiden (Frühjahrs- oder Herbstbeweidung oder beides, Sommerweide, in Kombination mit Mähwiese oder Waldweide),
  • Bewässerung und
  • Düngung.
Zu den Ergebnissen der Befragung kann vorerst gesagt werden, dass das Waltner Tal unterhalb des Bergwaldgürtels im Prinzip noch vollständig bewirtschaftet wird. Die gesammelten Informationen habe ich dann weiterbearbeitet, indem ich zu allen Parzellen die jeweiligen Nutzungsparameter in den Computer eingegeben und mit Angaben über Besitzer, Hofname und Adresse ergänzt habe.
Zu jeder Kategorie (Bewirtschaftung, Mahd, Weide, Bewässerung und Düngung) wurde anschließend eine Karte erstellt. Übereinandergelegt konnten dann zu jeder Fläche die entsprechende Parameterkombination (zweimal gemäht, bewässert und gedüngt, oder evtl. auch nur alle 2 Jahre gemäht, nicht gedüngt und nicht bewässert) abgelesen und Schlussfolgerungen daraus gezogen werden.

Eine einmalige Erfahrung
Insgesamt gesehen verliefen die Gespräche für mich sehr positiv. Viele Bauern kannten die Europäische Akademie Bozen, in deren Auftrag ich unterwegs war, bereits von früheren Untersuchungen und Befragungen. Meine anfänglichen Bedenken, wie werden die Bauern auf eine bundesdeutsche Wissenschaftlerin reagieren, waren meist unbegründet.
Im Laufe der Gespräche erfuhr ich viel über Südtirols Berglandwirtschaft, das Leben der Bergbauern im allgemeinen, aber auch die ein oder andere sagenumwobene Geschichte einzelner Höfe im besonderen. Die meisten Bauern begegneten mir offen und vor allem sehr gastfreundlich. In der Regel stieg ihre Gastfreundlichkeit je abgelegener ihre Höfe waren. Schließlich kann man eine verschwitzte und müde Wissenschaftlerin aus Deutschland nicht einfach vom Hof jagen, wenn sie eine lange Anfahrt, oft auch Anmarsch, in Kauf genommen hat. Der ein oder andere Bauer wollte mich nach unserem Arbeitsgespräch ungern wieder gehen lassen: „Sie gehen jetzt nicht, Sie kommen jetzt mit uns zum Essen.... wir wollen schließlich auch mal was zum Lachen haben...".


BRITTA HACKENBERG
Studentin Fachrichtung Landschaftsarchitektur ehemalige Praktikantin an der Europäischen Akademie Bozen
Alpine Umwelt


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