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 Academia 23 
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Bewirtschaftung und Lawinengefahr
Academia Nr: 23 (Juli / luglio  2000)


Nicht nur die Erosionsgefahr steigt mit zunehmender Brachlegung der Berghänge, auch die Häufigkeit von Lawinenabgängen

Interview mit Lawinenexperten Peter Höller

Lawinen stellen für den alpinen Siedlungsraum immer ein gewisses Gefahrenpotential dar. Trotzdem ist dieses Thema erst wieder durch die großen Lawinenkatastrophen der letzten zwei Winter in den Blickpunkt des Interesses gerückt. Die Ereignisse in Chamonix, Evolene oder Galtür verdeutlichten der Bevölkerung auf drastische Weise, dass trotz der hohen Anstrengung der Wildbach- und Lawinenverbauung ein Restrisiko bleibt. Peter Höller, Mitarbeiter des Instituts für Lawinenforschung der Forstlichen Bundesversuchsanstalt in Innsbruck, Mitglied einer Reihe von internationalen Organisationen (IUFRO, IGS, IAHS) und Europäischer Repräsentant der American Association of Avalanche Professionals, setzt sich bereits seit 1986 intensiv mit dem Thema der Lawinenbildung auseinander. Im folgenden Interview nimmt er zum aktuellen Stand des Wissens und zu den gewonnenen Forschungsergebnissen aus dem Projekt INTEGRALP (siehe auch Academia 12/97, 18/99) Stellung.

Academia:Herr Dr. Höller, wie sehen Sie derzeit die Gefahrensituation durch Lawinenim Alpenraum?
Peter Höller:In den letzten Jahrzehnten konzentrierten sich die Unfälle durch Lawinenabgänge zum über-wiegenden Teil auf den ungesicherten Raum (Tourenbereiche).
Großlawinenereignisse wie etwa im Jahr 1999 gehörten weitgehend der Vergangenheit an. Dies war sicher ein Verdienst der Wildbach- und Lawinenverbauung, die im Anschluß an die beiden Lawinenwinter 1951 und 1954 daran ging, den Siedlungsraum durch geeignete Schutzmaßnahmen (z.B. technische Verbauungen, Hochlagenaufforstungen, Gefahrenzonenplanung) abzusichern. Der in den beiden letzten Jahrzehnten stark boomende Wintertourismus beschleunigte außerdem die Entwicklung von temporären Schutzmaßnahmen wie z.B. Lawinenabsprengungen. Trotzdem muss aber gesagt werden, dass ein Restrisiko immer bleiben wird.

A:Da es schon aus rein technischer und finanzieller Hinsicht nicht möglich sein kann, den gesamten Alpenraum lawinensicher zu machen, stellt sich die Frage, wie können wir im Rahmen der Möglichkeiten die Sicherheit erhöhen?
H:Dazu muss man möglichst viel über die Ursachen wissen. Lawinen brechen in einem Großteil der Fälle als Schneebrettlawinen ab und können dann entweder als Fließlawinen oder Staublawinen ihren Weg ins Tal fortsetzen. Schneebrettlawinen bilden sich natürlich vor allem oberhalb der Waldgrenze. Das muss aber nicht immer so sein, denn die Entstehung von Lawinen ist auch im Bereich von Waldbeständen möglich. So können – wie Untersuchungen am Institut für Lawinenforschung gezeigt haben – insbesondere in aufgelockerten und nach Süden exponierten Lärchenwäldern auch Gleitschneelawinen abbrechen. Über die Entstehung solcher sind noch viel Fragen offen. Es gibt z.B. Vermutungen, dass das Schneegleiten auch im Areal der Alm- und Weideflächen eine Rolle spielen kann, und zwar insbesondere dann, wenn derartige Flächen aus der Bewirtschaftung genommen werden.

A:Stichwort Bewirtschaftungsänderung: Sie haben maßgeblich bei der Erforschung der Zusammenhänge zwischen dem Schneegleiten und der Bewirtschaftungsänderungen im Rahmen des grenzüber-schreitenden Projektes INTEGRALP „Ökologie und Bewirtschaftung alpiner Ökosystem" mitgearbeitet. Welche neuen Forschungsergebnisse konnten daraus gewonnen werden?
H:Im Rahmen diese Projektes wurden in den letzten Jahren detaillierte Untersuchungen in Nord- und Südtirol (z.B. Stubaital, Passeiertal) durchgeführt. Analysiert man nun einige Ergebnisse daraus, kann man einen recht eindeutigen Trend feststellen: die Schneegleitintensität hängt maßgeblich von der Bewirtschaftung und der Intensität der Bewirtschaftung ab. Je intensiver die Bewirtschaftung ist, desto geringer die Gleitraten. So ergaben sich die höchsten Gleitraten im Bereich von Brachflächen mit einer hohen Zwergstrauchdeckung, gefolgt von den aufgelassenen und den noch teilweise bewirtschafteten Flächen; die geringsten Bewegungen wurden im Bereich der Weiden und Mähwiesen registriert. Diese Angaben verdeutlichen also den Einfluß der Bewirtschaftung auf die Gleitraten, wenngleich man sie nicht generalisieren darf. Denn das Schneegleiten ist auch stark von der meteorologischen Situation und den Schneebedingungen des jeweiligen Winters abhängig (z.B. Schneehöhe, Schneetemperatur).

A:Solche Ergebnisse sind von wissenschaftlichem Interesse. Kann daraus aber auch praktischer Nutzen gezogen werden?
H:Diese Erkenntnisse sind natürlich nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht äußerst interessant, sondern haben überdies auch hohen praktischen Nutzen. Während man sich in der Vergangenheit nämlich vor allem auf bekannte Lawineneinzugsgebiete konzentrierte, wird man nunmehr auch dem Bereich der Alm– und Weideflächen vermehrt Aufmerksamkeit schenken müssen. Auf brachgelegten Flächen wird man die Frage von Aufforstungsmaßnahmen zu prüfen haben, es sei denn man entschließt sich, die Flächen wieder der Almwirtschaft zuzuführen. Liegt die Auflassung des betreffenden Gebietes schon mehrere Jahre zurück, sollten zusätzlich zur Aufforstung auch technische Maßnahmen (Terrassierungen oder Verpfählungen) eingeplant werden. Andernfalls sind die jungen Pflanzen relativ hohen Gleitraten ausgesetzt, was ihre Überlebenschance deutlich reduziert.

A:Die Untersuchungen wurden stark von der EU mitfinanziert. Welchen Vorteil gewinnt sie daraus?
H:Die Arbeiten haben auch entsprechenden Stellenwert für die EU-Politiken und letztendlich großen gesellschaftlichen Nutzen. Man denke nur an den wertvollen Beitrag, den diese Untersuchungen für die Sicherung des Lebensraumes im alpinen Bereich leisten. Nicht zu vernachlässigen ist auch der Beitrag zum Boden- und Erosionsschutz, ein Kapitel, dem auch von der EU große Bedeutung beigemessen wird. Insgesamt sollten die Ergebnisse als Grundlage zu einer sachgerechten Nutzung des Bodens und damit zu einer Verringerung von negativen Auswirkungen auf die Umwelt beitragen.
  • Fließlawinen: Die häufigsten Lawinen sind die sogenannten „Fließlawinen„. Bei ihnen „fließt„ nasser oder trockener Schnee den Hang hinunter und behält dabei den Kontakt zum Boden („Grundlawine„) oder der Gleitschicht („Oberlawine„).
  • Schneebrettlawinen: Besonders gefährlich ist eine Variante der Fließlawinen, die sogenannte „Schneebrettlawine„. Während andere Lawinenarten oft unterhalb oder in einer Störungsstelle, zum Beispiel der Spur eines Skifahrers, entstehen, bricht eine Schneebrettlawine meist oberhalb der Spur ab. Die Abbruchkante ist typischerweise breit, scharfkantig und senkrecht zum Gleitwinkel des Schneebretts. Skifahrer werden augenblicklich erfasst und meist vollständig verschüttet.
  • Staublawinen: Weitaus seltener sind Staublawinen. Sie beginnen üblicherweise als Fließlawine. Im Gegensatz zu Schneebrettlawinen ist die Anrissstelle der Staublawine aber punktförmig. Durch Luftturbulenzen an der Lawinenspitze wird der Schnee aufgewirbelt und fein zerstäubt. Es entsteht eine rasch anwachsende Schneewolke (bis zu 100m hoch), die mit extrem hoher Geschwindigkeit von bis zu 360 km/h ins Tal prescht. Ihre Vernichtungskraft ist gewaltig, wie das Unglück in Galtür gezeigt hat.
Das Interview führte Erich Tasser (Alpine Umwelt) Die Zerstörungskraft einer Staublawine am Beispiel eines Hauses im Zentrum von Galtür (1999) Lawinenverbauungen im Bereich der Kaserstattalm zum Schutz des Fremdenverkehrsortes Neustift im Stubaital


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