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 Academia 24 
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Vergessenes Europa Momentaufnahmen aus Tirana
Academia Nr: 24 (September / settembre  2000)

RÜDIGER TEUTSCH
Kaum eine Flugstunde von uns entfernt ist die Hauptstadt Albaniens ein Wildwuchs an Gebäuden, an Strassen, an Müll. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Einwohnerzahl verdreifacht, heute weiß niemand genau, wie viele Menschen hier leben. Die Landflucht sorgt dafür, dass die Stadt aus allen Nähten platzt: Wasserleitung, Kanalsystem, Stromversorgung sind völlig überfordert. Deshalb gibt es kein Trinkwasser, deshalb rinnt das Abwasser aus Toilette und Bad in die Regenrinne und versickert im Hinterhof. Deshalb gehören Stromausfälle – sie können von wenigen Minuten bis zu einigen Tagen dauern –zum albanischen Alltag. Und ohne Strom gibt es keine Heizung, keine warme Mahlzeit, keinen Kaffee, kein Licht – außer in den wenigen Restaurants, die sich einen eigenen Generator anschaffen konnten.
Tirana, das ist das Chaos des Straßenverkehrs, das sind auf abenteuerlichen Wegen ins Land gelangte Taxis, ausgelegt mit grünem Plastikrasen und den Farben des Schalke 04, Baujahr 1973. Vor dem Hotel Arberia brennen nachts die Mistkübel, auf der Rruga trenit, der Bahnhofstrasse fehlen einige Kanaldeckel - was niemanden zu stören scheint. Zwischen verfallenden alten Häusern aus der Mussolini Ära sieht man überall Rohbauten, Betontürme, bei deren Anblick nicht ersichtlich ist, wann und ob überhaupt weitergebaut wird. An den Straßenecken werden aber auch die Früchte harter (Gast) arbeit deutlich: das Kaffee-Deutschland, die Boutique Firenze, das Hotel California, die Pension Lugano – oder sind es nur Träume?
Neben der von schwerbewaffneten Polizisten bewachten Bank befinden sich das neue Yves-Rocher Geschäft und das Restaurant London, die Künstlervereinigung „Mehr Licht" liegt gegenüber. Vorne, beim Möbelgeschäft, das seine massiven beigen, braunen und grünen Polstersessel und Sitzbänke jeden Morgen auf den Asphalt hinaus stellt, warten die Taxifahrer, die einen um 300 Lek überall hin in der Stadt bringen.

Skanderbeg
Das Zentrum Tiranas, das ist der Skanderbegplatz mit seinem altmodischen bunten Flugzeug-Ringelspiel und den Geldwechslern vor dem Bankgebäude, die täglich den Umrechnungskurs Lek-Dollar und Lek-Deutschmark festlegen. Sie winken mit den grünen Geldbüscheln unter dem Reiterstandbild des Helden Skanderbeg, von dem man sich kein besseres Bild machen kann als das, das Ismael Kadaré, der in Gjirokaster geborene, in Frankreich lebende Schriftsteller angefertigt hat: Skanderbeg als listiger Einzelkämpfer, der mit einer Hand voll mutiger Männer die Türken besiegt. In der Schlacht bei Kruja hat er einst die mannsmäßig überlegenen Heerscharen der osmanischen Besatzer geschlagen. Ein Sinnbild des kleinen Staates: immer von anderen Mächten unterdrückt, finden Albaner doch mit Schläue Wege ihrer Selbstbehauptung.
Von der anderen Seite des Platzes strahlen die goldenen Buchstaben der „Opera", des aus weißem Marmor erbauten Opernklotzes aus den 50er Jahren. Erst kürzlich gab man dort eine skurrile Gala zum Jubiläum: die guten Musiker spielen längst in den Orchestern in Athen, in Rom, in Wien oder in den USA. Doch einige Dirigenten sind zum Ereignis zurückgekommen und verausgaben sich mit wildem Taktstock am Orchester. Es ist Dezember, das Publikum lauscht in dicken Wintermänteln sitzend, und der Chor hält trotz der wenigen Plusgrade zwei Stunden lang aus, die Damen schulterfrei. Manche der Balletttänzer haben das Alter (und die Figur) von Eleven deutlich hinter sich.
Neben der Oper ragt das Hotel Tirana International zwanzig Stockwerke in die Höhe. Es wurde vor wenigen Jahren von einer italienischen Gruppe, den „Turin hotels", renoviert und gilt neben dem Europapark des österreichischen Bauunternehmers Rogner, als das beste und teuerste Hotel der Stadt - eine Nacht kostet rund zwei Monatsgehälter eines Lehrers.

Neue Architektur
Auf dem Weg zur Universität drängt sich der Fahrer auf dem mehrspurigen Boulevard an den braungelben faschistischen Prachtbauten der Mussolinizeit vorbei, entlang am Stadtpark, vorbei an den alten Männern, die am Straßenrand ihre Personenwaagen gegen ein paar Lek zur Benützung anbieten. Rund um die Uhr verkaufen Kinder hier Zigaretten, Feuerzeuge, Kaugummi. Der einst grüne Stadtpark ist heute eine wildbebaute Gegend: Kioske, aus Wellblech und Bauholz zusammengezimmert, illegal erbaute Restaurants und Spiel(hallen)hütten. Hier wurde alles ohne Baugenehmigung hergestellt, wer zuerst da war, der baute zuerst. Wer sich nicht wehrt oder wehren kann, vor dessen Fenster, in dessen Garten wird gebaut. Die Polizei rufen ist sinnlos, die hält sich aus solchen Fehden heraus, sie ist zu schlecht bezahlt, um das eigene Leben zu riskieren. Streits werden von den Beteiligten nicht selten unter Gewaltandrohung oder Waffengewalt ausgetragen. Den Beruf des Rechtsanwalts gibt es noch nicht lange. Eine Art Anarchie.

Campus
„Faculteti sociale e shkenzave"- sozialwissenschaftliche Fakultät heißt heute die vormals juridische Fakultät. Man erreicht sie über eine Seitenstrasse, nachdem man sich durch den Schlamm über den „Schulhof" geschwindelt hat. Dort befindet sich ein kleiner Ein-Mann-Kiosk aus hellblauem Wellblech, nicht weit davon hat ein alter Händler sein Geschäft auf ein paar Holzbrettern aufgebaut: Bleistifte, Hefte mit Pamela Anderson Foto, Zigaretten, Chips, Kaugummi, Bananen, „Sesamstangerl". Drinnen im Gebäude quält der beißende Geruch der Toilettenanlagen. Sie werden zwar täglich sorgsam geputzt, der Konstruktionsfehler lässt sich jedoch nicht beheben. Offensichtlich wurden die Plumpsklos vor Jahren genauso wie sie waren vom Hof ins Gebäude verlegt – kein Wasseranschluss, keine Spülung, bloß ein Loch im Boden ohne Abfluss. Aus einer alten Regentonne schöpft man das Wasser zum Händewaschen. Kein Wunder, dass – besonders Frauen – genau planen, wann sie wieviel trinken. Wirklich aufs Klo gehen kann man nur zu Hause oder in einem der wenigen teuren Restaurants.
Über abgeschlagene Betontreppen, vorbei an den Klassenzimmern mit den uralten, einmal grün gestrichenen Holzbänken, in die sich die Student/innen zwängen, um den Lehrveranstaltungen beizuwohnen. Eine Vorlesung ist hier noch das, was ihre ursprüngliche Bedeutung war. Oft besitzt der Professor das einzige Buch, hat die einzige Übersetzung aus dem Englischen vorgenommen und diktiert nun den Text den konzentrierten, mucksmäuschenstillen Student/innen. Vorlesung eben.

Seminarraum
Im dritten Stock beginnt der Luxus: hinter einer versperrbaren Plastiktüre befindet sich der Seminarraum mit Marmorboden, beinahe schließenden Fenstern, blauen Schalensesseln mit integrierter, aufklappbarer Schreibfläche. Alles ist in grünes Licht getaucht, da die Jalousien geschlossen sind. Perfekt, auf den ersten Blick. Es scheint nur so, denn auf den zweiten Blick wird klar, dass es keine Heizung gibt, es wird bewusst, dass der Overhead-Projektor Strom benötigt, dass die Plastik-Jalousien nur provisorisch in die Wand geschraubt sind und der Wunsch nach mehr Licht dazu führt, dass die Schrauben aus der Mauer bröseln. Unter lautem Scheppern fallen die aufklappbaren Schreibflächen aus Buchendekor zu Boden, sobald man sie zu bestimmt berührt.
Durch die rückwärtige Wand aus getöntem Plastikglas sieht man das „Computermuseum", einen Raum, in dem sechs voll-ständig ausgestattete Terminals stehen, mitsamt Drucker, Scanner, Notstromaggregat und Modem. Neue Computer der Pentium II Generation. Erst in den letzten Wochen werden sie spärlich von einzelnen Student/innen benutzt. Sie stammen aus einer amerikanischen Spendenaktion. Warum sie kaum benutzt werden? Wir können nur unsere Vermutungen anstellen: Angst vor Defekten? Keine Erfahrung mit der Software? Keine Erfahrung, wie der Zugang geregelt werden kann? Keine Person, die die Verantwortung tragen kann? Die ersten Teilnehmer lugen vorsichtig bei der Türe herein. Fast alle sind schon ein-getroffen, freuen sich, einander wieder zu sehen. Die Männer umarmen und küssen einander, dann rauchen sie. Die Frauen fragen einander nach dem Wohlergehen der Familien. Alle gesund? Haben die Medikamente geholfen? Hat der Sohn die Aufnahmsprüfung auf die Universität geschafft? Ein weiteres Seminar hat begonnen, drei Tage intensiver Arbeit liegen vor uns.

RÜDIGER TEUTSCH
Mitarbeiter des Interkulturellen Zentrums Wien
Lehrbeauftragter an der Universität Innsbruck
Ruediger.teutsch@iz.or.at

"Ca. fünfzehn Mal bin ich in den letzten beiden Jahren nach Albanien gekommen, um mit Bildungsexperten aus dem ganzen Land am Projekt „Democratic Change" zu arbeiten. „Kommunikation", „Konfliktmanagement", „Schulentwicklung", „alternative Methoden", das sind die Stichworte der regelmäßigen Seminare, in denen albanische Lehrkräfte zu Multiplikatoren der „Neuen Lernkultur" ausgebildet werden. Pädagogische Arbeit unter schwierigsten Bedingungen."
Rüdiger Teutsch ist Leiter eines internationalen Projekts zur Demokratisierung der Schulen in Albanien



Istantanee da Tirana

Una foresta inestricabile di edifici, strade, immondizie a meno di un'ora di volo: è questa la capitale dell'Albania. Nel giro di pochi anni il numero di abitanti si è triplicato, e oggi nessuno sa con esattezza quante persone vivano realmente a Tirana. La fuga dalle campagne ha portato la città al collasso e ha mandato in tilt tutte le reti di approvvigionamento: da quella idrica a quella fognaria a quella elettrica. E così manca l'acqua potabile, le acque di scarico finiscono negli scoli dentro ai cortili interni, i black-out – che possono durare pochi minuti come qualche giorno – scandiscono il ritmo della vita quotidiana. Senza corrente elettrica non ci sono neppure riscaldamento, pasti caldi, caffè, luce – a parte nei pochi ristoranti che sono riusciti a munirsi di un generatore proprio. Rüdiger Teutsch, autore di questo reportage dal caos, è collaboratore dell'Interkulturelles Zentrum di Vienna, insegna presso l'Università di Innsbruck e dirige un progetto internazionale per la democratizzazione delle scuole albanesi. Proprio nell'ambito di tale progetto negli scorsi due anni si è recato in Albania per ben 15 volte.


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