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Dialog zwischen Albanern, Serben und Ungarn in Südtirol
Academia Nr: 24 (September / settembre  2000)

STEPHANIE RISSE-LOBIS
21 Experten aus den Bereichen Wirtschaft, Recht und Bildung diskutierten drei Tage lang über ihre Zukunft auf dem Balkan

Die schlechte Nachricht vorab: Die albanischen Gäste aus dem Kosovo kamen nicht. Schuld daran war vermutlich die Deutsche Botschaft im mazedonischen Skopje, die den Kosovo-Albanern die Visa falsch ausgestellt hatte, so dass sie bereits am Flughafen in Pristina von der dort stationierten internationalen Sicherheits-Polizei aufgehalten wurden. Eine bittere Pille, denn an dieser Begegnung zwischen den verfeindeten ethnischen Gruppen hatte das Projektteam um Stephanie Risse-Lobis, Elmar Pichl und Joseph Marko seit gut einem Jahr gearbeitet. Dennoch die gute Nachricht am Schluss: Die Gespräche waren sehr intensiv und aufschlussreich, denn unabhängig von der ungelösten Kosovo-Frage gibt es genügend Probleme in Serbien zu diskutieren. Initiiert und finanziert wird das „Dialog-Projekt" von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), einem der weltweit größten Unternehmen im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit und durchgeführt mit Unterstützung des Bereichs „Minderheiten und regionale Autonomien" der Europäischen Akademie Bozen. Es ging darum, Vertreter der Albaner, Serben und der ungarischen Minderheit Ex-Jugoslawiens in einer entspannten Atmosphäre zusammen zu bringen und auszuloten, inwieweit sich trotz des Kriegs Anknüpfungspunkte für einen Dialog finden lassen. In zwei Vorläufer-Workshops im montenegrinischen Budva und in der Hauptstadt Kosovos, Pristina hatten bereits zwei Treffen jeweils mit Serben und Ungarn bzw. mit Albanern stattgefunden und die Chancen für eine Begegnung im idyllischen Feldthurns waren gut. Doch auch ohne die Albaner verliefen die Gespräche teilweise sehr kontrovers, denn die Situation in Serbien ist gerade jetzt vor den Präsidentschaftswahlen am 24. September sehr angespannt und einige der Teilnehmer waren schon im Vorfeld – als Anhänger der Opposition gegen den diktatorischen Kriegstreiber Slobodan Milosevic – von der serbischen Polizei verhört und sogar physischer Gewalt ausgesetzt worden. So berichtete Vera Soti, Chefredakteurin einer unabhängigen Zeitung in der Vojvodina, dass die Räume ihrer Redaktion erst vor wenigen Wochen durchsucht, verwüstet und einige ihrer Kollegen von der serbischen Polizei verhaftet und geprügelt worden seien.

Schutz von Menschenrechten oder wirtschaftlicher Wohlstand?
Einig waren sich alle Teilnehmer, dass irgendwann die Stunde Null, der Abgang Milosevics kommen müsse. An der Frage jedoch, wie es danach weitergehen soll, schieden sich die Geister. Während Kapazitäten aus der Wirtschaftsforschung, wie Stojan Stamenkovic überzeugt davon sind, dass nur ein Aufschwung der völlig maroden Staatswirtschaft eine gewisse Befriedung auch der ethnischen Gruppen herbeiführen kann, widersprachen ihm vehement die Experten aus dem Lager der Menschenrechtler. Einer der europaweit anerkanntesten Juristen auf diesem Gebiet ist Vojin Dimitrijevic, der die gegenteilige Auffassung vertrat, nämlich dass nur das Einhalten der Menschen- und Minderheitenrechte eine wirtschaftliche Verbesserung ermögliche.
Dass auch ein großer wirtschaftlicher Wohlstand wieder in Südtirol die streitenden ethnischen Gruppen nicht unbedingt aussöhnt, zeigte die Diskussion mit deutschen, italienischen und ladinischen Historikern und Politikern. Ein Raunen ging durch den Saal, als die Gäste vom Balkan die Summe des letztjährigen Südtiroler Haushalts hörten: gut 8 Milliarden Deutsche Mark für 450.000 Einwohner. „Wir bräuchten gar keine 90% unserer Steuereinnahmen, wir wären schon mit 60% über-glücklich", betonte Milan Simurdic aus der Vojvodina, wo z.Zt. gerade mal 5% des dort erwirtschafteten Steuereinkommens verbleibt, der Rest fließt nach Belgrad. Und ein wenig Bitterkeit schwang in seiner Stimme mit, als später am Abend nach der offiziellen Diskussion Vladimir Goati, der Belgrader Politologe in seiner Dankesrede an die Organisatoren sinnierte: „Mit einem Südtiroler Haushalt hätte es vielleicht keinen Krieg im Kosovo gegeben..."

STEPHANIE RISSE-LOBIS
Europäische Akademie Bozen
Minderheiten und regionale Autonomien
stephanie.risse@eurac.edu


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