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  Academia 24 
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Lehre = Forschung
Academia Nr: 24 (September / settembre  2000)

ELISABETH RAMOSER

Aktionsforschung im Unterricht: Beobachtung und Evaluation verbessern das Lernumfeld, steigern die Motivation und stärken das Berufsprofil der LehrerInnen.

Während Martin seiner Freundin Cinzia voller Stolz die ersten Pflänzchen im Garten zeigt, öffnet Maria ganz vorsichtig die Tür des kleinen Brennofens. Eine Hitzewelle schlägt ihr entgegen. Bewaffnet mit einem Topflappen zieht sie die Schale aus rotbrauner Tonerde heraus. Stolz trägt sie das Tongefäß vor sich her: „Miss Delia, look! My bowl is ready. And it looks just like the prehistoric bowls in your history book!"
Martin, Cinzia und Maria sind SchülerInnen der Mittelschule „Marcelline" in Bozen. Das, was sie im Garten und mit dem Brennofen machen, ist Teil ihres Unterrichts. Denn an ihrer Schule wird seit geraumer Zeit fächerübergreifend und mehrsprachig gelehrt. Und wie man feststellen kann, macht das Lernen dort nicht nur Spaß, sondern bringt auch die gewünschten Resultate! Unterricht muss neugierig machen. Neugierig auf neue Themen und neue Inhalte. Interesse und Motivation steigern nämlich die Aufnahmefähigkeit und Lernbereitschaft. Diese pädagogisch-didaktische Erkenntnis wird mittlerweile in fast jeder Lehrsituation umgesetzt.

Die Lehrperson als Forscher muss...
Was aber auf den ersten Blick so einfach scheint, ist in Wirklichkeit harte Knochenarbeit: Wie können Lehrpersonen Lernende auf Inhalte neugierig machen, wie sie dazu anregen, selbständig zu lernen, Nachforschungen anzustellen und in Gruppen zu arbeiten? Antwort darauf gibt die Aktionsforschung. Sie geht nämlich davon aus, dass ein optimaler Lernprozess nur in einem geeigneten Lernumfeld stattfinden kann. Die Vermittlung individueller Lernstrategien und das Schaffen einer angemessenen Lernumgebung hängt folglich von der jeweiligen Lehrperson ab. Wie kann das in die Praxis umgesetzt werden?

...die Umwelt wahrnehmen...
Lehrpersonen stellen sich zunächst die Frage, wie sie auf das Lernumfeld einwirken oder die Motivation ihrer SchülerInnen/StudentInnen steigern könnten. Indem beispielsweise Marias handwerkliche Interessen und Fähigkeiten aktiv genutzt werden, lernt sie spielerisch Englisch und Geschichte: Das fabrizierte Tongefäß regt ihre Phantasie an und weckt ihr Interesse, was sie wiederum dazu ermutigt, Querverbindungen herzustellen. Im Gegensatz zu anderen Untersuchungsverfahren will die Aktionsforschung in den Kontexten, die sie analysiert und interpretiert, Veränderungen bewirken. Lehrpersonen müssen zunächst also ihr ganz spezielles Problem definieren (Reflexionspraxis betreiben) und dann nach Lösungsstrategien suchen. Natürlich können umsetzbare Erkenntnisse nur dann gewonnen werden, wenn das Problem und die augenblickliche Situation akribisch untersucht werden. Dazu legt man eine Art Datenbank an, in der alle Informationen zum Geschehen in der Klasse archiviert werden. Datensammlung:
  • Notizen
  • Gesprächsprotokolle
  • Raster
  • Tagebücher
  • Fragebögen
  • Tonbandaufnahmen
  • Videoaufzeichnungen
Diese Sammlung von Daten ist umso wertvoller, je mehr Personen sich daran beteiligen und je unterschiedlicher ihre Perspektiven sind. Die Natur hat uns zwar mit Augen und Ohren ausgestattet, aber dennoch können wir nicht alles hören und sehen, was sich während einer Unterrichtseinheit im Klassenzimmer abspielt. Unsere Aufnahmefähigkeit ist auch nicht unbegrenzt. Außerdem funktioniert unser Gehirn wie ein Raster, das Informationen filtert und nach gewissen Mustern ablegt, weshalb Beobachtungen von SchülerInnen/StudentInnen kaum mit denen ihrer LehrerInnen übereinstimmen werden. Um objektive und aussagekräftige Erkenntnisse ableiten zu können, sollte die Datenbank also von der Lehrperson, von den SchülerInnnen/Student-Innen und von einem oder mehreren außenstehenden BeobachterInnen erstellt werden. Die gesammelten Daten können somit ständig diachronisch und synchronisch verglichen werden.

...um auf sie einwirken zu können.
Das in der Beobachtungsphase entstandene Archiv ist die Grundlage für die nachfolgende Reflexionsphase. Alle gesammelten Daten werden verglichen, besprochen und ausgewertet. Aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse folgt die Planung neuer Aktionen (z.B. Unterrichtseinheiten, Ausflüge, Projekte), die nach deren Umsetzung wiederum anhand einer entsprechenden Datensammlung untersucht und ausgewertet werden.
Im Falle der Marcelline hat sich der Klassenrat beispielsweise überlegt, wie der Unterricht interdisziplinär gestaltet werden könnte. Eine Analyse der tatsächlichen Situation ergab, dass eine zentrale Thematik, wie etwa die Vorgeschichte, zeitgleich in verschiedenen Fächern erarbeitet werden sollte. Zum Thema „Vom Nomadendasein zur Sesshaftigkeit; von Jägern und Sammlern zu Ackerbau und Viehzucht" wurden in Religion der Mutter Erde-Kult und der Glaube an Naturgötter durchgenommen, in Werkarbeit prähistorische Gefäße nachgebildet, in Literatur mythologische Texte gelesen und in Naturkunde verschiedene Samen nicht nur erklärt sondern auch gesät. Die Beobachtung und Reflexion dieser Aktion führte zu einer neuen Fragestellung, und zwar, wie der Spracherwerb innerhalb dieser fächerübergreifenden Struktur zu verbessern sei.

Die Suche nach Antwort wirft hundert neue Fragen auf
Ein Zyklus der Aktionsforschung besteht aus Reflexions-, Planungs-, Aktions- und Beobachtungsphasen. Jede gewonnene Erkenntnis wirft neue Fragen auf, was dazu führt, dass Aktionsforschungszyklen niemals vollständig abgeschlossen sind. Deshalb wird aus der Abfolge analoger Zyklen eine Art Forschungsspirale. Die Erkenntnisse, die aus der Aktionsforschung gewonnen werden, entspringen ihrem unmittelbaren Arbeitsumfeld. Sie erwachsen aus spezifischen Bedürfnissen, da jede Unterrichtssituation einzigartig und unwiederholbar ist. Und dennoch lässt sich eine Theorie entwickeln, die auf verallgemeinerbaren Grundsätzen basiert und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden kann. Datensammlungen, beispielsweise, geben nur Aufschluss über eine spezifische Situation, dienen jedoch als Grundlage für die Erarbeitung neuer Projekte. In der Aktionsforschung werden alle Aspekte einer bestimmten Situation ausgeleuchtet. Folglich sind Lehrpersonen sowohl Subjekt, bzw. die Ausführenden, als auch Objekt ihrer eigenen Untersuchungen. Lehrpersonen betreiben also aktiv Forschung.

Und so wird Lehre zur Wissenschaft...
Die ständige Selbstbeobachtung unter Beachtung forschungsspezifischer Prinzipien führt letztlich dazu, dass Lehrpersonen bei Ausübung ihres Berufes zur eigenen Fortbildung beitragen: Sie analysieren ihre eigenen Handlungen, lernen von den gesammelten Erkenntnissen und reflektieren ihre Unterrichtsmethode(n).
LehrerInnen/ForscherInnen tragen auch wesentlich zur Steigerung des Berufsprofils bei. Durch die Aufwertung steigt das Ansehen, was wiederum mit einer Steigerung des Selbstbewusstseins und Selbstwertgefühls einhergeht. Die enge Zusammenarbeit mit anderen Lehrpersonen, mit BeobachterInnen und SchülerInnen/StudentInnen fördert auch die Solidarität zwischen den verschiedenen Gruppen sowie das Verantwortungsgefühl, die Autonomie und die Emanzipation der Eizelnen. Wichtig ist aber vor allem, wie Alessandra Peja von der Mittelschule „Marcelline" feststellt, dass SchülerInnen/StudentInnen Spaß am Lernen und Interesse an neuen Inhalten haben.

ELISABETH RAMOSER
Europäische Akademie Bozen
Sprache und Recht
elisabeth.ramoser@eurac.edu

Arbeitsheft „Fachsprachen und Didaktik"
Im März 2000 organisierte der Bereich „Sprache und Recht" ein Seminar zu diesem Thema. Professor Martin Dodman, international anerkannter Experte im Bereich Aktionsforschung mit Schwerpunkt Linguistik und Sprachlehre, hielt im Rahmen der Veranstaltung einen Gastvortrag zum Thema „Reflexionspraxis und Aktionsforschung in der Sprachlehre".
Sein Referat erscheint gemeinsam mit weiteren Seminarbeiträgen im Oktober als Tagungsband der Europäischen Akademie Bozen.

Quaderno: "I linguaggi specialistici e la loro didattica"

Nel marzo 2000 ha avuto luogo il seminario d aggiornamento organizzato dall'area scientifica "Lingua e diritto".
L'articolo qui presentato è nato in seguito alla relazione di Martin Dodman dal tema "Prassi riflessiva e ricerca-azione nell'insegnamento linguistico". Nella relazione, il docente ha presentato riflessioni sulla prassi didattica degli insegnanti, sottolineando gli aspetti positivi della ricerca-azione, che permette una grande flessibilità e adattabilità ai percorsi formativi individuali di studenti e insegnanti.
In ottobre usciranno gli atti del convegno pubblicati all'interno della collana scientifica i "quaderni dell'Accademia Europea di Bolzano".

Fachsprachen und Didaktik
I linguaggi specialistici e la loro didattica hrsg. von/a cura di Stefania Cavagnoli/Anny Schweigkofler Europäische Akademie Bozen
Accademia Europea di Bolzano 160 S./p.
ISSN 1125-3827
Arbeitsheft Nr./Quaderno N° 26 Lit. 20.000.-Für Bestellugen/Per ordinare Tel. 0471 306074
www.eurac.edu/quad.asp


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