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Leserbrief zum Artikel von Karlheiz Wöhler „Abschied von den Alpen", Academia 23, S.3 Academia Nr: 24 (September / settembre 2000)DR.-ING. H.-J. SCHEMEL Die These von Herrn Wöhler fällt aus dem Rahmen und erregt entsprechendes Aufsehen: Was in den Alpen künftig zählt, das sei die Attraktion touristischer Infrastrukturen. Diese These kommt nicht etwa bescheiden einher, etwa in dem Sinn, dass touristische Infrastruktur als Ergänzung des landschaftlichen Angebotes auch wichtig sei (diese Aussage hätte keinerlei Neuigkeitswert). Nein: die These spitzt sich zu in der Behauptung, der touristische Wert der Alpen liege nicht in dem gegebenen Raum, sondern er sei „nur noch durch Selbstinszenierungen und Erlebnisoptionen attraktiv", also etwa durch das Angebot von Musicals, die überall sein können. Wöhlers Folgerung: kapitalintensive Infrastrukturen sind notwendig, um sich von anderen Räumen (die angeblich in den Augen der Urlauber homogen/austauschbar geworden sind) abheben zu können. Hier hört der Spaß auf, denkt sich der Leser, der sich als Alpenliebhaber versteht, weil er das Besondere gerade der alpinen Landschaft schätzt. Gegenthese: Eben weil infra-strukturgebundene Urlauserlebnisse überall ihren Standort finden können und dies auch tun („Austauschbarkeit von Räumen": Open-air-Konzerte am Seeufer, Ski-Dome von Bottrop), gewinnt eine besonders charakteristische Landschaft ihren besonderen Stellenwert in der Konkurrenz touristischer Angebote um die Nachfrage potentieller Urlauber. Die Besonderheit der Landschaft ist das Primäre, Infrastruktur ist wichtig, aber sekundär. Freilich ist die Nachfrage der Alpenurlauber nicht so hausbackentraditionsbewußt, wie Herr Wöhler unterstellt, wenn er meint, der touristische Aufenthalt in den Alpen solle dem Urlauber dazu dienen, „sich dem Erhabenen des ewig dagewesenen Raumes (und damit der Menschheitsgeschichte) zu nähern." Herrn Wöhlers Vorstellung von der Wunschvorstellung des Alpenurlaubers wird deutlich, wenn er meint, der „touristische Alpenraum" habe sich „zuvor durch Bleibendes, Beständiges, Verewigtes und Unveränderliches" definiert (und weil das nicht mehr so sei, würden die Urlauber genauso gern wo anders hinfahren). Diese Käseglockenphilosophie ist schon lange passee und die gab es auch nur in den Köpfen mancher konservativer Ideologen. Schon immer war der Alpenraum ein dynamischer Wirtschafts- und Lebensraum, auch wenn das durch die Brille so mancher Beobachter nicht wahrgenommen wurde. Schon immer wurden modernste touristische Nachfragetrends auch in den Alpen aufgegriffen, ohne dass diese Angebote als solche im Widerspruch zu der Besonderheit der alpinen Landschaft gestanden haben. Die Alternative ist nicht: entweder „alles soll bleiben wie es war" (Beständigkeit, Unveränderlichkeit) oder Nutzung der Alpen für moderne Freizeitgestaltung („Vergängliches, Vorläufiges, Trendiges und Machbares"). Sondern die Alternative lautet: passen wir uns mit der Infrastruktur, die für die Befriedigung moderner Freizeitbedürfnisse im Alpenraum notwendig ist, an die Landschaft an (im Sinne einer „dienenden Funktionalität") oder zerstören wir die landschaftliche Besonderheit von immer mehr Teilräumen der Alpen mit einer dominanten, selbstherrlichen Infrastruktur, die sich wichtiger nimmt als die Landschaft? Im zweitgenannten Fall würde der alpine Tourismus nach und nach genau den Ast absägen, auf dem er bisher ganz gut sitzt.
DR.-ING. H.-J. SCHEMEL Büro für Umweltforschung und Umweltplanung, München
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