Zukunft der Hochschule
Kostenersparnis und Praxisrelevanz durch "Intervision" von Herbert Salzmann
Die traditionelle Idee der Hochschule ist in eine Krise geraten, ihr umfassender und elitenformender Bildungsanspruch gilt für die Gegenwart nur mehr eingeschränkt. Studieren garantiert weder Allgemeinbildung noch spezialisierte Handlungskompetenz und schon gar nicht einen Arbeitsplatz. Ein Modell, das in der wirtschaftlichen und sozialen Organisationsgestaltung zunehmend praktische Relevanz gewinnt, könnte helfen, das Hochschulwesen kostensparend und effizient zu gestalten: die Intervision. Die folgenden Ausführungen dazu erheben nicht den Anspruch auf umfassende Richtigkeit, sondern wollen zur Diskussion anr
Der Begriff Intervision ist eine Analogiebildung zu Supervision und meint "sich-gegenseitig-Wahrnehmen" im Unterschied zu "von-oben-Beobachten", welches in der traditionellen Supervision praktiziert wurde. Das lateinische Wort "visio" (von videre, sehen) ist verwandt mit dem altindischen vèda-ich weiß, oder mit dem althochdeutschen wizzan-Wissen.
Das Wahrnehmen des anderen Menschen und seiner Angelegenheiten wird in der Intervision in dem Vertrauen auf den etymologisch angelegten Wahrheitsgehalt der Wahrnehmung praktiziert.
Methodische Unterstützung erhält diese Auffassung durch die Philosophie der letzten Dekaden, etwa bei Jean-François Lyotard, Wolfgang Welsch oder Peter Sloterdijk, wo wahrnehmungsorientiertes oder "asthetisches" Denken rehabilitiert wurde. Der Hintergrund dieser philosophischen Überlegungen ist durchaus ein praktischer: durch Vertrauen in die eigene Wahrnehmung gewinnt der Einzelmensch an Urteils-und Entscheidungskompetenz, er ist nicht mehr im selben Ausmaß Fachleuten und politischen Autoritäten hörig. Auf diesen Grundgedanken ist beispielsweise die Reorganisation wirtschaftlicher Prozesse durch Teamarbeit zurückzuführen oder der wachsende Anspruch von Bürgern auf Mitbestimmung bei Ortsleitbildern, Kraftwerks- oder Straßenbauvorhaben.
Intervisionäre Gruppenprozesse beruhen auf der einfachen Erkenntnis, daß vier Augen mehr sehen als zwei.
In der Praxis bedeutet das, daß ein Mensch seine Gedanken, Fragen oder Probleme anderen Menschen gegenüber anschaulich schildert und Beurteilungen aus verschiedenen Sichten darüber erhält. Dem postmodernen Gedanken der Pluralität wird insofern Rechnung getragen, als die verschiedenen Urteile im Team vorerst gleichberechtigt zugelassen und nebeneinandargestellt werden.
Probleme werden dadurch in komplexer Vielschichtigkeit sichtbar, und das Spektrum der Lösungsmöglichkeiten entsprechend erweitert. Im weiteren Prozeßverlauf werden die Rollen vertauscht, sodaß jedes Gruppenmitglied Beraterfunktion ausübt und beraten wird. Die Fähigkeit seitens der "Berater", klärende Fragen zu stellen, kommt in diesem Prozeß ein besonderer Stellenwert zu. In der Management-Theorie ist dieses Steuern mittels Fragen ("Coaching") mittlerweile als die zeitgemäße und produktive Form von Führung anerkannt, weil die Frage, im Unterschied zum Befehl, den Menschen frei läßt und zur selbständigen Lösung motiviert. Als weitere Stärke der Intervision kann die persönliche Begegnung von Mensch zu Mensch gewertet werden. Die wissenschaftliche Problembearbeitung beispielsweise wird dadurch in jenem humanen Kontext vollzogen, den die Wissenschaft der Vergangenheit immer wieder vermissen ließ. In dieser Hinsicht ist die heterogene Zusammensetzung von Intervisionsgruppen wünschenswert.
Wenn Ökologen mit Staßenplanern, Soziologen und Bürgern gemeinsam Verkehrsmodelle entwickeln, werden die Ergebnisse eine umfassendere Richtigkeit aufweisen.
Zusammengefaßt ist Intervision also eine Interaktion in Gruppen, in der wahrnehmungsnahe und praxisbezogene Schilderung, gezieltes Fragen, Pluralität der Standpunkte und menschliche Begegnung eine wesentliche Rolle spielen. Und eben diese Form von Kommunikation könnte in Zukunft den Lehrbetrieb an Hochschulen erheblich effektiver und billiger gestalten. Vernetzte Computer werden die bisherigen Vorlesungen überflüssig machen.
Reine Informationsvermittlung wird sich also von den Hochschulen weg nach Hause verlagern.
Der Bedarf nach zwischenmenschlicher Kommunikation wird deshalb aber keineswegs geringer. Diese muß sich nur so vollziehen, daß Menschen sich wirklich als Menschen begegnen und zielorientiert Informationen verarbeiten. Ohne die Verarbeitung von Information in gekonnter Intervision bleibt diese abstraktes Vorstellungswissen.
Neben der informationsverarbeitenden Funktion der Intervision wirkt diese auch der sozialen Vereinzelung entgegen, die zum gesellschaftlichen Problem werden wird. Die Begegnung von Menschen wird aus Gründen des Lernens und aus Gründen der sozialen Gesundheit institutionalisiert notwendig.
Die universitäre Praxis der Zukunft könnte demzufolge in etwa so aussehen: Den größeren Teil der Studienzeit sitzen Studierende zuhause am Computer bzw. lesend, hörend, sehend über medialisierten Computerdaten, die weltweit von Forschern für Studienzwecke in Datennetze eingespeist werden. Auch per Computer werden Forschungsfragen diskutiert, Lernstoff wird von Stundenten ob seiner Brauchbarkeit im Datennetz beurteilt und vielleicht nach Zugriffsquantität bezahlt. Wenigstens einen Tag pro Woche gehen Studenten in die Räume universitärer Kommunikationszentren, wo sie sich spontan oder organisiert begegnen. Die organisierten Begegnungen und Interaktionen (bisher "Lehrveranstaltungen) vollziehen sich in der ersten Studienhälfte in Studentengruppen von 5-12 Teilnehmern, die von einem Prozeßbegleiter gesteuert werden. Von diesem lernen die Studenten zugleich die Fähigkeiten, die sie benötigen, um in selbstorganisierten Teams zu arbeiten. Zusätzlich erwerben die Studenten fachliches Wissen durch eigene Fachberater, den bisherigen Professoren, die bestenfalls mit dem Prozeßbegleiter ident sind. Die Summe der in Anspruch zu nehmenden Fachberatungen könnte in der ersten Studienhälfte noch vorgeschrieben sein. Das Auswahlspektrum muß aber breit gefächert sein, damit durch Fachberatung keine hierarchischen Druckmittel entstehen, wie derzeit noch oft der Fall. So werden Studenten fähig werden, sich ihren gegenseitgen Bedarf an Fachwissen per Intervision zusehens selbst zu vermitteln. Ein übergeordnetes Fähigkeitskriterium für Prozeßbegleiter, Fachberater und Studenten wäre daher eine ausgeprägte Sozialkompetenz. In der zweiten Studienhälfte organisieren Studierende sich weitgehend selbständig, ohne Pozeßbegleiter. Fachberater werden nach Bedarf - unter Umständen direkt aus der Arbeitswelt heraus - von den Studierende angefragt und in die Lernteams als Partner eingeladen. In diese fachberatende Funktion treten Studierende schon während ihrer Studienzeit über und finanzieren sich auf diesem Wege einen Teil ihres Studiums. Einen nicht geringen Teil der zweiten Studienhälfte verbringen Studierende mit Arbeit in jenem Bereich, für den sie sich universitär qualifizieren wollen. Auch graduierte Akademiker, die ins volle Berufsleben übergetreten sind, bleiben als Studierende einerseits und als Fachberater andererseits in die Hochschule eingebunden. Die Kommunikationszentren werden dezentral situiert mit besonderem Augenmerk auf praktische Einbindung in das Arbeitsleben.
Jede größere Firma, jedes Museum, jede Verwaltungseinrichtung kann universitäre Kommunikationsräume besitzen. Universitäres Wissen wird auf diesem Wege praxisrelevant, kundenorientiert und kostensparend zirkulieren.
Die Beurteilung von akademischen Fähigkeiten, weniger von Wissen, wird ebenfalls in Kommunikationsgruppen vorgenommen, bzw. am studienbegleitenden Arbeitsplatz unter Einbeziehung erfahrener Praktiker.
Vertrauen und eine neue zwischenmenschliche Verantwortlichkeit, die in den Intervisionsgruppen entstehen, werden das bisherige Prüfungswesen ersetzen. Mißtrauen, Willkür und mechanistische Normierung werden durch gegenseitige Beurteilung in Gruppen aus dem Prüfungswesen verbannt. Regelmäßig ausgewertet werden nicht nur die Leistungen der Studierenden, sondern ebenfalls die der Prozeßbegleiter und Fachberater. Pragmatisierte Universitätsbeamte wird es kaum mehr geben müssen. Das rein akademische Lehrpersonal kann zahlenmäßig verringert werden, weil die Belehrung "von oben herab" nicht mehr stattfindet. Jeder Mensch, der am akademischen Leben teilnimmt, wird deutlich mehr Zeit für zukunfts- und problemorientierte Forschung haben. Die Forschung wird ebenfalls effizienter, indem das Prinzip der Intervision in ihrem Metier konsequent verwirklicht wird.
Der erste Schritt zur Wissenschaftsorganisation durch Intervision wird im Aufnehmen eines Faches "Soziale Kompetenz" in die Studienpläne aller Studienrichtungen liegen, gedacht für Studenten und Professoren.
Mag. phil. Herbert Salzmann, Jahrgang 1959, ist Organisationsberater (Kögler & Salzmann) und Mitglied des Instituts für Sozialästhetik e.V. in Innsbruck.